Präsidentschaftskandidat Trabert

Der „Street Doc“ will ins Schloss Bellevue

Professor Gerhard Trabert ist Sozialarbeiter und Arzt in Personalunion und behandelt seit Jahrzehnten Wohnungslose und Menschen, die vom System vergessen wurden. Jetzt fordert der Arzt als Kandidat der Linken den amtierenden Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier heraus.

Von Meike Mittmeyer-Riehl Veröffentlicht:
Wanderer zwischen den Welten: Professor Gerhard Trabert kandidiert für das Amt des Bundespräsidenten.

Wanderer zwischen den Welten: Professor Gerhard Trabert kandidiert für das Amt des Bundespräsidenten.

© Andreas Arnold / dpa / picture alliance

Mainz. „Armut macht krank und Krankheit macht arm“: Dieser viel zitierte Satz von Professor Gerhard Trabert vereint die beiden Welten, in denen der 65 Jahre alte Mainzer tagtäglich unterwegs ist.

Trabert ist als Sozialarbeiter ein Kämpfer gegen Armut und Ungleichheit. Und er ist Arzt, der vor allem jenen eine medizinische Betreuung bietet, die häufig durchs Raster fallen: Obdachlosen, Geflüchteten, Menschen ohne Krankenversicherung oder gültige Papiere.

Seit fast drei Jahrzehnten bietet Trabert als Gründer und Vorsitzender des Vereins „Armut und Gesundheit in Deutschland“ niedrigschwellige Versorgungsangebote, ist als eine Art „Street Doc“ mit dem Arztmobil in Mainz und Umgebung unterwegs und war schon mehrfach bei Einsätzen der Seenotrettung im Mittelmeer dabei.

Lesen sie auch

Wahl am 13. Februar

Jetzt erhält sein Wirken noch eine weitere, große Dimension: die der Politik. Die Partei Die Linke hat den Parteilosen und politischen Newcomer Trabert als ihren Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten vorgestellt. Damit fordert er am 13. Februar Frank-Walter Steinmeier heraus, wenn die Bundesversammlung zur Wahl des Staatsoberhauptes in Berlin zusammenkommt. Eine realistische Chance hat er kaum, das gesteht er im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“ selbst ein.

Neben der Ampelkoalition hat auch schon die CDU ihre Unterstützung für Steinmeier signalisiert. Als Underdog sieht Trabert trotzdem die Möglichkeit, eine Debatte über seine Kernthemen Armut und Gesundheit anzustoßen. „Und diese Chance will ich nutzen“, sagt er selbstbewusst.

Mit diesem Ziel ist er schon bei der Bundestagswahl im vergangenen September angetreten, bei der er als Direktkandidat für die Linkspartei im Wahlkreis Mainz kandidierte. Den Sprung in den Bundestag schaffte er nicht, dennoch gab ihm die Erfahrung Rückenwind. „Ich war nie in einer Partei, aber ich war immer politisch“, sagt Trabert. „Doch obwohl ich oft angesprochen wurde, habe ich ein politisches Amt vorher immer von mir gewiesen.“

Als zu weit weg von den Menschen, als zu versteift auf Debatten statt Taten habe er den Politikbetrieb wahrgenommen. „Ich bin dagegen eher einer, der anpackt, der macht.“ Erst die Corona-Pandemie habe ihn schließlich umdenken lassen. Er bekam bei seinen Patientinnen und Patienten hautnah mit, wie stark ein wirksamer Infektionsschutz vom Geldbeutel abhängig ist und dass etwa teure FFP2-Masken einfach nicht drin sind, wenn es schon fürs warme Abendessen nicht reicht.

Lesen sie auch

Später Seiteneinstieg in die Politik

Warum es bei den gestiegenen Lebenshaltungskosten in der Pandemie dennoch keine nennenswerte Erhöhung des Hartz-IV-Satzes gegeben habe, stößt bei ihm auf Unverständnis. „Gerade in diesen Zeiten ist wieder einmal deutlich geworden, dass unser Staat Menschen am Rande der Gesellschaft nicht auf der Agenda hat“, beklagt er. „Darum habe ich gesagt: Okay, dann versuche ich, an die Wurzeln, an die Strukturen, an die Rahmenbedingungen heranzugehen.“ Der späte Seiteneinstieg in die Politik ist für Trabert also so etwas wie der nächste logische Schritt in einer ungewöhnlichen Laufbahn.

Auch zur Medizin kam er einst erst über einen Umweg. In den 70er Jahren studierte er zunächst Sozialarbeit und war mehrere Jahre im Krankenhaus-Sozialdienst tätig. Schon damals hat er in der Patientenbetreuung gern psychosoziale Aspekte einfließen lassen, erzählt er, habe aber oft gehört: „Sie sind doch kein Arzt, das können Sie nicht beurteilen!“

Also setzte Gerhard Trabert ein Medizinstudium oben drauf und promovierte zur „Gesundheitssituation und medizinische Versorgung von wohnungslosen Menschen“ – ein Thema, das ihn nie wieder losließ. Er erlangte die Facharztqualifikation für Allgemein- und Notfallmedizin und arbeitete in verschiedenen Kliniken.

Seine Berufung gefunden

Bald aber merkte er, dass ihm das Hamsterrad des Klinik- und Notarztalltags nicht genügend Zeit und Raum für die sozialen Aspekte der Arzt-Patienten-Beziehung ließ. „Ich habe gemerkt, dass ich mich immer weiter von dem entfernte, was ich als Arzt sein wollte, dass ich meine Identität als Arzt verliere“, blickt er zurück. Er verließ die Klinik, um Sozialmedizin zu lehren.

Hier konnte er seine beiden Welten wieder miteinander in Einklang bringen: die Sozialarbeit und die Medizin. Mit der Gründung des Vereins „Armut und Gesundheit in Deutschland“ fand er seine endgültige Berufung. In der dort angegliederten „Medizinischen Ambulanz ohne Grenzen“ in Mainz engagiert sich mittlerweile ein Team von 30 Ärzten sowie Gesundheitspflegern, Physiotherapeuten und Hebammen.

Über 2300 Behandlungen stehen im Jahresbericht für 2020. Im Zuge der Pandemie wurden auch Infektionssprechstunden und später mobile Impfaktionen mit dem Arztmobil angeboten und auch gut angenommen, erzählt der Gründer.

Immer zwischen den Stühlen

Dass der Bedarf nach diesen Angeboten überhaupt so groß ist, zeigt nach Traberts Auffassung, dass im deutschen Gesundheitssystem einiges im Argen liege. So kritisiert er beispielsweise die Privatisierung des Gesundheitssektors, den Anstieg von Selbstzahler-Leistungen und befürwortet eine allgemeine Bürgerversicherung.

Mit solchen Forderungen macht er sich in der Ärzteschaft natürlich nicht überall nur Freunde. „Bei den Ärzten gelte ich zum Teil als der soziale Spinner, bei den Sozialarbeitern als der, der mehr sein wollte und Medizin studiert hat. Ich sitze schon immer zwischen diesen Stühlen, aber das muss man aushalten.“

Diese Chance will ich nutzen.

Professor Gerhard Trabert, Sozialmediziner, will mit seiner Kandidatur eine Debatte über die Themen Armut und Gesundheit anstoßen.

Verbiegen will sich der 65-Jährige übrigens auch dann nicht, wenn es wider Erwarten mit der Wahl zum Bundespräsidenten klappen sollte. So wie er einst die Zwänge des Klinikarzt-Alltags abstreifte und seinen eigenen Weg suchte, will er auch in Schloss Bellevue einen neuen, eher unkonventionellen politischen Stil pflegen.

Doktor Bundespräsident on tour

„Ich würde als Erstes betroffene Wohnungslose einladen und auch als Bundespräsident versuchen, mich weiterhin für die Seenotrettung im Mittelmeer zu engagieren.“ Auch seinen Arztkittel will er nicht dauerhaft gegen Anzug und Krawatte eintauschen: „Ich würde auch versuchen, weiter mit dem Arztmobil unterwegs zu sein, vielleicht nur nicht mehr ganz so häufig wie jetzt.“ Doktor Bundespräsident on tour sozusagen.

Eine komplette Transformation vom Sozialmediziner zum Berufspolitiker soll es bei Gerhard Trabert also nicht geben. Als Wanderer zwischen verschiedenen Welten hat er mittlerweile jede Menge Erfahrung.

Mehr zum Thema

World Economic Forum

Afrika steht noch am Anfang der COVID-Impfkampagne

So gesund ist Deutschland

Ost-West-Gefälle bei Adipositas und Diabetes

Kommentare
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Sie müssen angemeldet sein, um Kommentare lesen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden »Kostenlos registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Gendern oder nicht? Die Debatte darüber verlief beim Ärztetag kontrovers.

© Rolf Schulten

Kontroverse Stimmungslage

Anträge zum Gendern bescheren emotionale Ärztetags-Debatte

Erfahrungen aus der Behandlung von Patienten mit Affenpocken aus dem UK legen nahe, dass die Isolation den Patienten psychisch zusetzt (Symbolbild).

© David Pereiras / stock.adobe.com

Ärzte berichten

Auch psychische Behandlung nach Affenpocken-Infektion mitunter nötig