Gesundheitsförderung im Quartier

Poliklinik in Hamburg-Veddel: Gesundheitszentrum für den ganzen Stadtteil

Im Hamburger Stadtteil Veddel ist medizinische Versorgung gleichzeitig eine politische Angelegenheit. Hausarzt Philipp Dickel kooperiert mit vielen anderen Diensten, weil „alles mit allem zusammen hängt“.

Von Christian BenekerChristian Beneker Veröffentlicht:
Hausarzt Philipp Dickel aus Veddel.

Hausarzt Philipp Dickel hat das ganze Viertel im Blick.

© privat

Veddel. Hausarzt Philipp Dickel will nicht nur wissen, wie gut oder schlecht seine Patienten schlafen, sondern auch, wo. Ob die Schlafzimmerecken schimmelig sind. Ob die Räume zu klein sind. Ob die Luft gut ist oder ob sie schlecht ist. Dickel arbeitet mit seiner Praxis als Teil der Poliklinik im Hamburger Stadtteil Veddel, auf drei heute kaum mehr als solche zu erkennenden Elbinseln gelegen.

„Wir gemeinsam verstehen uns als Stadtteilgesundheitszentrum, dessen Versorgung von der Gesundheitsförderung im ganzen Quartier ausgeht und damit eben nicht nur Primärversorgung umfasst“, erklärt Dickel. Kurz: Medizinische Versorgung ist hier auch eine politische Angelegenheit. So habe eine COPD oder Asthma nicht nur mit dem persönlichen Verhalten der Patienten zu tun, sondern auch zum Beispiel mit den Emissionen der umliegenden Industrie.

Alles hängt mit allem zusammen

Das ist die Grundeinsicht der Poliklinik Veddel: Alles hängt mit allem zusammen – Sprachkenntnisse mit sozialer Gesundheit, Lungenerkrankungen mit Luftverschmutzung und ein fehlender Aufenthaltstitel mit Depressionen. Kurz: Es gehe nicht nur um Verhaltensprävention, sagt Milli Schröder von der Poliklinik Veddel, „sondern um Verhältnisprävention“. „Meine Miete hat Fieber“, „meine Wohnung hat Luftnot“, „mein Konto hat Durchfall“, plakatieren die Initiatoren ihr Verständnis von Krankheit kurz und knapp.

„Die Veddel“ ist aktuell der ärmste Stadtteil Hamburgs. Wer von Süden aus auf der Autobahn über die Elbbrücken Richtung der noblen HafenCity und der noch nobleren Binnenalster braust, übersieht die Fassaden des Viertels leicht. Rund 4800 Menschen leben hier. 74 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund, vermeldet das Statistische Amt für Hamburg und Schleswig Holstein für das Jahr 2020. 45 Prozent sind Ausländer. So ist in der Poliklinik vieles denn auch multilingual, auch das „Stadtteil-Gesundheitsszentrum“: „Qendra Shendetesore per Fqinjet“ – „Mahalle Saglik Merkezi“ – „Community Health Center“.

Ohne Sprachmittler geht hier in der Versorgung und Beratung gar nichts. Politische und soziale Faktoren wie Mietsteigerungen, geringes Einkommen, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Rassismus oder Altersarmut beeinflussen die Gesundheit nachweislich stärker als die Qualität der medizinischen Versorgung alleine, begründen die Leute von der Poliklinik ihr Engagement. „Wir setzen an beiden Bereichen an. Indem wir Menschen dabei unterstützen, kollektive Lösungsstrategien für gemeinsame Problemlagen zu entwickeln. Indem wir uns aktiv an aktuellen politischen Auseinandersetzungen beteiligen. Und indem wir unsere Versorgungspraxis an den Bedürfnissen der Besucher orientieren und mit ihnen gemeinsam weiterentwickeln.“

Hilfe von der Gemeindeschwester

Formell besteht die Poliklinik aus einer Hausarztpraxis, einer Hebammenpraxis und einem Verein als Dach für die kooperierenden Dienste, der „Gruppe für Stadtteilgesundheit und Verhältnisprävention e.V.“

Unter diesem Dach kooperieren eine ganze Reihe weiterer Dienste, wie eine Gesundheits- und Sozialberatung, eine psychologische Beratung, die Gemeinwesenarbeit oder die Community Health Nurse. Einmal im Monat treffen sich die multiprofessionellen Versorger zu Fallbesprechungen. „Wir wollen wissen, was die Menschen wirklich brauchen“, sagt der Hausarzt. Dieser Ansatz ist der größte Unterschied zur herkömmlichen medizinischen Versorgung, „der andere Blick auf die Patienten.“

Mehr als nur eine Arztpraxis: Die Poliklinik Veddel in Hamburg.

Mehr als nur eine Arztpraxis: Die Poliklinik Veddel in Hamburg.

© Iren Dymke

So weiß man in der Poliklinik, dass die psychischen Probleme vieler Bewohner auch am fehlenden Aufenthaltstitel liegen können. „Diesen Stress kann ich als Hausarzt nicht einfach mit einer Überweisung lösen“, sagt Dickel. Hier greift zum Beispiel die psychologische Beratung, die zunächst eruiert, was der Patient braucht, „um dann zusammen mit ihm gegebenenfalls einen Therapieplatz sucht“, sagt Dickel.

Die Gemeindeschwester hilft beim Beantragen eines neuen Pflegegrades und die Gemeinwesenarbeit hat geholfen, hier ein Impfzentrum aufzubauen. Es sei wissenschaftlich längst klar, dass solidarische Gemeinschaften gesünder sind, erklärt der Hausarzt. „Und das beziehen wir in unseren Ansatz mit ein.“

Finanzierung gleicht einem Flickenteppich

Vertreter des insgesamt 30-köpfigen Teams der Poliklinik sitzen inzwischen im Stadtteilbeirat, machen Veranstaltungen zur Luftverschmutzung, informieren auf Stadtfesten, gehen in die Schulen, wo sie zusammen mit den Schulen den Wahlpflichtkurs „Gesundheit und Krankheit“ etabliert haben.

Natürlich kostet das Engagement der Poliklinik Geld. Die Finanzierung des Projekts gleicht einem Flickenteppich, erklärt Milli Schröder. Einem Teppich, der fast in jedem Jahr neu geknüpft werden muss. Die Hebammenpraxis und die Hausarztpraxis tragen sich selber. Für alle anderen Aktivitäten erhielt der Verein im Jahr 2020 fast 202.000 Euro an Zuwendungen und Sachmittelförderungen: von verschiedenen Behörden der Stadt Hamburg, von der Techniker Krankenkasse, von der Robert Bosch-Stiftung. „All das müssen wir regelmäßig neu beantragen“, sagt Schröder. Um regelmäßige und berechenbare Einnahmen zu haben, setzt der Verein nun verstärkt auf Fördermitglieder.

Einzelpraxen sind überkommen

Die Poliklinik sei für den ambulanten Sektor das Modell der Zukunft, resümieren Schröder und Dickel. Die Einzelpraxen seien überkommen, es fänden sich zu wenige Nachfolger. Aber die ärztliche oder pflegerische Versorgung sei eben nicht alles. Schröder: „Wenn wir davon ausgehen müssen, dass die Lebensumstände einen gravierenden Einfluss auf unsere Gesundheit haben, und wenn wir wollen, dass es gesundheitliche Chancengleichheit gibt, dann müssen wir die Lebensumstände verbessern.“

Der Ansatz der Poliklinik wirkt offenbar. Eine Patientin, die schon lange auf der Veddel wohnte, sollte ihre Wohnung verlassen, weil die Hamburger Wohnungsbaugesellschaft „Saga“ den Wohnblock abreißen wollte, erzählt Dickel. Die alte Dame verfiel darüber in Depressionen. Da setzte sich auch die Poliklinik dafür ein, dass der Block nicht abgerissen, sondern saniert werde, und so geschah es. „Auch dadurch ist die Frau aus ihren Depressionen heraus gekommen“, sagt Dickel. „denn sie konnte dort wohnen bleiben und ihr soziales Netzwerk ausbauen und erhalten.“

Homepage der Poliklinik Veddel: poliklinik1.org/poliklinik-veddel

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