Porträt

Brandenburgs ältester Notarzt ist mit 74 Jahren weiter im Einsatz

Seit 1977 ist er bereits im Notarztwagen unterwegs. Mit 74 Jahren ist Dr. Gerd Müllrick der älteste Notarzt Brandenburgs. Aufhören? Nein! Er sieht sich in der Pflicht.

Von Benjamin LassiweBenjamin Lassiwe Veröffentlicht:
Immer noch im Einsatz: Dr. Gerd Müllrick ist der älteste Notarzt Brandenburgs.

Immer noch im Einsatz: Dr. Gerd Müllrick ist der älteste Notarzt Brandenburgs.

© Benjamin Lassiwe

Cottbus. „Morgens um 04:30 Uhr war ich noch bei einem Kleinkind“, sagt Dr. Gerd Müllrick zu seinem Kollegen Dr. Thomas Lembcke, als sie sich im Aufenthaltsraum der Rettungswache am Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus zur Dienstübergabe niederlassen. „Hast du es gut versorgt in der Klinik übergeben können?“, fragt Lembcke. „Ja“, sagt Müllrick.

Mehr Worte braucht es nicht: Gerd Müllrick ist in seinem Element. Der 74-Jährige ist seit 1977 als Notarzt in der Brandenburger Lausitz im Einsatz. Heute ist er der älteste Notarzt des Landes Brandenburg und wahrscheinlich auch einer der ältesten noch aktiven Notärzte Deutschlands.

„Ich muss das machen“, sagt Müllrick beim Kaffee im Aufenthaltsraum. „Ich bin durch meinen Vater und meinen Großvater dazu erzogen worden, dass ich eine Verantwortung in und für die Gesellschaft habe, und zurückgeben sollte, was ich von ihr empfangen habe.“

Erst KfZ-Schlosser, dann Medizinstudium

Schon als Kind wollte er Arzt werden. Das Abitur legte er berufsbegleitend ab, machte zugleich seine Facharbeiterprüfung als KfZ-Schlosser. Mit 15 lernte er das Motorradfahren bei der „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST), später kam der LKW-Führerschein dazu. Medizin studierte Müllrick an der Berliner Charité.

„Da man auf Kosten des Staates studieren durfte, wurde man nach dem Studium zentral gelenkt: Entweder durfte man sich seinen Facharzt-Ausbildungsort aussuchen oder die Ausbildungsrichtung wünschen.“ Gebraucht wurden in dieser Zeit vorrangig Allgemeinmediziner.

Für ihn wurde es trotzdem wunschgemäß die Ausbildung als Facharzt für Allgemeine Chirurgie am Bezirkskrankenhaus Cottbus mit der späteren Option der Subspezialisierung für Unfallchirurgie, erinnert sich Müllrick. Die Ausbildung für die geplante Besetzung des Notarztwagens begann für einen künftigen Chirurgen damals ganz selbstverständlich bereits ab dem zweiten Ausbildungsjahr mit einer Hospitation in der Anästhesie.

Ich würde auch heute immer allen jungen interessierten Kollegen raten (...) auch die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin zu erwerben.

Dr. Gerd Müllrick, Notarzt in Cottbus

„Wir waren in Cottbus in diesen Jahren bevorzugt gut ausgestattet, weil unser bekannter Chefarzt der Unfallchirurgie gute Kontakte nach Österreich hatte“, erinnert sich Müllrick. Da blieben neue, westliche Instrumente und Materialien dann schon einmal wie durch Zufall in Cottbus zurück. 1984 wird Müllrick jüngster Oberarzt der Unfallchirurgie.

„Ich würde auch heute immer allen jungen interessierten Kollegen raten, nicht nur die Facharztausbildung im gewünschten Fach, sondern auch die Zusatzbezeichnung Notfallmedizin zu erwerben“, sagt Müllrick. „Man ist dann im Berufsleben einfach freier unterwegs.“ Wie es war, als Notarzt in der DDR im Einsatz gewesen zu sein? „Anders“, sagt Müllrick. „Das Behandlungsprofil war viel enger.“

Einsatz meist bei Verkehrsunfällen

Niemand habe damals einen Arzt zu einem Patienten geschickt, der zu Hause gestürzt war und Schmerzen hatte. „Diese Leute wurden in ein Taxi gesetzt oder bestenfalls mit dem Krankentransport in die chirurgische Poliklinik gefahren“, erinnert sich der Mediziner. Der Notarzt rückte vor allem bei Verkehrsunfällen aus. Denn die liefen meist schwerer ab, als heute.

„Wenn ein Trabbi gegen einen Baum fuhr, war oft nur noch das Chassis da, und die Karosse weggeflogen.“ Und es ging auch häufiger um Alkoholmissbrauch. Bis zu einem Fünftel der in der Unfallchirurgie stationär behandelten Patienten damals, schätzt Müllrick, hatten ein Alkoholproblem.

Bei Schlaganfällen und Herzinfarkten sei es oft rein die klinische Erfahrung des Arztes gewesen, die über die Behandlungsindikation entschieden habe. „Wir konnten zu Anfang den Blutdruck und den Puls messen – dass wir ein EKG mit auf dem Wagen hatten, kam erst viel später“, sagt Müllrick. „Das war damals noch eine völlig andere Welt.“

Als Bordarzt auf einem Kreuzfahrtschiff

Nach der Wende boten sich für den Cottbuser Notarzt ganz neue Möglichkeiten: Zuerst stieg er in die Luftrettung in Senftenberg mit ein, 1993 ging er nach medizinischen Erfahrungen als Reserveoffizier der ehemaligen NVA in einen Auslandseinsatz in den Nordirak. Und nach seiner Pensionierung als Unfallchirurg 2012 machte er noch eine Fortbildung in Maritimer Medizin und fuhr auf einem Kreuzfahrtschiff als Bordarzt. Der Tätigkeit als Notarzt ist er aber treu geblieben.

Seit 2016, als man in Cottbus anfing, die Einsätze elektronisch zu erfassen, fuhr er 3200 Einsätze. In der Corona-Krise beteiligte er sich an den Verlegungen schwerkranker beatmeter Patienten aus der Lausitz in andere Schwerpunkteinrichtungen mit noch offenen Beatmungskapazitäten. „Da habe ich gemerkt, wie gefährlich dieses Virus ist.“

Auch im Bekanntenkreis des Arztes gab es Menschen, die die Situation verharmlost haben. „Ich bin aber zutiefst überzeugt davon, dass man sich unbedingt impfen lassen sollte, um der Pandemie Herr zu werden, sich und andere zu schützen“, sagt Müllrick. Selbst hat er sich schon die Booster-Spritze geben lassen: „Im Dienst kann ich ja immer auf Corona-Patienten treffen, da wäre alles Andere purer Leichtsinn.“

12 Kilometer Laufen und 40 Liegestützen täglich

Im Cottbuser Rettungsdienst wird Müllrick geschätzt: Gern übernimmt der mehrfache Vater und Großvater Rufbereitschaften zu Zeiten zusätzlich, in denen es für jüngere Kollegen schwerer wird, etwa in den Schulferien oder am Wochenende. Und er nimmt an allen Fortbildungen teil, derer er habhaft werden kann. „Ich kenne kaum einen, der so regelmäßig an Weiterbildungen teilnimmt, wie Gerd Müllrick“, sagt Lembcke, der ärztlicher Leiter des Cottbuser Rettungsdienstes ist.

Wie sich der 74-Jährige für die 15 oder 24-Stunden-Schichten fit hält? „Ich laufe täglich 12 Kilometer, wenn ich nicht im Dienst bin“, sagt Müllrick. Und auch 40 Liegestütze täglich gehören für den Cottbuser Arzt dazu. In der nächsten Zeit soll das auch so weitergehen: Der Arbeitsvertrag Müllricks geht bis November 2022.

„Ich hoffe, dass ich es selber merke, wenn ich nicht mehr fit genug bin oder bei den regelmäßigen arbeitsmedizinischen Untersuchungen bedenkliche Werte zu Tage treten und ich den Anforderungen nicht mehr voll umfänglich gerecht werden kann“, sagt Müllrick. „Aber das können wir uns im Moment eigentlich nicht vorstellen“, so Lembcke. ,,Für uns ist Gerd Müllrick einfach ein Teil unseres Teams.“

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