Leitartikel zum Krebskongress

Welche Schlachten die Onkologie schlagen muss

In der Krebsversorgung gibt es so viele Baustellen wie kaum sonst wo in der Medizin: Machtpolitik, Kostenexplosion, Verteilungsdebatten, fehlende Daten und dubiose Wunderheiler. Ein strammes Programm für den Krebskongress, der heute in Berlin beginnt.

Von Philipp Grätzel von GrätzPhilipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
So bunt ist die Onkologie: Prostata-Ca-Zelle unterm Rasterelektronenmikroskop.

So bunt ist die Onkologie: Prostata-Ca-Zelle unterm Rasterelektronenmikroskop.

© Bilder der Forschung / dpa

Ein wenig stolpert man schon darüber: iKon lautet das Motto des Deutschen Krebskongresses 2014, ein Neologismus, den Uneingeweihte wohl weniger in der Medizin, sondern eher in der IT- oder Beraterbranche verorten.

Tatsächlich steht das technisch anmutende Kürzel für "intelligente Konzepte in der Onkologie". Intelligenz schadet sicher nicht, wenn all jene Herausforderungen angegangen werden sollen, vor denen die Krebsmedizin in Deutschland derzeit steht.

Wer will, kann diese Herausforderungen - hier schließt sich der Kreis zum Kongressmotto - alle mit "I" beginnen lassen. Kongresspräsident Professor Michael Hallek von der Universitätsklinik Köln hat das getan: Interdisziplinarität, Innovation und Individualisierung stehen für ihn als Rahmenthemen in Berlin im Vordergrund. Das Ziel ist eine möglichst optimale Versorgung jener 490.000 Menschen, die in Deutschland jedes Jahr neu an Krebs erkranken, darunter 1800 Kinder unter 15 Jahren.

Natürlich sind bei der Diskussion um Interdisziplinarität, Innovation und Individualisierung nicht nur Patienteninteressen maßgeblich. Es geht - wir befinden uns im Gesundheitswesen - auch um machtpolitische Ränkespiele und nicht zuletzt um Geld. Denn Krebsmedizin ist teuer.

Fast zehn Prozent der Gesundheitsausgaben in Deutschland gehen in die Krebsversorgung, Tendenz steigend. Allein in den sechs Jahren zwischen 2002 und 2008 nahmen die Kosten für die ambulante Krebsmedizin in Deutschland robusten Daten des Instituts für Community-Medicine der Uni Greifswald zufolge um 52 Prozent zu, die für die stationäre Krebsmedizin um 31 Prozent.

Eine solche Dynamik kann politisch nicht ignoriert werden. Dadurch, dass der Deutsche Krebskongress von einer breiten Koalition von "Betroffenen" getragen wird, die von Patienten über die behandelnden Ärzte bis zu Politik und Wissenschaft reicht, bietet er eine gute Bühne, um beides, Patientennutzen und Finanzierbarkeit, gemeinsam zu diskutieren.

Gute Krebsversorgung ist Teamwork

Stichwort Interdisziplinarität: Die Arbeitsgemeinschaft für Psychoonkologie in der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) hat an der Programmplanung des diesjährigen Krebskongresses aktiv mitgewirkt. Erstmals gibt es eine Plenarsitzung eigens zu diesem Thema.

Das tut auch not: Wer verhindern will, dass Patienten in Scharen zu dubiosen Wunderheilern abwandern und sich damit selbst gefährden, der muss akzeptieren, dass eine Krebserkrankung aus Sicht der Patienten nicht nur eine molekulargenetische Dimension hat.

In Zeiten steigender Heilungsraten (und eines steigenden Renteneintrittsalters) kommt auch der beruflichen Rehabilitation von Krebspatienten wachsende Bedeutung zu. Organkrebsspezialisten alleine werden das nicht leisten können. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Experten aus den Bereichen Rehabilitation, Sozialmedizin und erneut Psychoonkologie ist erforderlich.

Die politische Dimension dieser Thematik ist offensichtlich. Es ist nicht so, dass Organmediziner derzeit bereitwillig weniger wirksame oder weniger sinnvolle Arzneimitteltherapien auflisten würden, auf die zugunsten einer besseren Finanzierung der Psychoonkologie oder der beruflichen Rehabilitation verzichtet werden könnte. Verteilungsdebatten gehören zur Krebsmedizin in Deutschland und damit auf einen Deutschen Krebskongress.

Therapie-Stratifizierung am Anfang

Auch die Individualisierung - viele bevorzugen den Begriff Stratifizierung - der Therapie durch molekulare Marker hat nicht nur medizinische Dimensionen. Medizinisch ist die biomarkergesteuerte Onkologie in vielen Bereichen eine Erfolgsgeschichte.

Längst sind die Mammakarzinome mit ihren Hormon- und Her2-Rezeptoren und die CML mit der BCR-ABL-Bestimmung nicht mehr die einzigen Beispiele für eine "genetisch determinierte" Therapie. EGFR und KRAS interessieren unter anderem beim Darmkrebs.

Beim metastasierten Melanom schauen Ärzte heute nach dem Biomarker BRAF. Andere Beispiele sind die ALK-Bestimmung beim nicht-kleinzelligen Lungen-Ca, die CD30-Bestimmung beim Morbus Hodgkin oder die diversen Biomarker bei der AML.

Aber: Es gibt immer noch sehr, sehr viele Krebspatienten, denen durch eine Biomarkerbestimmung nicht relevant geholfen werden kann. Es gibt im Bereich Stratifizierung auch ein Datenproblem, insbesondere viel zu wenige unabhängige, von Wissenschaftlern initiierte Studien. Und: Billiger wird die Krebstherapie durch Biomarker nicht, im Gegenteil.

Womit wir beim dritten von Michael Halleks "I"s wären, der (Finanzierung von) Innovation. Das ist kein rein onkologisches Thema. Aber schon aus finanziellen Gründen ist die Onkologie das Gebiet, auf dem die großen Schlachten geschlagen werden. Das Schöne ist: Die Akteure sind willig, das zu tun.

Nirgends sonst sind Fachgesellschaften politisch so präsent. Die DKG hat mittlerweile mehr als 850 Organkrebszentren und Onkologische Zentren zertifiziert. Die DGHO berät andere Fachgesellschaften in Sachen Nutzenbewertung. Und der BNHO dreht mit der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung ein riesiges Rad.

All das zielt letztlich auf die Etablierung von Versorgungs- und Kompetenzstrukturen, die es erlauben, Top-Medizin in einem ausdifferenzierten und eben nicht hyperzentralisierten Versorgungssystem verfügbar und bezahlbar zu machen.

Dass es dabei Reibereien und Diskussionen gibt, ist wenig erstaunlich. Der Deutsche Krebskongress ist ein Forum für diese Diskussionen. Auch deswegen nimmt er unter den deutschen medizinischen Fachkongressen eine Sonderstellung ein.

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