Diabetes mellitus

Nicht selten: Gelähmter Magen bei Diabetikern

Gastrointestinale Komplikationen eines Diabetes mellitus wie eine Gastroparese werden - anders als zum Beispiel mikro- oder makrovaskuläre Folgen oder eine periphere Neuropathie - häufig unterschätzt.

Von Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht: 18.03.2010, 05:00 Uhr
Nicht selten: Gelähmter Magen bei Diabetikern

Können Symptome einer Gastroparese sein: Übelkeit und Erbrechen, Blähungen und Völlegefühl. © Catalin Petolea / fotolia.de

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MÜNCHEN. An gastrointestinale Komplikationen des Diabetes werde zu wenig gedacht, so Privatdozent Dr. Michael Hummel aus München. Dabei sei bei 30 bis 65 Prozent der Langzeitdiabetiker szintigrafisch eine Gastroparese nachweisbar.

Allerdings ist die Gastroparese oft klinisch stumm. Auch korrelierten messbare Magenentleerungsstörungen keinesfalls mit der tatsächlichen Symptomatik, bemerkt Hummel in der Münchner Medizinischen Wochenschrift (44, 2009, 45). Der Endokrinologe vom Klinikum Schwabing empfiehlt, besonders bei langer Diabetesdauer und wenn bereits eine sensomotorische periphere Neuropathie oder andere Komplikationen des autonomen Nervensystems wie Erektions- oder Blasenentleerungsstörungen vorliegen, auch an den Magen zu denken. Wichtigste Symptome sind Übelkeit und Erbrechen, Blähungen und Völlegefühl sowie ein früh einsetzendes Sättigungsgefühl. Die verzögerte Magenentleerung kann postprandiale Hypoglykämien zur Folge haben. Weitere Zeichen einer diabetischen Gastroparese sind dyspeptische Beschwerden und Gewichtsverlust bis hin zur Anorexie.

Besteht der Verdacht auf eine Gastroparese, gilt die Magenfunktionsszintigrafie als diagnostischer Goldstandard. Andere Methoden wie die Atemgasdiagnostik, radiologische oder sonografische Untersuchungen sind weniger sensitiv und spezifisch. Für die Behandlung der betroffenen Diabetiker empfehlen Fachgesellschaften ein Stufenschema. Allgemeine Ernährungsempfehlungen sind zum Beispiel, die tägliche Nahrungsaufnahme auf sechs bis acht Mahlzeiten aufzuteilen.

Zudem sollten Patienten auf eine fett- und ballaststoffarme Zubereitung der Speisen achten, weil Fett und Ballaststoffe lange im Magen verweilen. Feste Speisen müssen gut gekaut werden. Gegebenenfalls sollen weiche bis flüssige Lebensmittel bevorzugt werden, weil sie den Magen vergleichsweise schneller passieren. Mindestens eine halbe Stunde nach dem Essen sollen Diabetiker mit Gastroparese in aufrechter Haltung verweilen. Bei gehäuft auftretenden Hypoglykämien nach dem Essen können Saft oder gezuckerte Limonade zur Mahlzeit hilfreich sein, wie überhaupt bei Unterzuckerungen auf flüssige Kohlenhydrate zurückgegriffen werden sollte.

Bei einer Insulintherapie kann es sinnvoll sein, keinen Spritz-Ess-Abstand einzuhalten oder auch das Insulin erst nach dem Essen zu spritzen. Bei einigen Insulinpumpen gibt es die Option, den Bolus zu verzögern. Details, so Hummel, müssten stets individuell mit dem Diabetologen besprochen werden.

Zur medikamentösen Therapie gehört bei milder Symptomatik zunächst Metoclopramid 10 mg zu jeder Hauptmahlzeit. Bei unerwünschten Wirkungen steht mit zwei- bis viermal täglich 10 bis 20 mg Domperidon eine Alternative zur Verfügung. Sind die Symptome stärker ausgeprägt, stimuliert intravenös verabreichtes Erythromycin (250 bis 750 mg/d) die Motilinrezeptoren. Allerdings muss relativ rasch mit einer Toleranzentwicklung gerechnet werden. Bei schwerer Gastroparese bleiben noch die Kombination dieser Medikamente mit den Serotonin-3- (5HT3)-Rezeptorantagonisten Ondansetron oder Granisetron. Bei agitierten Patienten mit Gastroparese wirken nach Hummels Angaben Benzodiazepine auch antiemetisch.

Für ausgeprägte Gastroparesen stehen zudem Magenschrittmacher zur Verfügung. Deren Elektroden werden in der großen Kurvatur des Magenkorpus platziert und regen dort die Weitergabe des Nahrungsbreis in den Darm an. Neu ist außerdem die Injektion von Botulinumtoxin in den Pylorus. Hintergrund ist hier die Tatsache, dass bei Diabetikern mit Gastroparese erhöhte Pylorustonuswerte oder sogar Pylorusspasmen nachgewiesen worden sind. Als ultima ratio gelten chirurgische Maßnahmen wie die Gastrektomie oder Gastrojejunostomie. Deren Effizienz, so Hummel, sei jedoch schlecht belegt. Zudem können schwere Komplikationen auftreten.

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