Kiffen und Kardiologie

Steigert Marihuana das Risiko für Herztod?

Haschischraucher sterben häufiger an Hypertonie-bedingten Todesursachen als Tabakraucher: Darauf deuten Resultate einer Studie – die steht allerdings auf wackligen Daten.

Von Thomas Müller Veröffentlicht:
Marihuana-Konsum: Viele Länder lockern die Verbote.

Marihuana-Konsum: Viele Länder lockern die Verbote.

© Richard Villalon / stock.adobe.com

ATLANTA. Die Zahl der kardiovaskulären Todesfälle ist in den vergangenen Dekaden in fast allen Industrieländern altersadjustiert stetig gesunken. Dieser Trend scheint sich in den USA seit 2011 zu drehen: Seither wird wieder eine leichte Zunahme der Herzkreislaufmortalität beobachtet.

Lesen Sie unseren Kommentar:

Vernebelte Forscherhirne?

Diese war von Experten auch erwartet worden, da in den USA immer mehr Menschen unter den Folgen von Übergewicht und Diabetes leiden.

Mehr Marihuana-Konsumenten

Doch auch andere Änderungen beim Lebensstil könnten Herz- und Hirninfarkte begünstigen. So rauchen zwar immer weniger Menschen, gleichzeitig nimmt aber der Anteil der Marihuana-Konsumenten zu, da in vielen Ländern die gesetzlichen Regelungen gelockert wurden.

Epidemiologen um Barbara Yankey von der Georgia State University in Atlanta vermuten, dass dieser Trend auch ungünstige Auswirkungen auf die Herzkreislaufmortalität haben könnte.

Außer den schädlichen Effekten des Rauchens an sich schade der Wirkstoff THC in Haschisch vielleicht auch direkt Herz und Hirn. So seien für den THC-Konsum eine erhöhte Pulsfrequenz, ein erhöhter Blutdruck, ein erhöhtes Herzzeitvolumen, eine verringerte linksventrikuläre Auswurfzeit und eine Erhöhung der venösen CO2-Werte belegt, schreiben die Wissenschaftler um Yankey (European Journal of Preventive Cardiology 2017, online 9. August ).

Daten von 5000 US-Amerikanern

Anhand von Daten der alljährlichen repräsentativen Lebensstil- und Ernährungsumfrage NHANES hat das Team um die Epidemiologin geschaut, ob sich eine erhöhte kardiovaskuläre Mortalität bei Haschischkonsumenten feststellen lässt.

Die Forscher werteten dazu die Ergebnisse der Umfrage aus dem Jahr 2005 bei rund 5000 US-Amerikanern aus. Damals wurden die Teilnehmer erstmalig auch gefragt, ob sie schon mal Cannabis konsumiert hatten. Wer zugab, mindestens einmal in seinem Leben Haschisch oder Marihuana geraucht zu haben, galt als Cannabiskonsument.

Die Teilnehmer sollten zudem angeben, wann sie zum ersten Mal die Droge genommen hatten. Die Jahre vom ersten Konsum bis zur Umfrage wurden als Konsumjahre beziffert.

Wer also mit 18 Jahren einmal einen Joint geraucht hatte und danach nie wieder, hatte nach dieser Lesart 20 Konsumentenjahre auf dem Buckel, falls er mit 38 Jahren an der Umfrage teilnahm. Ein anderes Problem ist natürlich, dass die Angaben freiwillig waren. Die Dunkelziffer dürfte also recht hoch gewesen sein.

Sterberate um 29 Prozent erhöht

Nun schauten die US-Epidemiologen, wie viele der bekennenden Cannabiskonsumenten und derjenigen, die einen Cannabiskonsum verneint hatten, sechs Jahre später woran gestorben waren. Dazu werteten sie Todesbescheinigungen aus, die in diversen Registern geführt wurden. Sie interessierten sich vor allem für kardiale, zerebrovaskuläre und Hypertonie-bedingte Todesursachen (ICD-Codes für "essenzielle Hypertonie" oder "hypertensive Nierenkrankheit").

Insgesamt hatten 1213 Teilnehmer aus dem 2005er-Survey die Frage nach dem Cannabiskonsum beantwortet – also nur ein Viertel der Befragten überhaupt.

Die Teilnehmer waren bei der Befragung in Schnitt 38 Jahre alt und gaben einen BMI von 29 an. Knapp 57 Prozent hatten die Cannabis-Frage mit "Ja" beantwortet – sie galten daher als Konsumenten.

Ein Viertel rauchte aktuell Tabak, ein Fünftel hatte früher geraucht, knapp 18 Prozent pflegten einen riskanten Alkoholkonsum. 34 Prozent hatten weder Tabak noch Cannabis geraucht, 21 Prozent hatten schon mal Marihuana probiert, waren aber keine Raucher. Der Marihuana-Erstkonsum lag im Schnitt rund zwölf Jahre zurück.

Im Jahr 2011 waren 332 Teilnehmer gestorben (27,4 Prozent). Die Sterberate bei den Cannabis-Konsumenten war um 29 Prozent höher als bei den Teilnehmern ohne bekennenden Drogenkonsum, der Unterschied war aber nur knapp signifikant. Für Tabakraucher ergab sich hingegen keine signifikant erhöhte Sterberate.

13,7 Prozent der bekennenden Marihuana-User starben laut Todesbescheinigung an Hypertonie-bedingten Ursachen, aber nur 9,4 Prozent der Teilnehmer ohne Cannabiskonsum. Kardiale und zerebrovaskuläre Todesfälle traten jedoch ähnlich häufig auf.

Unzuverlässige Datenbasis

Von den Rohdaten her war auch die Hypertonie-bedingte Sterberate nicht signifikant erhöht, berücksichtigten die Forscher jedoch vorbestehende Herzkreislaufkrankheiten, BMI, Versicherungsstatus, Alkohol- und Zigarettenkonsum, so kamen sie rein rechnerisch auf ein 3,4-fach erhöhtes Sterberisiko für Hypertonie-bedingte Todesursachen unter Marihuanakonsumenten.

Allerdings darf stark bezweifelt werden, dass solche Rechenspiele irgendeine Relevanz haben. Die Studie scheint so ziemlich alle denkbaren Verzerrungen in sich zu vereinen.

Zum einen kann man den freiwilligen Angaben zum Marihuanakonsum ebenso wenig trauen wie den Angaben auf den Totenscheinen – beide sind bekanntermaßen sehr unzuverlässig, und damit ist schon einmal die Datenbasis der Studie recht hinfällig.

Weiterhin wird das Ausmaß des Cannabiskonsums nicht berücksichtigt. Jedem, der auch nur einmal Haschisch probiert hatte, wurde ein fortlaufender Konsum unterstellt. Dies ist jedoch nicht realistisch: Nur ein geringer Teil der Bevölkerung nimmt regelmäßig illegale Drogen.

Es kann also kaum angenommen werden, dass 55 Prozent der Amerikaner permanent bekifft sind, wie es das Team um Yankey nahelegt.

Angaben von nur 28 Totenscheinen

Schließlich sind die Zahlen zu niedrig für belastbare Aussagen. Letztlich hatten nur 28 Teilnehmer, die irgendwann einmal Cannabis probiert hatten, einen Hypertonie-Code im Totenschein.

Zu guter Letzt sollten die Resultate fürs Tabakrauchen stutzig machen: Hier zeigten sich keine negativen Effekte, ganz im Gegenteil, Hypertonie und Herzkrankheiten wurden tendenziell seltener auf den Totenscheinen aktueller Raucher vermerkt als bei den Nichtrauchern.

"Hier handelt es sich um eine exploratorische Studie und einen ersten Schritt, um den Zusammenhang zwischen Marihuanakonsum und kardiovaskulären Todesfällen zu ergründen."

Und weiter: "Nun wären Verlaufsstudien nötig, um zu schauen, ob ein solcher Zusammenhang mit Sicherheit existiert", erläuterte Yankey – auf die Mängel angesprochen – gegenüber der "Ärzte Zeitung".

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Urteil zur Substitutionsbehandlung

Methadon-Praxis darf nicht beliebig erweitert werden

Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
* Hinweis zu unseren Content-Partnern
Dieser Content Hub enthält Informationen des Unternehmens über eigene Produkte und Leistungen. Die Inhalte werden verantwortlich von den Unternehmen eingestellt und geben deren Meinung über die Eigenschaften der erläuterten Produkte und Services wieder. Für den Inhalt übernehmen die jeweiligen Unternehmen die vollständige Verantwortung.
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1-- Zeit bis zum ersten Ereignis (Tod durch jegliche Ursache oder kardiovaskuläres Ereignisb) in der Gesamtpopulation (a) bzw. in der Monotherapie-Population (b).

© Springer Medizin Verlag

Mit Vutrisiran früh kausal behandeln

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Alnylam Germany GmbH, München
Abb. 1: Daten zur lipidologischen Versorgung von Patientinnen und Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko aus der VESALIUS-REAL-Studie

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [7]

Kardiovaskuläre Prävention

Frühe Risikoidentifikation und konsequentes Lipidmanagement

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Amgen GmbH, München
SCD-PROTECT-Studie-- Frühe Phase nach Diagnose einer Herzinsuffizienz – deutlich höheres Risiko für den plötzlichen Herztod als in der chronischen Phase.

© Zoll CMS

SCD-Schutz in früher HF-Phase

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: ZOLL CMS GmbH, Köln
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Interview

Was eine gute Reha beim Post-COVID-Syndrom ausmacht

Infektionsmanagement

Keuchhusten: Was bei der Behandlung Erwachsener wichtig ist

Lesetipps
Eine Pillenbox gefüllt mit Medikamenten.

© Mouse family / stock.adobe.com

Tipps aus der Medizin, Pflege und Pharmazie

Wie sich die Adhärenz bei oraler Tumortherapie steigern lässt

Ein Paragrafenzeichen in blau und im Hintergrund verschwommene Paragrafen.

© Steffen Kögler / stock.adobe.com

Juristische Fallstricke

So lassen sich Haftungsrisiken in der Hausarztpraxis minimieren

Pertussis: Auch die Großeltern impfen?

© Porträt: BVKJ | Spritze: Fiedels / stock.adobe.com

Sie fragen – Experten antworten

Pertussis: Auch die Großeltern impfen?