ADHS

Unterschätzt oder überdiagnostiziert?

Die Debatte um das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) wird aufgrund der Zunahme von Arznei-Verordnungen emotional geführt. Die Fakten dazu sind widersprüchlich, wurde auf dem DGPPN-Kongress deutlich.

Von Friederike Klein Veröffentlicht:
Wächst in Deutschland eine "Generation ADHS" heran?

Wächst in Deutschland eine "Generation ADHS" heran?

© cult12 / fotolia.com

BERLIN. "In Deutschland wächst eine ‚Generation ADHS' heran", konstatierte 2013 die Barmer GEK in ihrem Arztreport. Die damit einhergehende Skandalisierung kann Professor Tobias Banaschewski, Kinder- und Jugendpsychiater aus Mannheim, nicht nachvollziehen.

Die administrativen Daten der Krankenkassen zur Prävalenz der ADHS bei Kindern und Jugendlichen liegt mit 4,1 Prozent unter denen in epidemiologischen Untersuchungen. Damit kann man seiner Ansicht nach nicht von einer Überdiagnostikversorgung sprechen.

Professor Gerd Glaeske aus Bremen bemängelte allerdings, dass verlässliche epidemiologische Daten in Deutschland fehlen.

Beide bezogen sich auf die "Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland" (KiGGS), der Angaben von Eltern und ab 11 Jahren von den Kindern selbst zugrunde liegen, keine gesicherten ärztlichen Diagnosen. Glaeske forderte daher belastbarere Studien zur Prävalenz einer nach Leitlinien diagnostizierten ADHS.

Leitlinien umsetzen!

Derzeit würde die Diagnose ADHS zu 90 Prozent von Kinder- und Hausärzten ohne Beteiligung von Kinder- und Jugendpsychiatern gestellt. Das widerspricht den Leitlinien zu "Hyperkinetischen Störungen" der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP).

Dort werde eine Sorgfalt verlangt, die in der Praxis wahrscheinlich häufig nicht eingehalten würde, zumal der notwendige Aufwand nicht mit einer entsprechenden Vergütung verbunden sei.

Auch hinsichtlich der Therapie mahnte Glaeske eine Umsetzung der Leitlinien an, die nicht primär die medikamentöse Therapie vorsieht, sondern einen multimodalen Ansatz empfiehlt.

Es sei keineswegs so, dass in Deutschland auf eine Diagnose eine Verordnung eines Stimulanz erfolge, widersprach Banaschewski. Nach dem Barmer-GEK-Report erhielten 44 Prozent der Patienten mit ADHS-Diagnose keine Therapie, 31 Prozent Methylphenidat, 16 Prozent Ergotherapie und 9 Prozent beides.

Er wies darauf hin, dass die Evidenz für eine Wirksamkeit der nicht-medikamentösen Therapie schwach sei und die Leitlinie keineswegs vorschreibe, vor jeder medikamentösen Therapie erst eine Ergotherapie oder Ähnliches vorzuschalten.

Die Therapie mit Methylphenidat oder Atomoxetin sei wirksam und habe wenige Nebenwirkungen. Bedenken wegen potenzieller Nebenwirkungen wie einer Atrophieinduktion in bestimmten Hirnarealen seien durch wissenschaftliche Studien ausgeräumt worden.

Entwicklung in den USA bedenklich

Es gebe aber schon bedenkliche Entwicklungen, gab er mit Blick auf die USA zu. Dort ist die Prävalenz des AHDS in einem viel deutlicheren Maße als in Deutschland angestiegen und mittlerweile werden dort 5 Prozent aller Kinder eines Jahrgangs medikamentös behandelt*.

Dafür gebe es viele Gründe, meinte Banaschewski, beispielsweise die veränderten Diagnosekriterien beim Wechsel vom DSM-IV zum DSM-V, die Zunahme verfügbarer Behandlungsoptionen, die Berichterstattung in Medien, die Möglichkeit der direkten Bewerbung solcher Medikamente in den Publikumsmedien und nicht zuletzt auch die Schulpolitik, die teilweise die regionalen Verordnungsunterschiede in einzelnen der Regionen der USA erklärt: In einigen Staaten würden Schulfinanzierungen auch nach dem Anteil guter Schüler ausgerichtet.

Genau dort sei auch der Anteil an Verordnungen besonders hoch - wohl um die schulische Performance zu optimieren, vermutete er. In diesem Zusammenhang sah er auch die Umstellung vom "G9" auf das "G8" in Deutschland als problematisch an.

Ganz unterschiedliche Diagnose- und Verordnungshäufigkeiten gibt es nicht nur in den USA. Auch in Deutschland gebe es nach dem Barmer GEK-Report 2013 regelrechte ADHS-Diagnose- und Ritalin-Inseln, kritisierte Glaeske.

Die extremen Unterschiede wiesen doch recht deutlich auf die Möglichkeit einer Über-, Fehl- und Unterversorgung in unterschiedlichen Regionen hin und sei in seinen Augen auf jeden Fall Grund zur Besorgnis und Skepsis.

*Hinshaw SP und Scheffler M. The ADHD Explosion. Oxford University Press 2014. ISBN: 9780199790555

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