Pädiatrie

Morgens stand der Hals schief - scheinbar grundlos

FREIBURG (ner). Ein akuter Schiefhals bei Kindern kann Symptom etwa einer bedrohlichen Infektion sein. Deshalb muß jede Manipulation an der Halswirbelsäule unterlassen werden, warnt ein in der Manualmedizin erfahrener Kollege aus Freiburg.

Veröffentlicht: 23.03.2006, 08:00 Uhr

Der Schiefhals könne die Folge eines Infekts oder einer Operation an den oberen Luftwegen sein, ein sogenanntes Grisel*-Syndrom, so Dr. Matthias Riedel in der Zeitschrift "Manuelle Medizin" (43, 2005, 424). Wie sich das Syndrom bemerkbar machen kann, hat Riedel, Facharzt für physikalische und rehabilitative Medizin, in einer Kasuistik beschrieben.

Beim Aufwachen hat ein Kind plötzlich einen Schiefhals

Ein neunjähriges Mädchen war aus scheinbar völliger Gesundheit heraus morgens mit einem Schiefhals in Rechtsseiten-Neigung und schmerzhafter HWS-Rotation nach links aufgewacht. Zunächst gab sie an, zwei Tage zuvor im Schulsport Purzelbaum geübt zu haben, ohne sich zu verletzen. Gezieltes Befragen ergab einen fieberhaften Infekt mit Husten und Laryngitis sechs Wochen zuvor.

Das HWS-Röntgenbild erschien dem erstbehandelnden Arzt in einer chirurgischen Ambulanz unauffällig. Das Mädchen erhielt eine modifizierte Halskrause (zirkulär gewickelte Watte, mit elastischer Binde fixiert). Die Schmerzen nahmen jedoch zu, trotz Therapie mit Ibuprofen-Saft. Das Mädchen erbrach mehrfach und klagte über Schluckbeschwerden und Schwindel.

Neurologische Untersuchungen ergaben keine Auffälligkeiten

Als sie am nächsten Tag in Riedels Praxis kam, war der Kopf weit nach links rotiert und nach rechts geneigt. Das Kind hatte ein Lidödem, die Halsmuskulatur war hart verspannt. Bei der neurologischen Untersuchung ergaben sich keine Auffälligkeiten. Fieber bestand nicht.

Nach axialem Zug über fünf Minuten stellte sich die HWS wieder gerade. Allerdings nahmen die Symptome in den folgenden zwei Stunden wieder zu, trotz erneuten Anlegens einer Halskrause sowie der Schmerztherapie.

Die anschließend gemachte Computertomographie ergab die Diagnose: Subluxation von C1 mit Rotationsfehlstellung nach links von 33°. In Narkose wurde nach Reposition des Wirbelkörpers ein Halo-Fixateur zur Ruhigstellung der HWS angelegt.

Bei dieser Fixation wird ein Metallring um den Kopf gelegt und mit Schrauben in der Schädeldecke befestigt. Stangen führen von dem Kopfring zu zwei auf Schlüsselbeinhöhe plazierten, gepolsterten Halterungen. So wird die HWS fixiert.

Unter dieser Therapie wurde das Mädchen beschwerdefrei. Angeschlossen wurde eine Bewegungsschulung, vor allem, um dem Mädchen die Bewegungsangst zu nehmen.

Die Subluxation von C1 oder C2 kann lebensbedrohlich sein

Beim Grisel*-Syndrom handelt es sich um eine lymphogen fortgeleitete Entzündung, die eine HWS-Spondylarthritis verursacht. Die Inzidenz des Grisel-Syndroms ist unbekannt. Der Lymphstau führe dazu, daß der Muskel schmerzhaft verspannt und verkürzt wird, so Riedel. "Die Folge ist eine bisweilen bedrohliche Subluxation von C2 und/oder C1."

Aus diesem Grund sei bei Kindern mit Schiefhals eine Manipulation an der HWS kontraindiziert. Ein Schiefhals müsse bis zum Beweis des Gegenteils als lebensbedrohlich angesehen werden, betonte er. Gerade bei schweren Verläufen sei eine Therapie mit Breitbandantibiotika angezeigt, selbst wenn kein Fieber besteht und kein vorangegangener Infekt bekannt ist, sagte Riedel zur "Ärzte Zeitung".

*Pierre Grisel, französischer Chirurg, 1869 bis 1959

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