Kardiologie

Viele Frauen unterschätzen ihr Herzinfarkt-Risiko

Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Herz-Kreislauf-Krankheiten: Hier geht es durchaus um Leben und Tod.

Veröffentlicht: 20.06.2018, 14:44 Uhr

BERLIN. Herzerkrankungen gelten nach wie vor als Männerkrankheit. "Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen, dass derzeit etwa gleich viele Frauen und Männer einem Herzinfarkt erliegen oder an einer Herz-KreislaufErkrankung sterben", so Professor Vera Regitz-Zagrosek, Institut für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité in Berlin (Internist 2017; 58: 336-343).

Europaweit kämen Frauen in einer kardiovaskulären Notfallsituation allerdings später ins Krankenhaus als Männer.

Der einfache Grund dafür sei, dass bei Frauen seltener mit einem Herzinfarkt gerechnet werde. In der Berliner-Frauen-Risikoevaluation (BEFRI) bei mehr als 1000 Frauen zwischen 25 und 75 Jahren haben die Hälfte ihr kardiovaskuläres Risiko unterschätzt und 10 Prozent überschätzt.

Antiinflammatorische Eigenschaften von Östrogen

Östrogen hat antiinflammatorische Eigenschaften, weshalb sich das Auftreten kardiovaskulärer Erkrankungen zwischen den Geschlechtern unterscheidet. Bei Männern sind die Morbidität und Mortalität der KHK gegenüber prämenopausalen Frauen deutlich erhöht.

Aber: Nach der Menopause nähern sich die Raten an. Das hat etwas mit dem Wegfall der stabilisierenden Wirkung von Östrogen auf atherosklerotische Plaques zu tun, aber zum Beispiel auch mit veränderten Lipidwerten.

Vergleicht man Männer und Frauen vor der Menopause, so haben Männer ein niedrigeres HDL sowie höhere Werte für Gesamtcholesterin, Triglyceride und LDL. Nach der Menopause fällt dagegen ein deutlicher Anstieg des LDL bei Frauen auf.

Die Hypercholesterinämie der Frauen wird jedoch oft nicht adäquat behandelt. Zudem fällt nun die östrogenbedingte Hemmung der zellulären Hyperplasie der glatten Muskulatur weg. Plaque-Rupturen sind bei Frauen über 50 Jahre deutlich häufiger zu sehen als bei jüngeren Frauen, berichten Dr. Christopher Hohmann und seine Kollegen, Uniklinik Köln (DMW 2017; 142: 1578-1584).

Vor diesem Hintergrund wird plausibel, warum Frauen im Mittel sieben bis zehn Jahre später als Männer eine KHK entwickeln.

Bei Männern häufiger Koronarstenosen zu finden

Und es gibt weitere Unterschiede: Bei Linksherz-Katheteruntersuchungen sind bei Männern häufiger manifeste Koronarstenosen zu finden als bei Frauen. Bei Frauen sei dagegen die nicht-obstruktive KHK führend, so Hohmann und Koautoren.

Vermutlich seien bei Frauen weitere Mechanismen für die KHK verantwortlich: endotheliale Dysfunktion, Thrombophilie oder mikrovaskuläre Reaktivität. Seltenere Ursachen für ein akutes Koronarsyndrom kommen bevorzugt bei Frauen vor: Vasospasmen, Koronardissektionen – unter anderem spontan während der Schwangerschaft – sowie die Stress-induzierte Tako-Tsubo-Kardiomyopathie.

Dabei handelt es sich um eine vermutlich Katecholamin-induzierte akute Kardiomyopathie, deren Symptome, EKG und Laborparameter einem Infarkt ähneln. "Bei Frauen liegt etwa acht Prozent der akuten Koronarsyndrome ein Tako-Tsubo-Syndrom zugrunde", so Regitz-Zagrosek.

Ein manifester Typ-2-Diabetes ist für Frauen deutlich gefährlicher als für Männer: Sie haben ein höheres Risiko für die Manifestation einer KHK als männliche Diabetes-Patienten und sterben deutlich häufiger einen kardiovaskulären Tod. (ner)

Lesen Sie dazu auch: Geschlechtsspezifische Medizin: Der kleine Unterschied ist größer als gedacht Zwischen Mann und Frau: Viele geschlechtsspezifische Unterschiede bei Krebs Auch an Männer denken!: Osteoporose ist keine Frauenkranheit

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