POMC-Mangel: Gendefekt sorgt für ständigen Hunger

Elf Jahre alt und 117 Kilogramm schwer - solche Patienten gibt es an der Berliner Charité. Verantwortlich dafür ist vermutlich eine Genmutation.

Veröffentlicht:

Das Körpergewicht wird zu 70 Prozent durch Gene bestimmt. Das ist aus Zwillingsstudien bekannt. Da sich diese jedoch nicht in den letzten 30 Jahren verändert haben, in denen die Adipositas bei Kindern stark zugenommen hat, müssen "normale" Genvariationen in der Bevölkerung als prädisponierende Faktoren angenommen werden. Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich von der Charité Berlin berichtete auf dem Workshop des Instituts Danone Ernährung für Gesundheit und der ETH-Zürich über genetische Veranlagungen, die eine Adipositas bedingen. Alle diese Mutationen stehen im Zusammenhang mit dem Leptin-Melanocortin-Stoffwechselweg, so die Medizinerin. Ist dieser zentrale neuroendokrinologische Regelkreis gestört, führt das zu schweren Störungen in der Appetitregulierung.

Grüters-Kieslich betreut an der Charité Berlin Kinder mit angeborenem Mangel an Propiomelanocortin (POMC). Das im Hypothalamus ausgeschüttete Hormon ist ein Vorläufer der Neuropeptide alpha- und beta-MSH, denen eine appetithemmende Wirkung zugeschrieben wird. Ein Defizit führt zu einer massiven Adipositas. "Die Patienten kennen das Gefühl ‘satt' nicht", so die Medizinerin. "Entweder sie haben Hunger oder ihnen ist schlecht, weil sie zu viel gegessen haben".

Patienten mit POMC-Mangel fielen zunächst durch einen angeborenen Cortisol-Mangel und eine damit einhergehende Nebenniereninsuffizienz auf. Sie wuchsen heran und wurden sehr dick. Ein elfjähriges Mädchen wog zum Beispiel 117 Kilogramm. Ebenfalls auffällig: Alle betroffenen Kinder haben rote Haare. Erste Hinweise, dass dahinter ein Defekt im POMC-Gen stecken könnte, lieferten Beobachtungen an orangefarbenen Mäusen.

Bislang gibt es keine Therapie bei POMC-Mangel. Weder Diäten noch verstärkte Bewegung helfen. An der Charité werden die Kinder und deren Eltern daher unter anderem intensiv psychologisch betreut.

Der Fehler im POMC-Gen ist nur einer von bisher wenigen bekannten Gendefekten, die eine schwere Adipositas zur Folge haben, ist sich Grüters-Kieslich sicher. Daher sollte man vorsichtig sein mit der Unterstellung eines fehlenden Willens zum Abnehmen. Denn dies könne ein böses Vorurteil sein, was die Patienten noch zusätzlich belastet. (kig)

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Übersichtsarbeit

Lipödem: Welche Therapie am besten hilft

Das könnte Sie auch interessieren
Welche Rolle spielt Zink?

© Tondone | AdobeStock

Immunsystem unterstützen:

Welche Rolle spielt Zink?

Anzeige | Wörwag Pharma GmbH & Co. KG
Impf- und Zinkstatus im Blick

© Wörwag Pharma | KI-generiert

Bei Risikogruppen:

Impf- und Zinkstatus im Blick

Anzeige | Wörwag Pharma GmbH & Co. KG
Wann die Zinkversorgung knapp werden könnte

© artemidovna | AdobeStock

Ernährungsfallen:

Wann die Zinkversorgung knapp werden könnte

Anzeige | Wörwag Pharma GmbH & Co. KG
Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

© Aleksandr | colourbox.de

Fatal verkannt

Vitamin-B12-Mangel frühzeitig behandeln!

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

© polkadot - stock.adobe.com

Vitamin-B12-Mangel

Aktuelle Empfehlungen für die Praxis

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
B12-Mangel durch PPI & Metformin

© Pixel-Shot - stock.adobe.com

Achtung Vitamin-Falle

B12-Mangel durch PPI & Metformin

Anzeige | WÖRWAG Pharma GmbH & Co. KG
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Rückgang der generalisierten tonisch-klonischen Anfälle unter Cannabidiol + Clobazam

© Springer Medizin Verlag , modifiziert nach [1]

Real-World-Daten aus Deutschland zum Lennox-Gastaut- und Dravet-Syndrom

Cannabidiol in der klinischen Praxis: vergleichbare Wirksamkeit bei Kindern und Erwachsenen

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Jazz Pharmaceuticals Germany GmbH, München
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
Abb. 1: FIB-4 1,3: numerische 26%ige Risikoreduktion der 3-Punkt-MACE durch Semaglutid 2,4mg

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [17]

Kardiovaskuläre, renale und hepatische Komorbiditäten

Therapie der Adipositas – mehr als Gewichtsabnahme

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novo Nordisk Pharma GmbH, Mainz
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Kardiovaskuläres Risiko

Wann die Lipoprotein(a)-Messung wirklich sinnvoll ist

Neue Empfehlung

Zwei Biomarker werden bei Asthma zum Standard

Lesetipps
Eine Ärztin erklärt einer Patientin mit ernstem Gesicht eine Sachlage.

© Siphosethu F/peopleimages.com - stock.adobe.com

Krebsprävention

HPV und seine Folgen: Mit diesen Antworten beruhigen Sie Patienten

Ein Mann

© Pawel Ziólkowski / stock.adobe.com

Neue Empfehlung

Zwei Biomarker werden bei Asthma zum Standard

Die Ärzte Zeitung ist jetzt auch auf Instagram aktiv.

© prima91 / stock.adobe.com

Social Media

Folgen Sie der Ärzte Zeitung auf Instagram