Mit Honig gegen Verätzung

Wenn eine Knopfzelle verschluckt wird

Bleiben Kleinkindern Lithiumbatterien im Hals stecken, drohen schwere Verätzungen. Honig oder Sucralfat könnten als Erste-Hilfe dienen und den pH-Wert senken.

Von Thomas Müller Veröffentlicht: 07.03.2019, 05:01 Uhr
Wenn eine Knopfzelle verschluckt wird

Schnell ist etwas verschluckt - etwa Knopfbatterien. Was schützt Kinder vor schweren Verätzungen?

© amixstudio / stock.adobe.com

Das Wichtigste in Kürze

  • Frage: Was neutralisiert die ätzende Wirkung einer Knopfzelle im Ösophagus am besten?
  • Antwort: Als Hausmittel eignet sich Honig, in der Klinik Sucralfat, um schwere Gewebeschäden zu verhindern.
  • Bedeutung: Verätzungen lassen sich möglicherweise vermeiden, wenn Eltern Kindern mit Knopfzellen in der Speiseröhre alle zehn Minuten zwei Esslöffel Honig verabreichen – bis ein Arzt die Batterie entfernt.
  • Einschränkung: Resultate basieren auf Tierversuchen.

PHILADELPHIA. Batteriebetriebene elektronische Geräte und Spielzeuge verbreiten sich zunehmend in Haushalten, und damit steigt auch die Gefahr, dass kleine Kinder die bonbongroßen Knopfzellen verschlucken.

Gefährlich sind vor allem leistungsstarke 3-Volt-Lithiumknopfzellen der Größe CR2032 mit 2 cm Durchmesser. Sie sind am Großteil der Todesfälle oder schweren Verletzungen bei Kindern beteiligt, die Batterien geschluckt haben, berichten Ärzte um Rachel Anfang von der Kinderklinik in Philadelphia (Laryngoscope 2019; 129: 49).

Die Inzidenz solcher Vorfälle habe sich in den vergangenen Dekaden mehr als verzehnfacht, schreiben die Experten.

Bleibt eine Lithiumbatterie in der elektrolytreichen Speiseröhre stecken, verursacht der Kurzschluss in der Mukosaflüssigkeit eine Hydrolyse und damit einen deutlichen Anstieg des pH-Werts in den alkalischen Bereich. Dies kann zu schweren Verätzungen bis zur Perforation führen, wenn die Knopfzellen nicht schnell entfernt werden.

Da jedoch nicht jede Klinik über pädiatrische Expertise verfügt, kommt es beim Transport in ein Spezialzentrum mitunter zu weiteren Verzögerungen. In solchen Fällen sowie als Erste-Hilfe-Maßnahme zu Hause wäre es wichtig, ein Mittel an der Hand zu haben, dass alkalischen Verätzungen vorbeugen kann.

Honig normalisiert pH-Wert

Die Forscher testeten zunächst eine Reihe von Haushaltsmitteln in Schweineösophagi aus dem Schlachthof. Sie steckten Knopfzellen in die Speiseröhre und spülten diese alle 10–15 Minuten mit 10 ml einer Testlösung.

Anschließend bestimmten sie den pH-Wert im Gewebe um die Knopfzellen und schauten sich die Schäden an. Als Speichelersatz diente eine isotonische Kochsalzlösung. Damit wurde in der Batterieumgebung ein pH-Wert von 13 beobachtet.

Die Forscher versuchten nun, mit einer Reihe säurehaltiger Limonaden sowie Apfelsaft und Orangensaft den pH-Wert zu senken, was aber nur schlecht gelang, in der Regel blieb er über 10.

Mit Honig hatten sie mehr Glück, dieser schien die Batterie weitgehend zu isolieren, der pH-Wert sank je nach Marke auf Werte zwischen 7,5 und 4,5.

In US-Kliniken häufig vorhandenes Sucralfat hatte einen ähnlichen Effekt, damit ließ sich der pH-Wert auf 7,5 senken und ein weitgehend neutrales Niveau erzeugen.

Dies gelang sowohl mit Honig als auch mit Sucralfat bereits in den ersten 30–45 Minuten. Sowohl mit Honig als auch mit Sucralfat fanden die Ärzte nach zwei Stunden kaum Verätzungen im Ösophagusgewebe.

Ob die Mittel auch in vivo wirken, prüften die Forscher bei rund 10 kg schweren Yorkshire-Ferkeln. Diesen steckten sie unter Anästhesie eine Stunde lang Lithium-Knopfzellen in den Ösophagus und spülten alle zehn Minuten mit isotonischer Salzlösung, Honig oder Sucralfat. Anschließend begutachteten sie die Schäden per Endoskop. Nach einer Woche wurde die Speiseröhre entfernt und auf Spätschäden untersucht.

In-vivo-Test bei Schweinen

Auch in vivo schützten Honig und Sucralfat vor Verätzungen: Während der pH-Wert mit der Salzlösung auf 12 stieg, blieb er mit Sucralfat etwas über 8 und mit Honig bei rund 6.

Die Fläche der Ulzera erreichte mit der Salzlösung im Schnitt rund 500 mm2, mit Honig und Sucralfat etwa 300 mm2.

Noch deutlicher waren die Unterschiede beim nekrotischen Gewebe: Unter Salzlösung zerstörte die Batterie häufig auch tief liegende Muskelschichten und die Hälfte der Tiere entwickelte innerhalb einer Woche eine verzögerte Ösophagusperforation.

Eine solche wurde mit Honig und Sucralfat hingegen bei keinem einzigen der Testtiere beobachtet, auch kam es damit kaum zu einer Schädigung tiefer liegender Zellschichten.

Die Forscher gehen davon aus, dass auch bei Kindern mit einer Lithiumbatterie im Ösophagus zwei Esslöffel Honig alle zehn Minuten eingenommen schwere Schäden verhindern können.

Die Viskosität von Honig und sein leicht saurer pH-Wert seien optimal, um die ätzende Wirkung einer verschluckten Knopfzelle so lange zu neutralisieren, bis diese entfernt wird. In einer Klinik könne statt Honig auch Sucralfat zum Einsatz kommen.

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Kommentare
Dr. Bettina Rees

Ich vermisse in dem Artikel eine Warnung,

dass Kinder im ersten Lebensjahr keinen Honig erhalten sollten, da das (wenn auch geringe) Risiko eines Säuglings-Botulismus besteht!
Säuglingen im ersten Lebensjahr sollte man also eher Sucralfat geben oder Honig, der zuvor ausreichend erhitzt wurde.
In jedem Fall dürfte es einfacher sein, darauf zu achten, dass ein kleines Kind (insbesondere ein Krabbelanfänger, der noch gerne alles mit dem Mund erkundet) nicht an Knopfzellen herankommen kann.

Dr. Thomas Georg Schätzler

Honig im Alter bis 12 Monate problematisch - danach nicht mehr!

Bei Kindern unter 12 Monaten besteht insbesondere bei wiederholter Honig-Gabe die Gefahr des Säuglings-Botulismus. Diese Sonderform des Botulismus infiziert den Säuglingsdarm mit dem Bakterium Clostridium botulinum. Die Sporen können im Darm auskeimen und ein muskellähmendes Gift produzieren. Die Darmflora ist bei einem Baby noch nicht so weit entwickelt, dass sie krankmachende Keime wie Clostridien in Schach halten könnte.

Im übrigen bezieht sich "pH-neutralizing esophageal irrigations as a novel mitigation strategy for button battery injury" von Rachel R. Anfang et al.
https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/lary.27312#
ausschließlich auf in vivo und in vitro Tierversuche ["Study Design - Cadaveric and live animal model"].

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund (z.Zt. Mauterndorf/A)


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