Glosse

Die Duftmarke: Im Impfwahn

Umso mehr, desto besser: Ein Mann hat sich 217 Mal gegen COVID impfen lassen und sein Corona-Immunsystem funktioniert wohl tadellos. 1A! Denn: Hypervakzinierung könnte die Lösung fürs deutsche Gesundheitssystem sein.

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Aller guten Dinge sind 217. So oft hat sich ein Mann nach eigenen Angaben inzwischen gegen COVID impfen lassen: Forschende aus Bayern – pardon: Franken – waren höchst interessiert an seinem Immunsystem und er ließ bereitwillig sein Blut untersuchen. Ergebnis: Die T-Effektorzellen zeigen auch nach 217 Impfungen keine Ermüdungserscheinungen und die Antikörperanzahl konnte selbst die letzte Immunisierung noch steigern.

Vor dem geistigen Auge erscheint Karl Lauterbach und frohlockt: Die Hypervakzinierung könnte nicht nur Forscherteams wichtige Erkenntnisse zu Gewöhnungseffekten bei chronischen Infektionen wie HIV oder Hepatitis bescheren – sie könnte auch die Wogen im deutschen Gesundheitssystem glätten. „Das ist eine wirklich gute Nachricht!“, sagte der Minister noch mit zerzaustem Haar vor Journalisten: Lauterbach hatte noch in der Nacht, in der er von dem Fall gelesen hatte, eine Pressekonferenz für den nächsten Morgen einberufen. Eilig setzt er sich die fünfte Spritze in den linken Arm. „Ich kann keine Zeit verlieren: Als derzeit nur im einstelligen Bereich Geboosteter habe ich erhebliches Risiko für eine Corona-Infektion im Vergleich zu dem Patienten mit dreistelliger Vakzinierung“. Außerdem gäbe es da noch Studien aus Harvard, die auch keinen Schaden von Hypervakzinierung sähen ...

Dann führt der Minister die Vorteile für das deutsche Gesundheitssystem auf. „Seit Jahrzehnten streiten wir über Bürokratieabbau, Bezahlung und führen Grabenkämpfe über Zuständigkeiten: Die Hypervakzinierung bietet jetzt die Lösung aller Probleme, erklärt Lauterbach und setzt sich drei neue Nadeln, diesmal ins Bein. Alle Arztpraxen sollen ab sofort Menschen mit allen verfügbaren Vakzinen gegen COVID, Influenza und Co. impfen. Das vereinfacht die Praxisprozesse, da es nur noch eine Behandlungsart gibt, und KL verspricht 20 Euro pro Impfung. Stellt man Patienten in eine Reihe auf und schafft 2 Patienten pro Minute, schafft man einen Praxisumsatz von knapp 17.000 Euro – bei einem Arbeitstag mit sieben Stunden!

Während Lauterbach seinen rechten Unterarm freilegt, merkt er zum Abschluss noch an, dass er mit BioNTech im Gespräch über Mega-Vials mit 150 Impfdosen ist: Man könne schließlich nicht erwarten, dass jeder Patient sich so oft impfen lässt, wie das Forschungsobjekt der Franken. Und den Mann, der sich 87 Mal in Sachsen impfen ließ, forderte der Gesundheitsminister auf, künftig nicht so zurückhaltend zu sein.

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