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Welt-Osteoporose-Tag: Osteoporose ist keine Frage des Alters

Osteoporose ist zwar eine typische Erkrankung von Frauen und Männern in der zweiten Lebenshälfte, aber es gibt auch in jüngeren Jahren viele Betroffene. Wie man der Krankheit rechtzeitig auf die Spur kommt und welche Therapien sich eignen, erklärt die Vorsitzende vom Kuratorium Knochengesundheit Dr. Jutta Semler.

Veröffentlicht:

Ärzte Zeitung: Frau Dr. Semler, eine Osteoporose wird oft erst dann entdeckt, wenn bereits Frakturen vorliegen. Wie lassen sich gefährdete Patienten frühzeitig herausfinden?

Dr. Jutta Semler: Das Frakturrisiko ist wesentlich abhängig von Alter, Geschlecht und Knochenmasse. Es gibt aber noch weitere Faktoren. Ärzte sollten versuchen, gemeinsam mit ihren Patienten die Knochenbruchgefährdung zu erkennen. Zu beachten sind Untergewicht, eine familiäre Belastung, zum Beispiel ein Oberschenkelhalsbruch der Eltern, erhöhtes Sturzrisiko und Nikotinkonsum. Daneben gibt es viele Erkrankungen, die mit einem erhöhten Osteoporose-Risiko einhergehen. Hierzu zählen entzündlich-rheumatische Erkrankungen, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Typ-1-Diabetes, Niereninsuffizienz, primärer Hyperparathyreoidismus und eine aktuelle Hyperthyreose.

Ärzte Zeitung: Auch Medikamente können die Knochen schädigen...

Semler: Ja, eine Langzeittherapie mit systemischen Glukokortikoiden gehört bekanntlich zu den Risikofaktoren für eine Osteoporose. Aber auch Antiepileptika und Aromatasehemmer können die Knochen schädigen. Problematisch sind darüber hinaus Umstände und Medikamente, die die Sturzgefahr erhöhen, wie Schlafmittel und Psychopharmaka sowie Sehstörungen und eine eingeschränkte Beweglichkeit, zum Beispiel infolge von Lähmungen.

Ärzte Zeitung: Ab welchem Alter der Patienten sollte gezielt nach einem erhöhten Osteoporose-Risiko gefahndet werden?

Semler: Eine der Hauptgefahren für Frakturen sind neben den genannten Risikofaktoren bereits erlittene osteoporosetypische Knochenbrüche, vor allem von Wirbelkörpern sowie der Hüfte und des Unterarms. Dies gilt für jede Altersgruppe. Am häufigsten ist jedoch die postmenopausale Osteoporose und die im höheren Lebensalter. Deshalb wird eine Basisdiagnostik bei Frauen im Wesentlichen ab dem 50. Lebensjahr empfohlen, bei Männern eine Dekade später und geschlechtsunabhängig bei den über 70-Jährigen.

Ärzte Zeitung: Wie sollte man dabei konkret vorgehen?

Semler: Die Diagnostik umfasst vor allem die Anamnese, die klinische Untersuchung und die Knochendichtemessung. Ergänzt werden diese durch Labor- und gezielte Röntgenuntersuchungen, zum Beispiel der Wirbelsäule bei Verdacht auf eine Fraktur und zur Differenzialdiagnose von Rückenschmerzen. Wichtig in der Anamnese sind neben dem Erfassen von Risikofaktoren und Sturzneigung vor allem die aktuellen Beschwerden des Patienten sowie bereits erlittene osteoporosetypische Frakturen infolge eines Niedrigenergietraumas, etwa eines Sturzes aus geringer Höhe. Auffällige Befunde in der klinischen Untersuchung sind ein niedriger Body Mass Index (unter 20), eine Körpergrößenabnahme von mehr als vier Zentimetern, der typische Rundrücken bei bereits vorhandenen Wirbelfrakturen sowie ein lokaler Druck- oder Klopfschmerz über der Wirbelsäule als Hinweis auf einen frischen Wirbelkörperbruch.

Ärzte Zeitung: Wie sollte die Knochendichte gemessen werden?

Semler: Die Knochendichtemessung sollte gemäß der Leitlinien mittels der Dual-X-Ray-Absorptiometrie (DXA) an der Lendenwirbelsäule und am proximalen Femur erfolgen. Bei Einsatz anderer Untersuchungsverfahren ist der T-Wert, also die Standardabweichung von der durchschnittlichen Knochendichte eines jungen Erwachsenen, nicht vergleichbar. Die therapeutische Konsequenz des jeweils ermittelten T-Wertes hängt von Alter, Geschlecht und weiteren Risikofaktoren ab. Zur Beurteilung des Kalzium- und Phosphatstoffwechsels sowie zur Abgrenzung sekundärer Osteoporoseformen sind Laboruntersuchungen angebracht.

Ärzte Zeitung: Was empfehlen Sie Patienten, die zwar eine erniedrigte Knochendichte, aber noch keine Frakturen haben?

Semler: Im Vordergrund steht hier zunächst die knochengesunde Lebensweise. Das heißt: nicht rauchen, Alkohol nur in Maßen genießen und regelmäßige körperliche Aktivität mit dem Ziel, Muskelkraft und Koordination zu fördern. Untergewicht sollte unbedingt vermieden werden. Täglich sollten 1000 bis 1500 Milligramm Kalzium sowie 800 bis 1200 IE Vitamin D aufgenommen werden. Abhängig vom Beschwerdebild sollte die Knochendichte nach ein bis drei Jahren erneut gemessen werden.

Ärzte Zeitung: Wann ist die Therapie mit spezifischen Osteoporosemedikamenten erforderlich?

Semler: Die spezifische medikamentöse Therapie erfolgt immer bei bereits erlittenem Wirbelkörperbruch, da innerhalb eines Jahres mit weiteren Frakturen zu rechnen ist. Ansonsten sollte man gemäß der Leitlinien in Abhängigkeit von Alter, Geschlecht und Risiken vorgehen. Die Leitlinien sehen zum Beispiel bei Frauen zwischen 50 und 60 Jahren vor, ab einem T-Wert von -4,0 spezifische Osteoporosemedikamente zu geben, falls weitere Risiken vorliegen bereits bei einem T-Wert von -3,0 bis -3,5. 65- bis 70-jährige Frauen sind bereits bei einem T-Wert von -3,0 Kandidatinnen für eine spezifische Osteoporose-Therapie, bei zusätzlichen Risikofaktoren auch schon bei einem T-Wert von -2,0 bis -2,5.

Das Interview führte Kerstin Nees.

Dr. Jutta Semler

Bereits erlittene Brüche sind ein Hauptrisiko für Frakturen.

Dr. Jutta Semler

Osteologin aus Berlin

Berufliche Tätigkeiten: Chefärztin i.R. der Abteilung für Stoffwechselerkrankungen am Immanuel-Krankenhaus in Berlin. Schwerpunkt der Abteilung: Osteologie

Aktuelle Tätigkeiten: seit vielen Jahren Vorsitzende vom Kuratorium Knochengesundheit; medizinische Direktorin des Immanuel Women's Health Center - Zentrum für Prävention und Gesundheitsförderung in Berlin

Lesen Sie dazu auch: Neue Osteoporose-Leitlinie berücksichtigt mehr Risiken für Frakturen Pro Jahr: Mehr als 300 000 Frakturen durch Osteoporose Telefonberatung zum heutigen Osteoporose-Tag

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