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Influenza

Mit Angst wächst die Impfbereitschaft nicht

Bei Influenza werden regelmäßig Bedrohungen an die Wand gemalt, die nicht eintreffen. Um die Prävention zu fördern, wäre es besser, Erfahrungen von Betroffenen zu schildern und an die Verantwortung für Mitmenschen zu appellieren.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:
Krank mit hohem Fieber: Diese Symptome einer Influenza können Patienten gut nachvollziehen.

Krank mit hohem Fieber: Diese Symptome einer Influenza können Patienten gut nachvollziehen.

© drubig-Foto / Fotolia.com

"Wie viele Influenza-Tote kennen Sie?" Diese Frage würden Passanten auf der Straße oder Personal in einer Klinik eher mit Schulterzucken beantworten.

Alle Jahre wieder konfrontieren uns Infektiologen im Herbst mit Daten zur Influenza-Gefahr.

Subjektiv werden die Risiken aber kaum wahrgenommen, was ein Grund für die geringe Impfbereitschaft sein könnte, meint die Psychologin Dr. Hiltraut Paridon vom Institut für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung in Dresden.

Sie erklärt das Phänomen mit Mechanismen der Wahrnehmungspsychologie: Mit verbalen Bedrohungsszenarien erhöhe man die Impfquoten nicht: im Gegenteil!

Der Mensch nutzt Heuristiken, also einfache Regeln, um in komplexen Situationen Entscheidungen treffen zu können. Dabei spielen eigene Erfahrungen und Medienberichte eine große Rolle.

Wird vor der Grippesaison massiv gewarnt, unter anderem mit der statistisch berechneten Exzess-Mortalität während der Grippesaison, und heißt es nach der Saison: "War doch nicht so schlimm", werden Warnungen im kommenden Jahr skeptischer aufgenommen werden.

Hinzu kommt die Frage, ob eine Gefahr sinnlich wahrgenommen wird oder nicht. Die Folgen eines Verkehrsunfalls hat so gut wie jeder schon einmal gesehen oder selbst gefährliche Situationen im Straßenverkehr erlebt.

Einen an Influenza gestorbenen Menschen kennen die wenigsten. Und nur wenige Ärzte werden schon einmal "Influenza" als Todesursache auf einen Totenschein geschrieben haben.

Tausende Influenza-Tote pro Jahr

Wir kennen den Tod durch Herzinfarkt, durch Krebs, wir sehen die Holzkreuze am Straßenrand. 3991 Tote im Straßenverkehr im Jahr 2011, elf Menschen täglich. Ja, das wird hingenommen und wird verdrängt, wenn man ins Auto steigt. 4000 bis 20.000 Influenza-Tote pro Jahr in Deutschland?

Eine virtuelle Zahl, eine statistisch begründete Schätzung. Und auch die Schutzwirkung der Impfung ist sinnlich nicht wahrnehmbar: Niemand weiß am Ende der Grippesaison, ob man wegen oder trotz der Impfung gesund geblieben ist.

Ein dritter Punkt ist die Frage, inwiefern ein Risiko als beherrschbar angesehen wird. Influenza wird immer noch oft mit grippalem Infekt verwechselt: Im schlimmsten Fall muss man ein paar Tage im Bett verbringen.

Forscher, die Daten von nachweislich an Influenza verstorbenen, zuvor völlig gesunden Kleinkindern aufbereitet haben, Pädiater, die diese Patienten behandelt haben, sehen das freilich anders.

Viertens leiten kurzfristige Konsequenzen den Menschen stärker als langfristige. Drei kurzfristige Konsequenzen hat die Influenza-Impfung: Sie kostet Zeit, tut weh und eventuell fühlt man sich die nächsten Tage unwohl.

Mancher wird auch krank. Langfristige Konsequenzen: schwere Krankheit, eventuell Tod? Diese Gefahr wird, ebenso wie Verkehrstote, verdrängt.

Und schließlich ist das Thema Influenza kompliziert, angefangen bei den Viren-Typen und Subtypen, Begriffen wie "Reassortment", "Antigendrift und -shift" bis hin zu vielen unterschiedlichen Grippeimpfstoffen mit verschiedenen Wirkungen und Nebenwirkungen und einer variablen, nicht eindeutig vorhersagbaren Effektivität.

Diese Komplexität mache die Informationsvermittlung nicht einfacher, sagt Paridon. "Wir Menschen suchen immer nach Informationen, die mit dem eigenen Standpunkt übereinstimmen, versuchen also kognitive Konsonanz herzustellen." Informationen, die dem widersprechen, werden unterbewertet oder ausgeblendet.

Lesen Sie dazu auch: Kommentar zur Grippeimpfung: Der Zwang zur Vernunft

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