Nationaler Impfplan ohne Plan

Drei Jahre hat es gebraucht, einen Nationalen Impfplan zu erstellen. Jetzt wurde er veröffentlicht - allerdings ohne großes Getöse. Das könnte mit dem Impfplan selbst zu tun haben.

Wolfgang GeisselVon Wolfgang Geissel Veröffentlicht:
Über Impflücken ist in Deutschland nur wenig bekannt.

Über Impflücken ist in Deutschland nur wenig bekannt.

© pix4U / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Mit einem Nationalen Impfplan sollen die Impfraten in Deutschland verbessert werden. Die Arbeit zum Nationalen Impfplan war 2009 bei der 1. Nationalen Impfkonferenz in Mainz initiiert worden.

Die Realisierung hatte sich jedoch immer wieder verzögert, weil dazu Abstimmungen mit den Bundesländern, Bundesbehörden (Robert Koch-Institut, Paul Ehrlich-Institut) sowie Fachgremien wie STIKO nötig sind.

Der 159-seitige Plan (Stand Dezember 2011) ist jetzt ohne Kommentar auf die Websites der Länder Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein gestellt worden. Offenbar handelt es sich dabei also noch um eine vorläufige Version.

"Bezüglich der lange erwarteten konkreten Schritte bleibt es jedoch weiterhin nur bei Absichtserklärungen", kritisiert der "Impfbrief online".

Wer in dem Papier konkrete Schritte für die Bewältigung von Impfproblemen in Deutschland erwartet hat, wird enttäuscht: Es bleibt weitgehend bei Absichtserklärungen.

Eigentlich waren von Experten in dem Papier konkrete Maßnahmen erwartet worden, wie zum Beispiel die Impfziele von WHO und EU (Masernelimination, Elimination des konnatalen Rötelnsyndroms, Erhöhung der Influenza Impfquoten) umgesetzt werden sollen.

In der Einleitung heißt es zum Beispiel bei der Zielsetzung: "Bund und Länder sollen gemeinsame Ziele für das Impfwesen in Deutschland und zu einzelnen impfpräventablen Erkrankungen formulieren." - solche Impfziele hätte man daher eigentlicht in dem Papier erwarten können.

Zur Entwicklung neuer Impfstoffe heißt es in dem Papier: "Der Staat hat ein großes Interesse an neuen, effektiven Impfstoffen und hohen Impfquoten, wenn sie zur Sicherung der Gesundheit der Bevölkerung (...) beitragen".

Kritisiert wird jedoch, dass den Impfstoffherstellern die pharmakoökonomische Bewertung und klinische Studiendurchführung obliegt, und der Großteil der Studien von den Herstellern finanziert wird.

Angeregt wird "ein aus Hersteller- und staatlichen Mitteln gespeister neutraler Pool, der von einer unabhängigen Institution zu verwalten wäre und aus dem unabhängige Kosten-Nutzen-Analysen und Langzeitstudien finanziert werden" (S.39).

Impfempfehlungen und Impfziele: "Die Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (...) gelten als medizinischer Standard. Sie bilden die Grundlage für die öffentlichen Impfempfehlungen der Länder und die Kostenübernahme der Gesetzlichen Krankenversicherung."

Und weiter: "Wenn zukünftig vermehrt gesundheitsökonomische Aspekte zu berücksichtigen sind, wäre zu prüfen, ob der GBA frühzeitiger bei der Entwicklung der STIKO-Empfehlungen eingebunden werden könnte."

Bei den Schritten zur Umsetzung der Empfehlungen wird erklärt: "Bund und Länder werden gemeinsam mit allen am Impfen beteiligten Akteuren auf der Basis evidenzbasierter Empfehlungen der STIKO verbindliche nationale Ziele für einzelne impfpräventable Erkrankungen vereinbaren, die den Handlungsbedarf, Umsetzungsstrategien und Verantwortliche benennen" (S.64).

Bei den Impfstrategien sieht der Plan die Hausärzte in der Pflicht: "Das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz schreibt einen Anspruch der Versicherten auf Leistungen für Schutzimpfungen durch die GKV fest. Damit kommt den Vertragsärzten die wichtigste Rolle für die Information der Bevölkerung und das Erreichen guter Impfquoten zu."

Eine große Bedeutung habe jedoch auch der öffentliche Gesundheitsdienst, zum Beispiel "für das Management lokaler Ausbrüche, das Aufspüren und Schließen von bestehenden Impflücken zum Beispiel im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen und der Aufgabenwahrnehmung des Kinder- und Jugenddienstes oder auch die Ansprache von Zielgruppen mit sprachlichen Barrieren" (S.80).

Information und Aufklärung: "Impfen sollte als Ausbildungsinhalt in der Approbationsordnung verankert und dafür ein entsprechender Appell der Länder an das Bundesgesundheitsministerium gerichtet werden."

Damit - wie von der STIKO empfohlen - "wirklich jeder Arztkontakt zur Kontrolle von Impfausweisen genutzt werden kann, sollte auch das medizinische Assistenzpersonal geschult sein."

Und: "Es sollte geprüft werden, in welcher Form auch Mittel von Impfstoffherstellern für die Produktion produktneutraler, kreativ aufbereiteter Informationen für Bevölkerung und medizinisches Personal genutzt werden können" (S.93).

Surveillance: "Die Erfassung impfpräventabler Erkrankungen ist zur epidemiologischen Bewertung und für Impfempfehlungen von besonderer Bedeutung (...). Bundesweite Daten zur Inzidenz von Pertussis, Mumps und Röteln, Tetanus, invasiven Pneumokokkenerkrankungen und Varizellen fehlen noch. Zur Evaluation von Impfempfehlungen sind weitere Bemühungen nötig" (S.145).

Nationaler Impfplan: http://bit.ly/JLxXeg

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Bestandsaufnahme ohne Ziele

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Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler 30.05.201220:40 Uhr

Schnarchtüten?

Bei solchen Elaboraten (159 Seiten) sind die ersten und letzten paar Seiten entscheidend: Anfangs vage blumen- und wortreiche Absichtserklärungen. Zum Schluss wolkenreiche, unverbindliche Wortfindungsstörungen für das, was fehlt bzw. offen bleibt.

Im "Nationalen Impfplan" zu bedauern - "bundesweite Daten zur Inzidenz von Pertussis, Mumps und Röteln, Tetanus, invasiven Pneumokokkenerkrankungen und Varizellen fehlen noch. Zur Evaluation von Impfempfehlungen sind weitere Bemühungen nötig" - lässt offen: Ist das eine verschnarchte Komödie, Tragödie oder ''bullshit''?

Liebe impfplanende Infektiologen, Epidemiologen Impfexperten und gesundheitspolitische Laienschauspieler einschl. Prof. Lauterbach und Dr. jur. Hess, immunologische Diagnosen oder gar therapeutische Impfempfehlungen stellt man n a c h qualifizierten Untersuchungen zu Prävalenz, Inzidenz und Immunitätslage in der Bevölkerung. Ansonsten, Klappe halten und weiterschlafen!

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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