HINTERGRUND

Wenn die Angst vor dem Zahnarzt zur Krankheit wird

Veröffentlicht:

Von Kai Gerullis

Schon allein der Gedanke an Zahnarztstuhl und Bohrer treibt vielen den kalten Schweiß auf die Stirn. Die Vorstellung, daß ein Fremder im eigenen Mund aktiv wird, ohne daß man das kontrollieren kann, ist für manchen schier unerträglich.

Trotz weitgehend schmerzfreier Behandlung durch örtliche Betäubung haben bis zu 80 Prozent der Bundesbürger Angst vor dem Zahnarzt. Bei fünf bis zehn Prozent ist diese Furcht sogar so groß, daß sie den Besuch bei ihm völlig vermeiden. Sie leiden unter Zahnbehandlungsphobie - und das hat oft schwerwiegende Folgen.

"Einige Betroffene ertragen jahrelange Zahnschmerzen, nur um nicht in die Praxis zu müssen", erzählt Zahnarzt Mats Mehrstedt aus Hamburg. "Weil gegen die kaputten Zähne nicht behandelt wird, fallen sie irgendwann aus. Wenn der Sichtbereich betroffen ist, ziehen sich viele Menschen aus Scham auch aus dem sozialen Leben zurück", sagt Mehrstedt, der sich auf die Behandlung von Patienten mit Ängsten und Phobien spezialisiert hat.

Keine Kontrolle zu haben, kann Auslöser der Angst sein

Die Ursachen für die krankhafte Angst sind vielfältig. "Auslöser sind meist schlechte Erfahrungen, die Menschen in der Vergangenheit mit Zahnärzten gemacht haben. In der Regel spielen dabei erlittene Schmerzen eine wesentliche Rolle", betont der Psychologe Manfred Prior aus Frankfurt am Main, der Zahnärzte psychologisch schult. "Aber auch das Gefühl, auf dem Zahnarztstuhl keine Kontrolle über die Situation zu haben, kann ein Auslöser sein."

Ob eine Zahnbehandlungsphobie vorliegt, kann etwa mit einem Fragebogen getestet werden - entsprechende Formulare sind bei einigen Zahnärzten sowie im Internet erhältlich.

"Liegt eine mögliche Phobie vor, sollte der Patient unbedingt das Gespräch mit seinem Hauszahnarzt suchen, ihm am besten den Fragebogen vorlegen", empfiehlt Hans Peter Jöhren, der Vorsitzende des Arbeitskreises für Psychologie und Psychosomatik in der Zahnheilkunde in der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Gemeinsam mit dem Hauszahnarzt könne dann über eine Therapie gesprochen werden.

Entspannungsübungen auf dem Zahnarztstuhl

Ein Behandlungsansatz ist eine Verhaltenstherapie. Diese erfolgt im Idealfall in enger Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt und einem Psychotherapeuten. Der erste Schritt ist ein ausführliches Aufklärungsgespräch, außerdem werden die Patienten mit Techniken zur Muskelentspannung vertraut gemacht.

Durch Gespräche ergründen die Psychotherapeuten die Ursachen der Angst und diskutieren diese mit dem Patienten. Später folgen Entspannungsübungen direkt auf dem Zahnarztstuhl.

Hilft auch die Psychotherapie nicht, oder ist Eile geboten, kann auch eine Vollnarkose gemacht werden. Einige Praxen bieten diese in Zusammenarbeit mit einem Anästhesisten an. "Das sollte aber eher die Ausnahme sein, denn dadurch wird die Angst nicht beseitigt", betont Mehrstedt. "Muß trotzdem unter Vollnarkose behandelt werden, versuche ich die Patienten immer zur Teilnahme an einer Therapie zu überzeugen. Denn so kann die Angst dauerhaft besiegt werden."

Erfahrungen aus der Therapie kommen übrigens auch Patienten zugute, die zwar ängstlich sind, aber von einer Phobie weit entfernt sind. So empfehlen die Experten ihnen beispielsweise, ihre Lieblingsmusik - etwa auf einem MP3-Player - zur Behandlung mitzubringen. "Das setzt die Schmerzschwelle herauf", sagt Jöhren. Auch Atemübungen können eventuelle Befürchtungen vor der Behandlung zerstreuen.

Doch auch die Zahnärzte können einen großen Teil dazu beisteuern, daß ihre Patienten ohne Vorbehalte in die Praxis kommen. Eine offene und umfassende Kommunikation sollte bei allen Behandlungsschritten selbstverständlich sein.

"90 Prozent der Zahnarzt-Ängste können durch einen guten Umgang des Zahnarztes mit dem Patienten abgebaut werden", sagt der Psychologe Prior. "Allein der typische Geruch einer Zahnarztpraxis löst bei vielen Menschen alte Ängste aus und erinnert an schlechte Erfahrungen." Die Stoffe, die Ursache für diesen Geruch seien, seien heute leicht durch geruchsneutrale Stoffe zu ersetzen.

Den Angst-Fragebogen gibt es unter www.zahnbehandlungsangst.com. Weitere Infos gibt es auf den Internetseiten der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) unter www.dgzmk.de

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Metaanalyse von 49 Studien

Absetzen von Antidepressiva verursacht meist milde Symptome

Kommentare
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Vorschau aufs Wochenende

Herzkongress ESC 2025: Diese neuen Studien stehen im Blickpunkt

Lesetipps
Ein Hausarzt lädt in seiner Praxis Dokumente in eine elektronische Patientenakte

© Daniel Karmann/dpa

Stichtage rücken näher

Warum es sich für Praxen lohnt, vor dem 1. Oktober in die ePA einzusteigen

Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung sind zwar hoch akzeptiert, aber komplett verzichten kann man auf die HbA1c-Messung (noch) nicht.

© stivog / stock.adobe.com

Evolution der Therapiesteuerung

Diabetesmanagement: Das Ende des HbA1c-Werts?

Rezeptunterschrift? Immer eigenhändig. Immer!

© detailblick-foto / stock.adobe.com

Bundessozialgericht

Rezeptunterschrift gestempelt: Internist drohen 1,24 Millionen Euro Regress