Anschub für die körpereigene Abwehr

Neuer Therapieansatz gegen Sepsis

Acetat regt bei bakterieller Sepsis die körpereigene Immunabwehr an, haben Wissenschaftler aus Tübingen entdeckt. Bei Mäusen konnten so schwere Infektionen gemildert werden.

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Darstellung von Leukozyten. Die häufigsten Leukozyten, die neutrophilen Granulozyten, lassen sich mit Acetat auf Trab bringen, haben Tübinger Forscher entdeckt.

Darstellung von Leukozyten. Die häufigsten Leukozyten, die neutrophilen Granulozyten, lassen sich mit Acetat auf Trab bringen, haben Tübinger Forscher entdeckt.

© fotoliaxrender / stock.adobe.com

Tübingen. Einen neuen Therapieansatz für Patienten mit bakterieller Sepsis haben Forscher der Universität Tübingen entwickelt. Die Wissenschaftler hatten eine mögliche Ursache für die ungeklärte Frage entdeckt, warum manche Sepsen mild, andere jedoch tödlich verlaufen.

Ihr neuer Ansatz kommt ohne den Einsatz von Antibiotika aus und setzt stattdessen auf die Anregung der körpereigenen Immunabwehr durch den Wirkstoff Acetat, teilt die Universität Tübingen mit.

Einer der häufigsten Auslöser einer bakteriellen Sepsis sind ja Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA). Gegen diese Bakterien lässt sich das Immunsystem durch die Gabe des Essigsäuresalzes Natrium-Acetat stärken, entdeckten die Forscher. In Experimenten mit Mäusen, die über das Trinkwasser oder eine Injektion Acetat erhielten, wurde der Verlauf einer bakteriellen Sepsis deutlich abgeschwächt (Nature Commun Biol 2021; online 30. Juli).

Der Grund: Eine bakterielle Infektion wird im Körper durch Leukozyten bekämpft. Die häufigste Sorte der Leukozyten, die neutrophilen Granulozyten, besitzen auf ihrer Oberfläche Rezeptoren für bakterienspezifische Komponenten, die sie auf die Anwesenheit von Bakterien hinweisen – Acetat ist einer dieser Komponenten.

Acetat als Wecker

„Die Bindung von Acetat an Neutrophile scheint ein Verstärker zu sein, der die Granulozyten sozusagen aufweckt und in Alarmbereitschaft versetzt“, wird Letztautorin Dr. Dorothee Kretschmer in der Mitteilung zitiert. Werden die Granulozyten bereits vor einer Infektion in Alarmbereitschaft versetzt, können sie effektiver auf die eindringenden Krankheitserreger reagieren.

Sie wandern dann schneller aus dem Blut zum Infektionsort, nehmen mehr Bakterien auf und produzieren Sauerstoffradikale, die die Bakterien abtöten. Dies führte dazu, dass sich die Bakterien bei einer anschließenden Sepsis durch MRSA weniger gut vermehren und in den Organen verteilen können.

In Experimenten belegte das Forschungsteam, dass eine Acetatinjektion oder die Gabe von Acetathaltigem Trinkwasser bei Mäusen zu einer besseren Immunantwort führt. „Bei einer anschließenden Sepsis durch Infektion mit Staphylokokken konnten die Bakterien schneller und effizienter abgetötet, und so ein tödlicher Verlauf verhindert werden“, so Kretschmer in der Mitteilung.

Verbesserte Immunantwort

Die Mäuse seien schneller genesen, was unter anderem an einer rascheren Gewichtszunahme zu erkennen gewesen sei. „Interessanterweise konnten wir denselben Effekt beobachten, wenn wir das Acetat erst nach Beginn der Sepsis verabreichten“, berichtet die Erstautorin der Studie, Dr. Katja Schlatterer. „Dies führte in gleicher Weise zu einer verbesserten Immunantwort und Infektionsabwehr.“

Das Forschungsteam hält es für denkbar, dass Acetat beim Menschen sowohl vorbeugend als auch zur Behandlung einer Sepsis zum Einsatz kommen könnte. Acetat fände bereits Anwendung im klinischen Bereich, zum Beispiel als Säure-Basen-Regulator in Infusionen, die bei Flüssigkeitsverlust gelegt werden, schreiben die Forscher. Die Verträglichkeit beim Menschen sei somit bereits erwiesen. (eb)

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