Therapieadhärenz

Patienten mit HIV ruhig auch mal reden lassen!

Eine Smartphone-App kann dazu beitragen, die Betreuung HIV-infizierter Patienten zu bessern. Darauf wiesen Experten bei der Aids- und Hepatitis-Werkstatt in München hin.

Von Marco MrusekMarco Mrusek Veröffentlicht:

MÜNCHEN. HIV-Patienten wird zu wenig Gehör geschenkt. Das kritisierte Privatdozentin Dr. Clara Lehmann bei einer Veranstaltung aus Anlass der AIDS- und Hepatitis-Werkstatt in München.

Die Fachärztin für Innere Medizin, Infektiologie und Reisemedizin aus dem MVZ des Universitätsklinikums Köln wies auf Untersuchungen aus Notaufnahmen hin, die ergeben hätten, dass Patienten, die von ihren Beschwerden berichten, häufig bereits nach 30 Sekunden zum ersten Mal unterbrochen würden. „Und 30 Sekunden an Informationen sind ja nichts!“, wand Lehmann ein.

Dabei würden die meisten ihrer Patienten ohnehin nicht länger als ein, zwei Minuten von ihrer gesundheitlichen Verfassung erzählen, sofern man ihnen denn zuhöre. Ihr Appell in München war daher: Sich für den Patienten Zeit nehmen und ihm mehr zuhören. Denn das steigere auch die Therapieadhärenz, so Lehmann.

Single Tablet Regimes als bessere Variante?

Im Zusammenhang mit der Adhärenz wird für den Behandlungserfolg der HIV-Therapie auch immer wieder die Bedeutung von Single Tablet Regimes diskutiert. Einer Studie zufolge gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen einem reduzierten Risiko für Krankheitsprogression bei Single Tablet Regimes, zum Beispiel Biktarvy®, im Vergleich zu mehreren Tabletten (HIV Medicine 2018, (19): 132-142).

Ebenfalls wichtig für den Therapieerfolg: Fokussierte Gespräche zur mentalen und körperlichen Verfassung des Patienten, hob Dr. Heribert Knechten, Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie aus Aachen, hervor. Gerade bei den Patienten, die nur ein- oder zweimal im Jahr in seine Sprechstunde kämen, seien solche Gespräche wichtig, betonte er bei der vom Unternehmen Gilead Sciences unterstützten Veranstaltung.

Besonders die Auswirkungen der HIV-Infektion auf die Psyche der Patienten seien mitunter schwer zu diagnostizieren. Hier gelte es für den Arzt, aufzumerken, wenn der HIV-Infizierte zum Beispiel von depressiven Symptomen berichte.

Eine Smartphone-App, die Ärzte beim Gespräch mit den Patienten unterstützen soll, stellte in diesen Zusammenhang Professor Georg Behrens, Präsident der Deutschen AIDS-Gesellschaft e. V. und Immunologe an der Medizinischen Hochschule Hannover, vor.

Mit "Happi" gegen HIV

Die App heißt „Happi“, wurde in den Niederlanden entwickelt und 2018 bei der Internationalen Aids-Konferenz in Amsterdam von Professor Kees Brinkman, HIV-Behandler am OLVG Stadtkrankenhaus in Amsterdam, vorgestellt.

Die Vorteile einer solchen digitalen „Merkliste“ sind für Behrens: Patienten könnten zu Hause zum Beispiel Einzelheiten zu Stimmung, Verträglichkeit der Medikation und Lebensqualität eintragen und diese Punkte dann später gemeinsam in der Sprechstunde mit ihrem Arzt durchgehen. So seien in den Niederlanden Ärzte auf deutlich mehr depressive Symptome aufmerksam geworden, die sonst eher selten von den Patienten geäußert würden.

Apps wie „Happi“ seien ein hilfreiches Mittel, um über Beschwerden der Patienten zu reden, die sie sonst in der Sprechstunde vergessen oder nicht ansprechen würden, lobten Knechten und Lehmann in der Podiumsdiskussion. Sie schränkten aber auch ein, dass solche Apps nur für Technik-affine Patienten geeignet seien. (mmr)

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