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Der "Doktorwagen" von 1909 - ein Auto für Landärzte

Von Manfred Poser Veröffentlicht:

Vor 100 Jahren lenkten nur ein paar begüterte Enthusiasten benzinbetriebene Motorwagen über die holprigen deutschen Wege. Doch dann kam 1909 der wendige Opel 4/8 PS zum günstigen Preis von 3950 Reichsmark. Er war der erste Kleinwagen und gab der Motorisierung Schub. Landärzte begriffen als erste, daß ihnen der neue "Selbstfahrer" helfen konnte, Patienten zu besuchen. So bekam Modell 4/8 den Spitznamen "Doktorwagen".

Um 1910 gibt es etwa 30 000 Ärzte in Deutschland. Von ihren potentiellen Patienten ist nur jeder Fünfte krankenversichert. Viele können sich einen Arztbesuch gar nicht leisten, und die ländlichen Gebiete sind schlecht versorgt.

Da ist der Doktorwagen ein Segen; für den Arzt entfällt die Abhängigkeit vom Pferdeknecht, die Franz Kafka in seiner Geschichte "Ein Landarzt" aufs schlimmste ausgemalt hat. In den ersten Autojahren brauchte man zwar noch einen Chauffeur. Auch der wurde obsolet, da das Ankurbeln des kleinen Opel nicht mehr Bärenkräfte verlangte.

Die technischen Daten des Autos: Vierzylinder-Reihenmotor, 1,128 Liter Hubraum, 8 PS, 50 Kilometer pro Stunde Höchstgeschwindigkeit und zwei Sitze - gerade richtig für den Arzt plus Instrumentenkoffer (an Wochenenden auch mit Frau). Dies alles war zum halben Preis der anderen Modelle zu haben. 845 Stück wurden im ersten Jahr gebaut, im Jahr darauf doppelt so viele. Der Doktorwagen brachte Adam Opels Firma nach dem Erstling 1898 den erhofften großen Erfolg. 1914 war Opel der größte deutsche Autobauer.

Historische Quellen sind rar. Doch Episoden machen deutlich, wie mühevoll ein Krankenbesuch für den Landarzt anno 1910 sein konnte. Man erzählt sich von dem Autoverkäufer Sir Henry, der oft Landärzte als wichtigste Kunden besuchte, ihm sei bei einer kleinen Fahrt irgendwann 1912 das Karbid für die Lampen ausgegangen. Es regnete, und zu allem Überfluß traf er auf zwei berittene Landpolizisten, die von der Petroleum-Notlaterne wenig hielten. Sir Henry floh, doch eine Fehlzündung stoppte ihn. Es setzte eine Strafe wegen "Führens eines unbeleuchteten vierrädrigen Fahrzeugs auf öffentlichen Wegen".

Es gibt heute wohl noch fünf oder sechs Doktorwagen im Land - einen davon pflegt Hans Meineker in Obernkirchen in Westfalen. Es ist eine Weiterentwicklung von 1911 mit 15 Pferdestärken, ein schönes weißes Modell mit roten Sitzen. Noch heute sei er sehr zuverlässig, so Meineker: "Macht man beim Starten alles richtig, läuft er sofort."

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