Sozialer Risikofaktor

Mehr Klinikaufnahmen mit Atemwegserkrankungen bei alleinstehenden Senioren

Soziale Isolation erhöht bei älteren Menschen das Risiko, wegen einer Atemwegserkrankung stationär behandelt zu werden.

Von Beate Schumacher Veröffentlicht: 22.04.2020, 12:04 Uhr
Das Risiko, wegen einer Atemwegserkrankung stationär behandelt zu werden, ist für ältere Menschen aus Ein-Personen-Haushalten um 32 Prozent erhöht.

Das Risiko, wegen einer Atemwegserkrankung stationär behandelt zu werden, ist für ältere Menschen aus Ein-Personen-Haushalten um 32 Prozent erhöht.

© Waltraud Grubitzsch / dpa

London. Atemwegserkrankungen haben – lange vor COVID-19 – unter den Ursachen für Krankenhausaufnahmen in Großbritannien überproportional stark zugenommen; in den Wintermonaten sorgen sie für überfüllte Notaufnahmen und Bettenknappheit.

Forscher des University College London hoffen nun, einen bisher wenig beachteten modifizierbaren Risikofaktor für den Anstieg der Hospitalisierungen gefunden zu haben: die soziale Isolation von älteren Menschen.

Befragung von älteren Menschen plus Krankenhausdaten

Die Wissenschaftler haben Daten einer bevölkerungsrepräsentativen Studie zum Altern (English Longitudinal Study of Ageing, ELSA) mit Krankenhausdaten des NHS verknüpft (Thorax 2020; online 21. April). Die Teilnehmer von ELSA werden alle zwei Jahre zu Gesundheit, Gesundheitsverhalten und Lebensumständen befragt.

Für die aktuelle Analyse konnten Daten von 4478 Teilnehmern verwendet werden. Während des Follow-up von fast zehn Jahren waren 11 Prozent von ihnen mindestens einmal wegen einer Atemwegserkrankung stationär behandelt worden.

Das Risiko dafür lag bei Teilnehmern aus Ein-Personen-Haushalten um 32 Prozent höher als bei Menschen, die mit anderen zusammenlebten. Vermehrt gefährdet waren außerdem Menschen, die sich nicht an sozialen Aktivitäten beteiligten, ihr Risiko war um 24 Prozent erhöht. Ob die Teilnehmer Einsamkeit empfanden, hatte dagegen keinen Einfluss auf das Hospitalisierungsrisiko.

Auch das Fehlen von Kontakten zu Verwandten und Freunden wirkte sich nicht negativ aus. Bei allen Berechnungen wurden soziodemografische, gesundheitliche und lebensstilbezogene Unterschiede berücksichtigt.

Subjektives Gefühl der Einsamkeit nicht relevant

„Das heißt: Verschiedene Aspekte von sozialer Isolation, nicht aber das subjektive Einsamkeitsgefühl gehen mit einer erhöhten Hospitalisierungsrate einher“, schreiben die Forscher um Feifei Bu. Die negativen Effekte erklären sie unter anderem damit, dass alleinlebende ältere Menschen weniger sozialen Druck erfahren, bei (Atemwegs-)Erkrankungen frühzeitig medizinische Hilfe zu suchen.

Soziale Isolation wirke sich aber auch direkt auf die Gesundheit aus, zum Beispiel über eine erhöhte Entzündungsaktivität. Möglicherweise würde auch das höhere Risiko bei einer Entlassung die Ärzte dazu bewegen, alleinstehende Personen eher stationär zu behalten.

„Social prescribing“ nutzen

Dass soziale Kontakte sich nicht als protektiv erwiesen, führen die Forscher auf das damit verbundene Infektionsrisiko zurück – es sei größer als bei Kontakten mit Personen desselben Haushalts oder bei den distanzierteren Kontakten während sozialer Aktivitäten.

Um das Risiko für stationäre Einweisungen zu senken, empfehlen Bu und Kollegen, alleinlebende ältere Menschen mit Lungenerkrankungen stärker in die Gesellschaft einzubinden. Dafür können und sollen Ärzte in Großbritannien das Mittel des „social prescribing“ nutzen.

Das Verschreiben von sozialer Teilhabe kann unterschiedliche Maßnahmen beinhalten, etwa Gärtnern,, Sportgruppen, Ernährungsberatung oder Seniorentreffen.

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