Kommentar

Verhängnisvolle Empfehlungen

Thomas MüllerVon Thomas Müller Veröffentlicht:

Es ist verständlich, dass sich Ärzte an jeden Strohhalm klammern, wenn sie das tägliche Sterben in den Kliniken sehen – die Bilder aus Italien, Spanien und New York machen deutlich, dass selbst im 21. Jahrhundert die Medizin einem neuen Virus fast machtlos gegenübersteht. In solchen Situationen wird alles versucht, auch Medikamente wie Chloroquin, von denen niemand so genau weiß, ob sie mehr nützen oder schaden.

Das ist legitim, solange nicht wichtige Errungenschaften der heutigen Medizin über Bord geworfen werden. Dazu zählen etwa randomisiert-kontrollierte Studien, die eindeutig belegen können, ob eine Intervention erfolgreich ist oder eben nicht. Wer hingegen aufgrund einiger anekdotischer Beobachtungen, kleiner Fallserien oder schlicht auf gut Glück problematische Medikamente an schwer kranke Patienten verteilt, handelt nicht nur fahrlässig, sondern verwirft auch das Instrumentarium, das der modernen Medizin die Macht gibt, Herausforderungen wie die derzeitige Pandemie zu meistern.

Da noch viele Menschen ernsthaft an COVID-19 erkranken werden, ist es enorm wichtig, Interventionen auf ihren Nutzen und Schaden zu prüfen – mit den Methoden, die genau dafür entwickelt wurden. Eine randomisiert-kontrollierte Studie hat dies erstmals für das bereits häufig eingesetzte Chloroquin getan – mit dem Resultat, dass eine Hochdosisbehandlung die Patienten vor allem einem hohen kardialen Risiko aussetzt. Man mag sich nicht ausmalen, wie viele Menschen auch aufgrund solcher Therapien und nicht allein durch das Virus ihr Leben verloren haben. Die Studie ist daher eine Warnung für alle, die glauben, es gäbe eine Abkürzung auf dem Weg der Erkenntnis.

Im Mittelalter haben weder Aderlass noch Kräuterkunde die Pest vertrieben – das sollte jenen zu denken geben, die auch heute noch ungeprüfte Heilmittel gegen eine Epidemie empfehlen.

Lesen sie auch
Schlagworte:
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Alarmierender Anstieg: Hautpilz aus dem Barbershop

© David Pereiras | iStock (Symboldbild mit Fotomodell)

Dermatomykosen

Alarmierender Anstieg: Hautpilz aus dem Barbershop

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Effektive Therapie von Nagelpilz: Canesten® EXTRA Nagelset

© Irina Tiumentseva | iStock

Onychomykosen

Effektive Therapie von Nagelpilz: Canesten® EXTRA Nagelset

Anzeige | Bayer Vital GmbH
Für Menschen ab 60 Jahren sind die Impfungen gegen Influenza, Corona, Pneumokokken und Herpes zoster (beide nicht im Bild) Standard-Impfungen. Für Menschen ab 75 Jahren kommt die RSV-Impfung hinzu.

© angellodeco / stock.adobe.com

Respiratorisches Synzytial Virus

STIKO: Alle Menschen ab 75 gegen RSV impfen!

Blickdiagnose: klinisches Bild mit typischen Effloreszenzen bei Herpes zoster.

© Mumemories / Getty Images / iStock

Zoster-Impfung

Schutz vor Herpes zoster und Rezidiven

Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler 16.04.202019:39 Uhr

Ross und Reiter benennen!

Wenn der selbsternannte "Größte Corona-Infektiologe Aller Zeiten" (GRÖCIAZ), der US-amerikanische Präsident Donald Trump, mit seiner Geheimwaffe gegen SARS-CoV-2-Infektionen und COVID-19-Erkrankungen prahlt, sollte die Wissenschaftsgemeinschaft äußerste Vorsicht walten lassen.
Denn auch verdünnte Salz- oder Schwefelsäure bzw. Octenidin wirken direkt gegen Coronaviren, ohne als brauchbares intravenöses Medikament in Frage zu kommen.
So ist auch das uns weltweit von der Firma Bayer und vom US-Präsidenten angediente Chloroquin/Resochin insbesondere in Kombination mit Azithromycin und weiteren polypragmatisch verordneten Medikamenten Nebenwirkungs- und Risiko-erhöhend suspekt.
Wenn ich bedenke, wieviel Zeit es gebraucht hatte, ein wirksames AIDS-Medikament zu entwickeln, bin ich doch froh, dass damals eine andere US-Präsidentschaft vorherrschte.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: Zeitaufwand pro Verabreichung von Natalizumab s.c. bzw. i.v.

© Springer Medizin Verlag GmbH, modifiziert nach [9]

Familienplanung und Impfen bei Multipler Sklerose

Sondersituationen in der MS-Therapie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Biogen GmbH, München
Protest vor dem Bundestag: Die Aktionsgruppe „NichtGenesen“ positionierte im Juli auf dem Gelände vor dem Reichstagsgebäude Rollstühle und machte darauf aufmerksam, dass es in Deutschland über drei Millionen Menschen gebe, dievon einem Post-COVID-Syndrom oder Post-Vac betroffen sind.

© picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt

Symposium in Berlin

Post-COVID: Das Rätsel für Ärzte und Forscher

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: vfa und Paul-Martini-Stiftung

Symposium der Paul-Martini-Stiftung

COVID-19 akut: Früher Therapiestart effektiv

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: vfa und Paul-Martini-Stiftung
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Weltkrebstag 2026

Was es für die optimale Krebsversorgung auf dem Land braucht

Herzinsuffizienz

HFrEF-Therapie: So sieht die optimale Therapie (derzeit) aus

Lesetipps
Eine Frau hält eine Lupe über die Abbildung einer Gebärmutter.

© Gambar / stock.adobe.com

Humane Papillomviren

Nach Impfung: HPV-Screening nur zwei- bis dreimal im Leben?

Ein einbandagierter Fuß

© Patrick Bonnor / stock.adobe.com

Wundheilung

Ulcus cruris venosum: Was für die Kompressionstherapie wichtig ist

Rita Süssmuth steht in ihrem Büro im Deutschen Bundestag.

© Bernd von Jutrczenka/dpa

Nachruf

Rita Süssmuth: Kämpferin gegen Diskriminierung