Forschung

Neues Design für Immunzytokine

Forscher haben eine neue, besser verträgliche Form von Immunzytokinen (MICs) für die Krebstherapie konstruiert. Pharmazeutische Unternehmen bekunden ihr Interesse.

Veröffentlicht: 30.12.2019, 16:00 Uhr

Heidelberg. Wissenschaftlern ist es gelungen, immunstimulierende Zytokine so an krebsspezifische Antikörper zu koppeln, dass sie die Immunabwehr gegen den Krebs aktivieren, aber keine gefährlichen überschießenden Immunreaktionen verursachen.

Das Forscherteam des Deutschen Krebskonsortiums (DKTK) und des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) am Uniklinikum Tübingen habe jetzt das europäische Patent für das Verfahren erhalten, um die modifizierten Botenstoffe im großen Maßstab zu produzieren und anschließend in klinischen Studien erproben zu können, teilt das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) mit.

Im DKTK verbindet sich das DKFZ in Heidelberg als Kernzentrum langfristig mit onkologisch besonders ausgewiesenen universitären Partnerstandorten in Deutschland.

Problem bisher: unkontrollierte Immunaktivierung

Seit Jahrzehnten versucht man, die immunstimulierenden Eigenschaften von Zytokinen zur Krebsbehandlung einzusetzen, erinnert das DKFZ in seiner Mitteilung. Durch Kopplung an Antikörper, die gegen krebsspezifische Proteine gerichtet sind, sei es in den letzten Jahren gelungen, Zytokine gezielt in Tumoren einzuschleusen.

Ein Problem seien dabei jedoch die durch unkontrollierte Immunaktivierung ausgelösten starken Nebenwirkungen. „Zytokine sind in größeren Mengen toxisch und aktivieren leider auch unspezifisch, wenn sie fusioniert an Antikörper im Blut schwimmen, ohne an den Tumor gebunden zu sein“, wird der DKTK-Professor und Arzt Helmut Salih zitiert.

Salih leitet am Uniklinikum Tübingen die Klinische Kooperationseinheit Translationale Immunologie. „Das kann dann zu einem regelrechten Zytokin-Sturm führen, der bei den Patienten zu hohem Fieber, Erschöpfung, und möglicherweise sogar zum Kreislaufzusammenbruch führt.“

Wie eine Art Sicherheitsschloss

Salih und sein Kollege Gundram Jung, Leiter der Sektion für experimentelle Antikörpertherapie an der Universität Tübingen, konstruierten daher eine neue, optimierte Form von Immunzytokinen (MICs), wie das DKFZ berichtet. An einen Antikörper, der ein Oberflächenmolekül wie CD19 auf Leukämiezellen erkennt, koppelten sie Interleukin IL-15.

Der Clou an dem neuen Verfahren ergebe sich aus den gentechnisch veränderten Eigenschaften des IL-15, das wie eine Art Sicherheitsschloss funktioniert, so das DKFZ: Bei den MICs ist das IL-15 gentechnisch so verändert, dass es erst dann, wenn der Antikörper an die Krebszelle bindet, an die Killerzellen der Abwehr andocken und sie gegen den Krebs aktivieren kann.

„Selbst bei hohen Dosen der MICs sehen wir kaum eine ungezielte und somit unerwünschte Aktivierung von Killerzellen, welche wir dagegen bei unveränderten Immunzytokinen auch bei kleineren Dosen immer beobachten“, erklärt Salih in der Mitteilung. „Das heißt man kann höhere und damit auch wirkungsvolle Dosen verabreichen, ohne mit drastischen Nebenwirkungen rechnen zu müssen.“

Einsatz bei ganz unterschiedlichen Krebserkrankungen denkbar

Mit dem neu patentierten Verfahren lässt sich nach Angaben von Jung prinzipiell jeder krebsspezifische Antikörper mit dem „sicheren“ IL-15 ausrüsten und potenter machen. Eine Behandlung mit Immunzytokinen sei dadurch bei ganz unterschiedlichen Krebserkrankungen denkbar.

In Mäusen und Zellkulturexperimenten sei die Anti-Tumorwirkung der neuen Immuntherapeutika so vielversprechend gewesen, dass bereits mehrere pharmazeutische Unternehmen Interesse angemeldet hätten, berichtet das DKFZ. Mit der südkoreanischen Biotechfirma ABL Bio sei jetzt ein erster Lizenz- und Kooperationsvertrag für die Herstellung von zwei MICs abgeschlossen worden.

In den kommenden 18 Monaten würden sich die Forscher mit dem Industriepartner ABL Bio auf die Herstellung der ersten beiden MICs in klinischer Qualität konzentrieren und deren Eigenschaften im Detail charakterisieren. Anschließend sollen klinische Studien in der Klinischen Kooperationseinheit Translationale Immunologie am DKTK Partnerstandort Tübingen und anderen Partnerstandorten im DKTK durchgeführt werden. (eb)

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