Ergebnis einer Online-Umfrage

Patienten mit Depression schätzen wohl Gespräche mit KI mehr als mit Psychotherapeuten

Sprachmodelle wie ChatGPT haben in der Gunst von Menschen mit psychischen Problemen die persönliche Behandlung mit einem Psychotherapeuten längst eingeholt. Darauf deutet eine aktuelle deutsche Umfrage. Eine solche Selbsttherapie per Künstlicher Intelligenz birgt jedoch etliche Risiken.

Thomas MüllerVon Thomas Müller Veröffentlicht:
Roboter spricht mit Patient während Psychotherapiestunde

Ein Gespräch zwischen Patient mit Depressionen und KI? Das könnte bald Teil der Zukunft der Psychotherapie sein.

© bollem / Generated with AI / Stock.adobe.com

Die Zahlen dürften für Psychotherapeuten ernüchternd sein und einmal mehr ins Gedächtnis rufen, welche Umbrüche mit der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz und intelligenten Sprachmodellen verbunden sind: In einer von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention beauftragten Online-Umfrage beurteilten zwei Drittel der Depressiven die Konversation mit einem Sprachmodell wie ChatGPT im Vergleich mit einem Therapeuten als ähnlich gut oder besser.

Bei der Vorstellung der Umfrage-Ergebnisse auf einer Online-Pressekonferenz der Stiftung am 28. April verwies Professor Ulrich Hegerl von der Uniklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Frankfurt am Main daher auf die großen Chancen solcher Modelle, gerade in Regionen und Ländern ohne psychotherapeutische Versorgung.

Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung warnte aber davor, KI bei ernsten psychischen Erkrankungen ohne eine fachgerechte Diagnose und Behandlung zur Selbsttherapie zu nutzen. Gerade in Krisensituationen könne eine KI nicht adäquat reagieren.

Die meisten Jüngeren nutzen KI bei psychischen Problemen

An der Befragung beteiligten sich im März 2026 insgesamt 2.500 Personen aus Privathaushalten in Deutschland. Praktisch alle waren unter 40 Jahre alt, etwa die Hälfte im Alter von 30 bis 39 Jahren, der Männeranteil lag bei 52 Prozent.

Von den Befragten gaben 21 Prozent eine Depressionsdiagnose an und etwa sechs Prozent eine aktuelle depressive Phase.

Die Frage, schon einmal mit einem KI-Sprachmodell (Large Language Model, LLM) über psychische Probleme wie mit einem Freund/einer Freundin oder einem Therapeuten gesprochen zu haben, bejahten 65 Prozent aller Befragten sowie 69 Prozent derer mit Depressionsdiagnose und 76 Prozent der Personen in einer depressiven Phase (siehe nachfolgende Grafik).

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Die Nutzung zu diesem Zweck war zudem altersabhängig und reichte von 60 Prozent bei Personen über 30 Jahren bis zu 76 Prozent bei solchen unter 20 Jahren. Am häufigsten wurde ChatGPT befragt (77 Prozent), gefolgt von Gemini (14 Prozent). Andere LLM fanden kaum Verwendung.

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Etwas mehr als die Hälfte mit einer Depressionsdiagnose gab an, LLM in den vergangenen 30 Tagen bei psychischen Problemen konsultiert zu haben, hauptsächlich um einfach mit jemandem darüber zu kommunizieren (56 Prozent) und um die Erkrankung selbst in den Griff zu bekommen (46 Prozent).

Für bedenklich hält Hegerl auch den Anteil von 21 Prozent, die eine Diagnose erhalten wollten, und von 15 Prozent, die LLM als Alternative zur Psychotherapie sahen.

Immerhin: Die meisten nutzten LLM nur für einzelne oder mehrere zusammenhängende Fragen, nur 20 Prozent führten längere Gespräche mit der KI und acht Prozent sprachen mit KI in einer dialogähnlichen Weise wie mit einem Menschen.

KI-Gespräche werden als tiefgehend empfunden

Als positiv werteten die Befragten, von der KI nicht verurteilt zu werden, immer nette Antworten zu erhalten, ebenso Empathie und Verständnis. Als negativ wurde betrachtet, dass die KI primär „nach dem Mund redet“, also nur Aussagen trifft, die man hören will.

Aber 80 Prozent aller Befragten, die mit der KI längere Gespräche führten, beurteilten diese als tiefgehend, von den Depressiven waren es etwas weniger (73 Prozent).

Von den depressiven Patienten fühlten sich rund 80 Prozent von der KI gut verstanden, ebenso viele berichteten, sie hätten sich der KI gegenüber öffnen können und seien gestärkt aus solchen Unterhaltungen hervorgegangen (siehe nachfolgende Grafik).

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Immerhin hatte die KI fast drei Viertel der Depressiven darin bestärkt, professionelle Hilfe zu suchen. Für Hegerl erstaunlich: Zwei Drittel nannten eine gewisse Nähe und Verbundenheit mit der KI.

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143 der Befragten (sechs Prozent) gaben an, in den 30 Tagen vor der Befragung sowohl eine Psychotherapie bekommen als auch eine KI verwendet zu haben. Ein vergleichbar großer Anteil (80–90 Prozent) beurteilte sowohl die Psychotherapie als auch die Gespräche mit der KI als respektvoll, verständnisvoll, vertrauensvoll, empathisch und motivierend.

Meist lag die KI noch einige Prozentpunkte vor den Therapeuten, diese wiesen lediglich höhere Werte bei Empathie auf. Entsprechend beurteilten 29 Prozent die Gespräche mit der KI als besser, 36 Prozent als ähnlich gut, nur 18 Prozent gaben der KI schlechtere Noten und ebenso viele waren der Auffassung, man könne beides nicht vergleichen (siehe nachfolgende Grafik).

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„Das ist erstaunlich. Wir müssen nun sorgfältig darüber nachdenken, was wir mit diesen Ergebnissen machen“, sagte Hegerl.

Für bedenklich hält der Psychiater auch, dass 62 Prozent derjenigen mit Depressionsdiagnose der Auffassung waren, die Gespräche mit der KI hätten den Gang zu einem Arzt oder Therapeuten überflüssig gemacht.

Immerhin fand es mehr als die Hälfte bedrückend, sich mit einer Maschine zu unterhalten, und recht wenige fühlten sich in den Gesprächen stark unter Druck gesetzt.

Chancen und Risiken abwägen

Etwas Druck, um eingefahrene Gedankenmuster und Routinen zu ändern, könne aber unter Umständen sehr hilfreich sein, so Hegerl. Dazu seien die LLM eher nicht in der Lage. Für ein Problem hält Hegerl auch, ernste Krisensituationen zu erkennen und entsprechend zu handeln.

„Ich hatte oft schon beim Abschied nach einer Therapiesitzung das Gefühl, dieser Mensch hat mir nicht alles erzählt und ist noch viel verzweifelter als angegeben. Da kann ich als Therapeut ganz anders intervenieren und sagen: ‚In diesem Zustand lasse ich Sie aber nicht nach Hause.‘“

Während der Pressekonferenz stellten auch zwei Depressionserkrankte ihre Erfahrungen mit LLM vor. Sie konsultierten die KI auch, um die Psychotherapie zu reflektieren und sich auf die Sitzungen besser vorzubereiten, etwa Kritikpunkte an der Therapie zu formulieren.

Sie wollten die KI keinesfalls als Ersatz verstehen, bestätigten aber, dass sie meist positiv und motiviert aus den KI-Sitzungen hervorgingen und letztlich keine negativen Erfahrungen damit gemacht hätten. Mit der KI drehe man sich jedoch oft im Kreise und komme an gewissen Punkten nicht weiter. Hier seien die Therapeuten deutlich im Vorteil.

Für Hegerl besteht ein großer Forschungsbedarf, um die Chancen und Risiken solcher Modelle zu Therapiezwecken besser zu verstehen. Er rät derzeit von einer Diagnosestellung und der alleinigen Behandlung über KI-Sprachmodelle klar ab.

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