Ungewollt kinderlos - häufig liegt’s am Mann

Jedes fünfte bis siebte Paar in den Industriestaaten ist ungewollt kinderlos, berichten Reproduktionsmediziner. Die Ursache dafür liegt jeweils zu 20 Prozent beim Mann allein, bei weiteren 26 Prozent sowohl beim Mann als auch der Frau. Mit einer ausführlichen Anamnese kann ein Großteil der Ursachen bereits eingegrenzt werden.

Dr. Thomas MeißnerVon Dr. Thomas Meißner Veröffentlicht:

Bei einer solchen Befragung müssen in erster Linie erworbene Störungen der Hodenfunktion (primärer Hypogonadismus), zentral bedingte Störungen (sekundärer und tertiärer Hypogonadismus) sowie Spermientransport-Störungen ausgeschlossen werden.

Im Erstgespräch ist es jedoch wichtig, zunächst über den optimalen Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs zu sprechen sowie über die negativen Einflüsse auf die Zeugungsfähigkeit etwa von Adipositas, Nikotin, Alkohol und Koffein, empfiehlt der Urologe Privatdozent Dirk Schultheiss aus Gießen (Urologe 44, 2005, 1139). Dann sollten folgende Punkte gezielt abgefragt werden, gegebenenfalls mit Hilfe eines vorgefertigten Fragebogens:

STICHWORT

Infertilität

Von Infertilität wird gesprochen, wenn eine Schwangerschaft bei regelmäßigem, ungeschützten Geschlechtsverkehr über zwölf Monate ausbleibt. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegen die Ursachen für die ungewollte Kinderlosigkeit zu jeweils 20 Prozent beim Mann, zu 39 Prozent bei der Frau, zu 26 Prozent bei beiden.

Bei 15 Prozent der Paare bleibt die Ursache für die Kinderlosigkeit ungeklärt. (ner)

  • Gab es Voroperationen am Hoden oder in der Leiste, etwa aufgrund von Hodentorsion, Hydrozele oder Leistenhernie? Nach operativen Eingriffen sind ungewollte Verletzungen oder Obstruktionen der Samenwege möglich.
  • Wann begann die Pubertät und wie ist sie verlaufen? Ein ungewöhnlicher Verlauf kann auf Störungen der hormonellen Regulation deuten.
  • Sind Geschlechtskrankheiten wie Gonorrhoe und Syphilis aufgetreten? Auch Infektionen wie eine virale Orchitis (Mumpsorchitis), eine Urotuberkulose beeinträchtigen im Nachhinein die Spermatogenese. Das gilt auch für manche Chemotherapien, etwa mit Cyclophosphamid, sowie nach Bestrahlungen. Eine erhöhte Hodentemperatur kann ebenfalls der Grund für die verminderte Spermienbildung sein, etwa bei immer wieder auftretenden fieberhaften Infekten. Daher sollte auch nach rezidivierende Bronchitiden und Sinusitiden gefragt werden.
  • Liegen Stoffwechselstörungen vor? Ein Diabetes mellitus kann zu Hypogonadismus, erektiler Dysfunktion und Ejakulationsstörungen führen. Niereninsuffizienz und Lebererkrankungen können ebenfalls einen Hypogonadismus auslösen.

Berichten Patienten über Störungen des Seh- und Riechvermögens können dies indirekte Hinweise auf einen Hypophysentumor, ein Prolaktinom oder ein olfaktogenitales Syndrom mit Hypogonadismus sein. Bei Männern mit betont androgenem Habitus müsse auch an einen Anabolikamißbrauch gedacht werden, so Schultheiss.

Dieser könne mit reduzierten Gonadotropin- und Testosteronwerten sowie einer reduzierten Spermiendichte einhergehen. Auch bestimmte Antihypertensiva und Antibiotika oder Chemikalien führen zu Fertilitätsstörungen.

Von besonderer Bedeutung sei die Sexual-Anamnese, betont der Urologe. So könne ein Libidomangel auf Störungen des Androgen- oder Prolaktinhaushalts hinweisen. Gefragt werden muß außerdem nach Ejakulations- und Erektionsstörungen, Koitusfrequenz, Schmerzen während des Koitus (Dyspareunie) sowie beruflichen und privaten Belastungen. Die Familienanamnese kann Hinweise auf genetische Belastungen geben.

Urologische Untersuchung und Hormontests helfen weiter

Zur weiteren Diagnostik beim Urologen gehören die genaue Untersuchung der äußeren und inneren Geschlechtsorgane und endokrinologische Untersuchungen, etwa auf LH, FSH und Testosteron, bei Gynäkomastie auch auf Prolaktin und Estradiol. Hilfreich sind auch Ejakulatuntersuchungen nach den Standards der WHO.

Mit der Skrotalsonographie werden die Hodenvolumina bestimmt, Veränderungen des Hodenparenchyms und, etwa mit einem Valsalva-Manöver, eine Varikozele festgestellt. Ergänzt wird diese bildgebende Untersuchung gegebenenfalls durch eine Doppler-Sonographie zum Nachweis eines venösen Refluxes (Varikozele) oder die transrektale Sonographie, mit der Veränderungen der Prostata, der Samenblasen und der zentralen Samenwege dargestellt werden können.

Dennoch kann trotz des Umfangs der Diagnostik die Ursache der Unfruchtbarkeit bei jedem zweiten infertilen Mann nicht ermittelt werden.



FAZIT

Die Klärung der Ursachen bei männlicher Sterilität ist aufwendig. Entscheidende Weichen bei der Suche nach Ursachen werden bereits durch die Anamnese gestellt.

Im Wesentlichen muß zwischen der Störung der Spermatogenese und der Obstruktion von Samenwegen differenziert werden. Lediglich bei etwa 50 Prozent der betroffenen Männer wird eine eindeutige Ursache für die Sterilität gefunden.

Webhinweis: Die aktuellen europäischen Leitlinien zur Diagnostik und Therapie bei männlicher Infertilität gibt es im Internet unter www.uroweb.org (Link: Publications/Guidelines)



Ursachen männlicher Infertilität

Die häufigste anatomische Veränderung bei infertilen Männern sind eine Varikozele oder eine abnorme Zusammensetzung der Samenflüssigkeit. Differentialdiagnostisch kommen in Betracht:

1. primärer Hypogonadismus

Erworbene Störung der Hodenfunktion, etwa wegen Infektionen oder nach Chemotherapie, Umweltnoxen sind nicht belegt.

2. sekundärer Hypogonadismus

Niedrige Gonadotropinspiegel, etwa wegen Hypophysenadenom oder wegen eines hypothalamischen Tumors.

3. genetische Ursachen

Mikrodeletionen am Y-Chromosom mit folgender Azoospermie oder Oligospermie, etwa Klinefelter-Syndrom.

4. Störung des Spermientransports

Obstruktionen oder Verschlüsse der ableitenden Samenwege, etwa nach Operation einer Leistenhernie oder durch eine angeborene beidseitige Aplasie des Ductus deferens.

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