Nutri Score

Bunte Lebensmittel-Wahrheiten für Europas Verbraucher

Auch Deutschland will ab kommendem Jahr den Nutri-Score zur Kennzeichnung für Lebensmittel einführen. In Europa hat das bunte Nährwert-Label schon seit längerer Zeit seinen Siegeszug angetreten.

Von Detlef Drewes Veröffentlicht: 25.10.2019, 13:12 Uhr
Bunte Lebensmittel-Wahrheiten für Europas Verbraucher

Was ist gesund? Das in EU-Ländern erprobte Nutri-Score-Label soll Verbrauchern helfen, sich ausgewogener zu ernähren.

© Christophe Gateau

Brüssel. Es sind Beispiele wie dieses, die in Brüssel gerne erzählt werden: Am ersten Morgen ihres Frankreichurlaubs geht Johanna in einen Supermarché und entdeckt dort auch ihr Lieblings-Müsli im Regal. Doch sofort fällt ihr der farbige Code auf – und sie ist erstaunt, dass ihre Müsli nur die orange Wertung „D“ erhält.

Nach den Ferien studiert Johanna die deutsche Version der Lebensmittelkennzeichnung ihres Müslis. Sie liest Nährwerttabellen. Aber wie sie die Zahlen genau interpretieren soll, wird ihr nicht klar. Was ist nun gesund? Was ist ausgewogen?

Der Verbraucherzentrale Bundesverband hat diese Szene aufgeschrieben und wirbt mit ihr für den farbigen Nutri-Score. Dabei handelt es sich um eine Erfindung Frankreichs, an der die „Nationale Agentur“ für öffentliche Gesundheit, Ernährungswissenschaftler, Vertreter der Lebensmittelindustrie und Verbraucherschützer knapp 17 Jahre gearbeitet haben, ehe das Logo 2018 schließlich eingeführt wurde. Umfragen bei unseren Nachbarn belegen, dass diese Kennzeichnung mit Blick auf die Verständlichkeit am besten abschneidet.

Unternehmen finden Gefallen

Wenige Wochen nach der offiziellen Einführung verpflichteten sich bereits die Unternehmen Auchan, Intermarché, Leclerc und Fleury Michon, das System einzuführen. „Eine leicht verständliche Nährwertkennzeichnung steht im Einklang mit der Strategie von Danone, sich für die Entwicklung von gesünderen Ess- und Trinkgewohnheiten einzusetzen“, erklärt Richard Trechman, Manager beim Joghurt-Riesen Danone, das Engagement seines Hauses.

Inzwischen sind viele weitere Unternehmen gefolgt. Der Nutri-Score sei eine „wichtige Entscheidungshilfe bei der Wahl der Lebensmittel“, betonte auch Andreas Brosselmann, Qualitätsmanager International bei Bofrost.

In Frankreich zogen 2018 die ersten Produkte flächendeckend in die Geschäfte ein. Belgien folgte 2019. Spanien und Portugal haben sich entschieden, dem Beispiel zu folgen. Luxemburg und die Schweiz sind ebenfalls entschlossen, die bunte Kennzeichnung einzuführen.

In Brüssel wird das Vorhaben mit allen Mitteln protegiert. Zwar gebe es Schwächen des Systems, heißt es im Ressort Verbraucherschutz der zuständigen EU-Kommissarin Vera Jourova. Aber „oberstes Prinzip muss die Verständlichkeit sein“, wird in der EU-Kommission betont. Da sind sich offenbar alle einig.

„Das neue Kennzeichnungssystem muss gerade für die besonders von Fehlernährung und Übergewicht betroffenen Bevölkerungsgruppen verständlich bleiben“, meint auch Professor Berthold Koletzko, Vorsitzender der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin.

Deutschland überlegt noch, die übrigen Europäer sind angetan bis begeistert. Bei Umfragen – auch in der Bundesrepublik – sprachen sich bis zu 94 Prozent für diese neue Form der Kennzeichnung aus.

Ein gutes, leicht verständliches Bild

Ermittelt wird der Nutri-Score auf Basis der Nährwertangaben für je 100 Gramm oder je 100 Milliliter. Zur Berechnung werden auf der einen Seite Nährstoffe einbezogen, die negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben können: Energiegehalt, Zucker, gesättigte Fettsäuren und Salz (Natrium).

Auf der anderen Seite werden auch Eigenschaften der Produkte berücksichtigt, die positive Wirkung haben können. Für die verschiedenen Inhaltsstoffe gibt es Punkte, die eine Gesamtwertung ergeben. Aus dieser wiederum wird die Einordnung in die farbigen Klassen „A“ (grün) bis „E“ (rot) abgeleitet.

Natürlich bedeute das eine Vereinfachung, heißt es in der Nationalen Agentur für öffentliche Gesundheit in Paris. Nicht alle Inhaltsstoff wie Vitamine, Mineralstoffe oder ungesättigte Fettsäuren würden bewertet. Aber dafür sei das System für jeden leicht verständlich und ergebe – zusammen mit der Zutatenliste – ein gutes Bild.

Dass die Regionalität von Lebensmitteln, der ökologische Anbau oder gentechnisch veränderte Inhaltsstoffe nicht einbezogen würden, hält man dagegen für vertretbar. Dafür gebe es schließlich Bio- und Qualitätssiegel.

Skepsis nicht nur in Deutschland

Die in Deutschland teilweise vorhandene Skepsis gibt es auch in anderen EU-Staaten. So steht die unabhängige französisch-belgische Prüforganisation Test Achat/Test Santé zwar grundsätzlich zu der ernährungswissenschaftlichen Farbenlehre der Nuri Scores, rügt aber die fehlende Berücksichtigung von Zusätzen wie Süß- und Farbstoffen oder Konservierungsmitteln.

Dennoch hält man auch in Belgien die bunte Skala für die derzeit beste verfügbare Variante, um schnelle Verbraucherinformation sicherzustellen. „Die Leute lesen im Geschäft keine Nährwertgutachten, die ohnehin meist so klein gedruckt wurden, dass sie kaum zu entziffern sind“, heißt es bei den Verbraucherschützern in unserem Nachbarland.

Das Fazit der europäischen Diskussion lautet daher: Der Nutri Score ist in Sachen Verständlichkeit nicht zu überbieten, auch wenn er Schwächen im Detail hat. Die seien aber hinnehmbar, da viele Bürger beim Einkauf die endlosen Aufdrucke ohnehin nicht wahrnehmen würden. Die Hersteller wiederum drängen angesichts des gemeinsamen Marktes auf eine möglichst breite, einheitliche Kennzeichnung .

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