Impfkampagne in Baden-Württemberg

Von Stau, Tränen und Mogeleien: Der Alltag im Impfzentrum

Hunderte Ärztinnen und Ärzte impfen die baden-württembergische Bevölkerung derzeit: in Impfzentren und als mobile Teams. Dabei ist es nicht immer damit getan, nur eine Spritze zu setzen. Einblick in den Alltag.

Von Marco Krefting Veröffentlicht:
Corona-Impfarzt Dr. Dieter Hassler hat das Impfzentrum Bruchsal-Heidelsheim mitaufgebaut und leitet jetzt das Zentrum.

Corona-Impfarzt Dr. Dieter Hassler hat das Impfzentrum Bruchsal-Heidelsheim mitaufgebaut und leitet jetzt das Zentrum.

© Uli Deck/dpa

Bruchsal. Eigentlich wäre Dr. Dieter Hassler jetzt Rentner. Doch dann kam Corona. Und so ist er nun einer von Hunderten Ärzten landesweit, die in den Impfzentren Hunderttausende gegen das Coronavirus schützen sollen. Ein-, zweimal am Tag flössen dabei auch Tränen, berichtet der 72-Jährige. Nämlich dann, wenn Menschen abgewiesen werden müssten, die gerne eine Impfung bekommen hätten.

Hassler berichtet zum Beispiel von einer Krebspatientin, die sogar ein Schreiben ihres Arztes vorgelegt habe, dass sie vorrangig geimpft werden solle – doch sie war zu jung für die von der Regierung festgelegte erste Impfgruppe der Über-80-Jährigen. Auch zählte sie nicht zu den Lehrern und Erzieherinnen, die jetzt vorgezogen wurden.

Andere mogelten sich mit falschen Angaben im Internet vor und kämen so an einen Impftermin, berichtet Hassler aus dem Alltag. Doch nach der Kontrolle der Unterlagen müssten sie nach Hause geschickt werden.

Hausarzt baute Zentren mit auf

Der Allgemeinmediziner hat die beiden Kreisimpfzentren im Landkreis Karlsruhe mit aufgebaut und leitet den gesamten Impfbetrieb. In einem früheren Baumarkt in Bruchsal und einer ehemaligen Werkshalle in Sulzfeld könnten täglich 400 Menschen geimpft werden. Ab Mitte März soll im Zwei-Schicht-Betrieb die doppelte Menge versorgt werden.

Das Sozialministerium hat keine Übersicht, wie viele Menschen in den Zentren landesweit arbeiten. Organisiert werde das vor Ort. Maximal dürften in einem Zentralen Impfzentrum am Tag 138 Leute arbeiten – von der Verwaltungsleitung über medizinisches Personal bis zu Reinigungs- und Sicherheitskräften oder Personal zur Registrierung. In den kommunalen Zentren können höchstens 85 Mitarbeiter abgerechnet werden. Hinzu kommen jeweils Kollegen für die mobilen Impfteams.

Baden-Württemberg zahlt Ärzten demnach 130 Euro brutto pro Stunde. Für medizinische Fachangestellte werden bis zu 50 Euro übernommen. Alle anderen Mitarbeiter erhalten bis zu 27,60 Euro je Stunde.

Helfer erhoffen sich Impfung

Gerade die Suche nach geeignetem Personal sei am Anfang schwierig gewesen, erinnert sich Hassler. Zwar hätten sich „unendlich viele Freiwillige gemeldet“, sagt er. „Aber manche ohne jegliche Qualifikation.“ Mehr als 10.000 Bürger hatten sich landesweit schon zum Impfstart der Impfungen als mögliche Mitarbeiter angeboten. Bis Ende Februar waren es allein im Regierungsbezirk Karlsruhe 3265.

Einige Ärzte hofften laut Hassler, mit einem Einsatz im Impfzentrum schneller selbst an eine Impfung zu kommen. Andere hätten nach dem Studium nie praktiziert. „Da muss man erstmal fragen: Wer kann im Notfall einen Patienten versorgen?“ Bislang habe es in den beiden Zentren unter seiner Aufsicht aber noch keine Zwischenfälle gegeben.

Auch wenn er jetzt am Abend die Dienstpläne für die mobilen Impfteams bekommt, die unter anderem zu Pflegeheimen fahren, schaut er zuerst nach neuen Namen: „Da muss ich morgens hin und die Betroffenen ins Gebet nehmen, ob wir sie auch wirklich losschicken können.“

Klinik hilft bei Tiefkühlung

Auf der Suche nach einem Ultratiefkühlschrank für den Impfstoff habe das örtliche Krankenhaus geholfen, berichtet der Infektiologe. Weil zum Start Ende Januar nur wenige Dosen von Biontech da waren, ging es mit 70 Terminen je Impfzentrum los. Seit Anfang März verimpfen Hassler und seine Kollegen auch das Mittel von Astrazeneca.

Schon am ersten Tag seien alle angemeldeten Menschen gekommen, sagt Hassler. Angesichts der Vorbehalte gegenüber dem Impfstoff, weil der anfangs nur für Menschen unter 65 Jahre empfohlen wurde, habe er jeden extra darauf hingewiesen. „Es gab niemanden, der gemeckert hat, was mich verblüfft hat.“ Er empfindet die Kritik an dem Impfstoff als Stimmungsmache – vor allem im Netz. In oder vor den Impfzentren habe es noch keine Konflikte etwa mit Impfgegnern gegeben.

Nur wenige Impfgegner

Auch dem Sozialministerium sind nur wenige Einzelfälle bekannt. So hätten etwa Impfgegner vor einem Zentrum Flyer an Impfwillige verteilt. „In einem uns bekannten Fall hat eine Impfgegnerin Pflegeheime angeschrieben und versucht, sie zu überzeugen, keine Impfung für die Bewohnerinnen und Bewohner in Anspruch zu nehmen“, erklärte ein Sprecher. Darüber hinaus habe es aber den Erkenntnissen nach keine weiteren Aktionen der Frau gegeben.

Dennoch ist nicht alles eitel Sonnenschein: „Ich wüsste schon noch zahlreiche Verbesserungsvorschläge“, sagt Hassler. Die Impfzentren könnten es nicht schaffen, die breite Bevölkerung zu impfen, das müsse in Arztpraxen geschehen. Eine pharmazeutisch-technische Assistentin brauche allein zum Verdünnen und Portionieren des Biontech-Impfstoffs zehn Minuten. „Das können Sie nicht beschleunigen.“ Dann sollten die Menschen eine halbe Stunde im Nachbeobachtungsbereich bleiben. Gerade Ältere täten das auch. Sie hätten aber oft eine Begleitperson dabei. „Das gibt Stau.“ Er hoffe auf eine entspanntere Lage, wenn mehr Impfstoff verfügbar ist.

Dass sich Hassler überhaupt solche Gedanken machen muss, fing gut zwei Jahre nach der Übergabe seiner Arztpraxis an. Als im März 2020 jemand gesucht wurde, der das Corona-Testzentrum in Bruchsal leitet, kam man im Landratsamt auf ihn zu. Nach einem Jahr Abstriche organisiert er nun das Impfen. Wenn er selbst eine Schicht hat, ist er bis zu sieben Stunden im Einsatz, an anderen Tagen als Verantwortlicher kürzer. „Es ist nicht so, dass ich da übernachten muss.“

Kein Problem für seine Frau, wie Hassler erzählt: Sie arbeite als Apothekerin selbst mit. Und auch für sein Hobby, die Erforschung der von Zecken übertragenen Krankheiten, bleibe ausreichend Zeit: „Das geht alles noch nebenbei.“ (dpa)

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