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Nobelpreis krönt Forschung am Sperma des Störs

Vor 100 Jahren erhielt Albrecht Kossel als erster Heidelberger den Nobelpreis für Medizin. Er entdeckte unter anderem das Adenin.

Von Wolfgang Eckart Veröffentlicht:
Albrecht Kossel schlug die Fußstapfen des Vaters aus und studierte lieber Medizin, als Kaufmann zu werden.

Albrecht Kossel schlug die Fußstapfen des Vaters aus und studierte lieber Medizin, als Kaufmann zu werden.

© Tuffs / Uni Heidelberg

HEIDELBERG. In seiner Personalakte wirkt das Urlaubsgesuch, das der Heidelberger Ordinarius für Physiologie, Albrecht Kossel, am 24. Oktober des Jahres 1910 an den Rektor der Ruperto Carola richtete, eher unscheinbar. Sein Inhalt allerdings war ebenso ungewöhnlich wie bedeutungsvoll, denn Kossel durfte über die wenige Tage zuvor erfolgte Verleihung des Nobelpreises für "Physiologie oder Medizin" an ihn berichten.

Der "Rector des Karolingischen Instituts in Stockholm" habe ihn aufgefordert, "zur Entgegennahme dieses Preises am 10. December nach Stockholm zu kommen, daselbst an einem der folgenden Tage einen Vortrag zu halten und der am 13. December stattfindenden Hundertjahrfeier dieses Instituts beizuwohnen".

"Die ausfallenden Vorlesungen", gedenke der Verfasser des "ergebenen Gesuchs", um einen zehntägigen Urlaub, "durch eingeschobene Stunden zu ersetzen".

Die Ehrung, die mit der Verleihung des Nobelpreises an Kossel "in Anerkennung des Beitrages, den seine Arbeiten über Eiweißstoffe einschließlich der Nukleine für unsere Kenntnis der Chemie der Zelle geleistet haben", für den Preisträger verbunden war, galt auch damals schon der gesamten Universität.

War doch Kossel nach Emil von Behring (1901), Robert Koch (1905) und Paul Ehrlich (1908) erst der vierte deutsche Mediziner, dem dieser Preis zugesprochen wurde und der erste Nobelpreisträger Heidelbergs noch dazu. Zwar hatte Philipp Lenard bereits 1905 "für seine Arbeiten über die Kathodenstrahlen" den Nobelpreis für Physik erhalten, bis zu dessen Rückkehr nach Heidelberg sollten aber noch zwei Jahre ins Land gehen.

Kossel hingegen war bereits 1901 einem Ruf als Professor auf den Lehrstuhl für Physiologie und als Direktor des Physiologischen Institutes an die Universität Heidelberg gefolgt, wo er das Erbe seiner berühmten Vorgänger von Helmholtz und Kühne antrat.

Geboren am 16. September 1853 als ältester Sohn des preußischen Konsuls Albrecht Kossel in Rostock, hatte er 1872 sein Studium an der neu gegründeten Universität Straßburg aufgenommen. Geprägt wurde er besonders durch den Unterricht der Professoren Heinrich Anton de Bary, Heinrich Wilhelm Waldeyer, August Kundt, Adolf von Baeyer und Felix Hoppe-Seylers.

Nach der Promotion (1878) an der Universität Rostock führte ihn sein beruflicher Werdegang über eine Assistentenstelle in Straßburg, eine außerordentliche Professur am Berliner Lehrstuhl für Physiologie Emil Du Bois-Reymonds (1883) und eine ordentliche Professur für Physiologie an der Uni Marburg (1895) nach Heidelberg.

Das zentrale Arbeitsfeld Kossels war die Physiologische Chemie und hier insbesondere die Chemie von Geweben und Zellen. Sein besonderes Interesse galt der Biochemie des Zellkerns und der Proteine und ihrer Umwandlung in Peptide.

An Fischrogen studierte der verhinderte Kaufmann, der die Fußstapfen des Vaters ausgeschlagen und lieber Medizin studiert hatte, die Protamin- und Hexonbasen. 1886 entdeckte er im Sperma des Störs die Aminosäure Histidin, untersuchte das Arginin in Harnstoff und Ornithin spaltende Enzym Arginase, und fand im Heringssamen die Guanidin-Verbindung Agmatin.

Der bekannteste zentrale Baustein des Lebens, den Kossel entdeckte (1888), ist das Adenin.

Albrecht Kossel starb hochgeehrt am 5. Juli 1927 und wurde auf dem Heidelberger Bergfriedhof beigesetzt.

Der Autor ist Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Uni Heidelberg.

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