Morgens stand der Hals schief - scheinbar grundlos

FREIBURG (ner). Ein akuter Schiefhals bei Kindern kann Symptom etwa einer bedrohlichen Infektion sein. Deshalb muß jede Manipulation an der Halswirbelsäule unterlassen werden, warnt ein in der Manualmedizin erfahrener Kollege aus Freiburg.

Veröffentlicht:

Der Schiefhals könne die Folge eines Infekts oder einer Operation an den oberen Luftwegen sein, ein sogenanntes Grisel*-Syndrom, so Dr. Matthias Riedel in der Zeitschrift "Manuelle Medizin" (43, 2005, 424). Wie sich das Syndrom bemerkbar machen kann, hat Riedel, Facharzt für physikalische und rehabilitative Medizin, in einer Kasuistik beschrieben.

Beim Aufwachen hat ein Kind plötzlich einen Schiefhals

Ein neunjähriges Mädchen war aus scheinbar völliger Gesundheit heraus morgens mit einem Schiefhals in Rechtsseiten-Neigung und schmerzhafter HWS-Rotation nach links aufgewacht. Zunächst gab sie an, zwei Tage zuvor im Schulsport Purzelbaum geübt zu haben, ohne sich zu verletzen. Gezieltes Befragen ergab einen fieberhaften Infekt mit Husten und Laryngitis sechs Wochen zuvor.

Das HWS-Röntgenbild erschien dem erstbehandelnden Arzt in einer chirurgischen Ambulanz unauffällig. Das Mädchen erhielt eine modifizierte Halskrause (zirkulär gewickelte Watte, mit elastischer Binde fixiert). Die Schmerzen nahmen jedoch zu, trotz Therapie mit Ibuprofen-Saft. Das Mädchen erbrach mehrfach und klagte über Schluckbeschwerden und Schwindel.

Neurologische Untersuchungen ergaben keine Auffälligkeiten

Als sie am nächsten Tag in Riedels Praxis kam, war der Kopf weit nach links rotiert und nach rechts geneigt. Das Kind hatte ein Lidödem, die Halsmuskulatur war hart verspannt. Bei der neurologischen Untersuchung ergaben sich keine Auffälligkeiten. Fieber bestand nicht.

Nach axialem Zug über fünf Minuten stellte sich die HWS wieder gerade. Allerdings nahmen die Symptome in den folgenden zwei Stunden wieder zu, trotz erneuten Anlegens einer Halskrause sowie der Schmerztherapie.

Die anschließend gemachte Computertomographie ergab die Diagnose: Subluxation von C1 mit Rotationsfehlstellung nach links von 33°. In Narkose wurde nach Reposition des Wirbelkörpers ein Halo-Fixateur zur Ruhigstellung der HWS angelegt.

Bei dieser Fixation wird ein Metallring um den Kopf gelegt und mit Schrauben in der Schädeldecke befestigt. Stangen führen von dem Kopfring zu zwei auf Schlüsselbeinhöhe plazierten, gepolsterten Halterungen. So wird die HWS fixiert.

Unter dieser Therapie wurde das Mädchen beschwerdefrei. Angeschlossen wurde eine Bewegungsschulung, vor allem, um dem Mädchen die Bewegungsangst zu nehmen.

Die Subluxation von C1 oder C2 kann lebensbedrohlich sein

Beim Grisel*-Syndrom handelt es sich um eine lymphogen fortgeleitete Entzündung, die eine HWS-Spondylarthritis verursacht. Die Inzidenz des Grisel-Syndroms ist unbekannt. Der Lymphstau führe dazu, daß der Muskel schmerzhaft verspannt und verkürzt wird, so Riedel. "Die Folge ist eine bisweilen bedrohliche Subluxation von C2 und/oder C1."

Aus diesem Grund sei bei Kindern mit Schiefhals eine Manipulation an der HWS kontraindiziert. Ein Schiefhals müsse bis zum Beweis des Gegenteils als lebensbedrohlich angesehen werden, betonte er. Gerade bei schweren Verläufen sei eine Therapie mit Breitbandantibiotika angezeigt, selbst wenn kein Fieber besteht und kein vorangegangener Infekt bekannt ist, sagte Riedel zur "Ärzte Zeitung".

*Pierre Grisel, französischer Chirurg, 1869 bis 1959

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Studie mit Fremanezumab

CGRP-Antikörper lindert Migräne auch bei Minderjährigen

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 2: Infusionsschema der REGENCY-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [3]

Neue Therapieoption bei Lupus-Nephritis verfügbar

Obinutuzumab verbessert Nierenoutcomes bei Lupus-Nephritis

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen
Abb. 1-- Zeit bis zum ersten Ereignis (Tod durch jegliche Ursache oder kardiovaskuläres Ereignisb) in der Gesamtpopulation (a) bzw. in der Monotherapie-Population (b).

© Springer Medizin Verlag

Mit Vutrisiran früh kausal behandeln

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Prozesse werden teurer

Tipps: So können Praxen die Risiken für einen GOÄ-Streit minimieren

Sie fragen – Experten antworten

Ab wann darf ich jüngere Menschen auf Kasse gegen Herpes zoster impfen?

Bei Senioren

Hypothermie bei Sepsis – ein Warnsignal!

Lesetipps
Eine Blutdruckmessung

© CasanoWa Stutio / stock.adobe.com

Fallstricke in der Praxis

Häufige Fehler in der Hypertonie-Therapie: So geht’s besser!

Ein Mann im Hintergrund nimmt einen Schluck von einem Drink. Im Vordergrund stehen vier Flaschen mit alkoholischen Getränken.

© Axel Bueckert / stock.adobe.com

Analyse des Trinkverhaltens

Wie lebenslanger Alkoholkonsum das Darmkrebsrisiko steigert