Gesundheitskongress des Westens

Mit guter Versorgungssteuerung GKV-Kosten in den Griff bekommen

Die Selbstverwaltung hat sich in der Pandemie bewährt, sind sich Fachleute beim „Gesundheitskongress des Westens“ einig. Dennoch müsse sich Einiges ändern – etwa in der sektorübergreifenden Versorgung.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Eine der größten Herausforderungen der künftigen Gesundheitspolitik: Wie mit der Finanzsituation der Gesetzlichen Krankenversicherung umgehen?

Eine der größten Herausforderungen der künftigen Gesundheitspolitik: Wie mit der Finanzsituation der Gesetzlichen Krankenversicherung umgehen?

© Alexander Limbach / Zoonar / picture alliance

Köln. Der Umgang mit der ungesicherten Finanzsituation der gesetzlichen Krankenversicherung wird eine der großen Herausforderungen in der Gesundheitspolitik der kommenden Jahre. Bei der Suche nach Lösungen sind sowohl die Akteure der Selbstverwaltung als auch des Staates und der Privatwirtschaft gefragt, findet Dr. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nordrhein (KVNo).

„Wir müssen alle mithelfen und sehen, wie wir die Kosten in den Griff bekommen“, sagte Bergmann beim „Gesundheitskongress des Westens 2021“ in Köln. Eine gute Versorgungssteuerung könnte dabei ein vielversprechender Weg sein.

Die Selbstverwaltung hat seiner Meinung nach ihre Bedeutung für eine gute Gesundheitsversorgung in der Pandemie erneut unter Beweis gestellt. Das zeigten die frühe und umfassende Verteilung von Schutzmaterialien durch die KVen sowie die zentrale Rolle der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte bei den Corona-Impfungen.

In Nordrhein-Westfalen hätten die Absprachen mit dem Land und den Kommunen gut funktioniert. „Ich glaube, wir können Versorgung, auch kurzfristig über den Sicherstellungsauftrag hinaus.“

Offen für Konzept der Grünen

Neuen Konzepten wie den regionalen Versorgungsverbünden, wie sie den Grünen vorschweben, steht KVNo-Chef Bergmann offen gegenüber. „Aber ich möchte, dass sie aus der Selbstverwaltung heraus entstehen und uns nicht übergestülpt werden.“ Das Gesundheitssystem basiere auf einer sorgsamen Trennung von Staat und Selbstverwaltung.

Auch Dr. Regina Klakow-Franck, stellvertretende Leiterin des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen, lobte die wichtige Rolle der gemeinsamen Selbstverwaltung. Ihre Vertreter dürften sich aber nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. „Sie müssen sich der Zukunftsherausforderungen annehmen.“ Dabei steht für Klakow-Franck an erster Stelle, endlich Fortschritte in der sektorübergreifenden Versorgung zu erzielen.

ASV hat gezeigt, wie es nicht geht

Gute, innovative Versorgungsformen werden sich aber nur durchsetzen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Das hat nach ihrer Ansicht die Ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) gezeigt. Sie sei nicht zuletzt an den überbordenden bürokratischen Anforderungen gescheitert.

Für sektorübergreifende Projekte brauche es zudem ein Entgeltsystem mit fairen Bedingungen für niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser. „Das ist bei der ASV nicht gelungen“, sagte Klakow-Franck.

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Damit neue funktionierende Versorgungsansätze den Weg in die Regelversorgung finden, müssten die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen und die Finanzierung stimmen. „Sonst wird der Qualitätswettbewerb nicht zustande kommen“, betonte sie.

Staat delegiert und mischt sich zu viel ein

Klakow-Franck plädierte dafür, dass die Selbstverwaltung und der Staat ihre jeweiligen Kernaufgaben klären. Der Staat würde viele Dinge an die Selbstverwaltung delegieren, die eigentlich zu seinen originären Aufgaben der Daseinsvorsorge gehörten, kritisierte sie.

Für den Infektiologen Professor Andrew Ullmann, der für die FDP im Bundestag sitzt, überschreitet der Staat seine Kompetenzen, wenn er sich in medizinische Belange einmischt. Ein Beispiel sei der Umgang mit der SARS-CoV-2-Impfung für Kinder und Jugendliche sowie den Auffrischungsimpfungen. Der Arztberuf sei ein freier Beruf. Die Politik könne nicht bestimmen, wo die Medizin lang gehe. „Das ist ein Schritt in die Staatsmedizin, das ist Medizin, die ich mir weder als Arzt noch als Politiker wünsche“, stellte Ullmann klar.

Er hält wie Klakow-Franck einen Strukturwandel für nötig, um den Qualitätswettbewerb voranzubringen. „Dafür brauchen wir eine starke Selbstverwaltung.“

Bei Digitalisierung im Turbomodus bleiben

Auch der Digitalisierungs-Schub dürfe nach der Pandemie nicht verloren gehen, forderte Stephan Schneider, Senior Manager Business Development Public & Health beim Telekommunikationsunternehmen Vodafone. „Die Geschwindigkeit sollte man nicht zurücknehmen.“ Wichtig ist für ihn, dass sinnvolle Neuentwicklungen Ärzten und Patienten frühzeitig zur Verfügung gestellt werden.

Schneider plädierte für die Zusammenarbeit der Experten aus den verschiedenen Bereichen, um Innovationen nach vorne zu treiben. Er hält die Selbstverwaltung für ein gutes System. „Damit haben wir einen Single point of contact.“

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