Stadtteilgesundheit

Pfaff: „Praxen in Problemvierteln sollten Steuermittel bekommen“

Professor Holger Pfaff von der Universität Köln ist unter anderem Versorgungs- und Altersforscher und arbeitet zu Themen wie Inklusion, sozialer Ungleichheit und interkultureller Bildung. Die „Ärzte Zeitung“ sprach mit ihm darüber, was die medizinische Versorgung in Kommunen von Gesundheitsförderung in Betrieben lernen kann.

Von Christian BenekerChristian Beneker Veröffentlicht:
Köln Chorweiler: ein sozial benachteiligter Stadtteil im Norden der Stadt. In vielen deutschen Brennpunkten fehlt es an Haus- und Facharztpraxen. Im Kölner Norden unterstützt das Projekt „Kümmerei“ die gesundheitliche Versorgung.

Köln Chorweiler: ein sozial benachteiligter Stadtteil im Norden der Stadt. In vielen deutschen Brennpunkten fehlt es an Haus- und Facharztpraxen. Im Kölner Norden unterstützt das Projekt „Kümmerei“ die gesundheitliche Versorgung.

© Christoph Hardt/Geisler-Fotopres/picture alliance

Ärzte Zeitung: Herr Professor Pfaff, ist das, was wir in Hamburg-Veddel sehen, so etwas wie ein Zukunftsmodell für die medizinische Versorgung in sozial benachteiligten Stadtteilen?

Prof. Holger Pfaff: Im Veddeler Projekt zeigt sich, dass eine effektive Versorgung eben nicht nur durch die medizinische Behandlung zustande kommt. Vor allem bei alten Patientinnen und Patienten kann man sie nicht mehr trennen von der Sozialarbeit und der psychosozialen Stadtteilarbeit.

Prof. Dr. Holger Pfaff

Prof. Dr. Holger Pfaff

© Christian Wittke/Büro Pfaff

Sie sagen, ein Vorbild für die medizinische Versorgung in bestimmten Stadtteilen oder den Kommunen kann die betriebliche Prävention sein. Warum?

Ende der 90er Jahre hat der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) den Paragrafen 20 SGB V gekippt. Der Passus hatte den Krankenkassen erlaubt, Gesundheitsförderungsprogramme aufzulegen. Die Kassen mussten nun also alle ihre Pläne einstampfen. Damit blieb nur noch die betriebliche Gesundheitsförderung, kann man sagen. Zum Glück. Denn in der Industrie, in den Betrieben kann man klare Programme fahren. Da hat man eindeutige Ansprechpartner und im Idealfall eine Werkszeitung oder andere Medien, die das Präventionsprogramm eines Betriebes kommunizieren. All das fehlt oft in Kommunen. Es gibt da keine festen Zuständigkeiten, keine definierten Abläufe.

Dann braucht man also neue Ansätze, so wie in der Poliklinik in Hamburg-Veddel?

Die Poliklinik auf der Veddel ist vorbildlich. Ähnliches gibt es auch in Köln. Da arbeitet die „Kümmerei“. Die Initiatoren bemühen sich um die Gesundheit von Bewohnerinnen und Bewohnern in sozial benachteiligten Stadtteilen im Kölner Norden. Das Ganze ist eine Kooperation einer Managementgesellschaft und der AOK Rheinland/ Hamburg. Wirklich anders ist hier aber, dass durch die Kooperation mit der AOK Patientendaten aus den kooperierenden Stadtteilen vorliegen. Die Gesundheitsdaten der Bevölkerung sind aus meiner Sicht das A&O für gezielte Versorgungsangebote. Denn dann kann man zum Beispiel den Bewohnern in Stadtteilen, wo viele Menschen mit Rückenproblemen leben, gezielt Versorgungsangebote machen.

Und das betrifft im Zweifel nicht nur die Bewohnerinnen und Bewohner in sozial benachteiligten Stadtvierteln. Denn auch in reichen Stadtteilen, wie etwa Hamburg-Blankenese, können sich bestimmte Diagnosen häufen. Da helfen dann gezielte Versorgungs- und Präventionsangebote genauso wie auf der Veddel. Dieser Ansatz stammt aus der betrieblichen Prävention und Gesundheitsversorgung. Dieser Ansatz erlaubt im Idealfall auch, in der Prävention Ziele zu setzen und die Ergebnisse aus verschiedenen Stadtteilen zu vergleichen. So lässt sich ein Lernumfeld schaffen, um die Versorgung immer weiter zu verbessern.

Aber für eine gute Versorgung braucht es eine medizinische Infrastruktur vor Ort. Das ist in Blankenese wohl kein Problem. Aber in vielen sozial benachteiligten Stadtteilen fehlt sie.

Das stimmt, das ist ein großes Problem, dass in manchen Vierteln schlicht Haus- und Fachärzte fehlen. Da können Projekte wie in Hamburg-Veddel helfen. Jetzt braucht es aber vor allem den politischen Willen und ein funktionierendes Management, um diese Arbeit in die Stadtteile zu bringen. Dieses Management benötigt nicht nur Gesundheitsdaten über das Stadtviertel, sondern in Form eines Versorgungsberichts auch Daten über die Kranken- und Gesundheitsversorgung in diesem Viertel. Außerdem müsste man aus meiner Sicht Praxen in Problemstadtvierteln aus Steuermitteln unterstützen, falls sie über das Normalmaß hinausgehende soziale Zusatzaufgaben erfüllen.

Professor Holger Pfaff

  • Direktor des Instituts für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft (IMVR) der Universität Köln
  • Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Versorgungsforschung Köln (ZVFK)
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