Direkt zum Inhaltsbereich

Wer kennt das "Gewissen der Medizin"?

Von Klaus Brath Veröffentlicht:

Kaum ein Jahr vergeht ohne medizin-ethische Debatten: Ob Präimplantationsdiagnostik oder Organtransplantation, ob Sterbehilfe oder therapeutisches Klonen - die ebenso heiklen wie komplexen Probleme der Bioethik bewegen derzeit eine breite Öffentlichkeit. Selten werden in diesen Kontroversen historische Bezüge hergestellt - erstaunlich, stellen sich doch klassische medizinisch-ethische Grundfragen immer wieder aufs Neue.

  Früher galten gehorsame Patienten als aufgeklärt, heute autonome.

Nun bietet das Buch "Das Gewissen der Medizin" von Professor Klaus Bergdolt Gelegenheit, dieses "Defizit an historischem Wissen" auszugleichen. Der Direktor des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Köln stellt nicht nur historische Standesordnungen und Eidesformeln vor, sondern erörtert auch philosophische und theologische Werke; auch diese prägten das ärztliche Denken und Handeln am Krankenbett wie im Labor.

Das zeitliche und thematische Spektrum des Buches ist weit gespannt. Es reicht vom einflußreichen Menschenbild der griechisch-römischen Antike über die christliche Ethik der mittelalterlichen Mönchsärzte bis zur Fortschrittsgläubigkeit und zum Utilitarismus des beginnenden 21. Jahrhunderts; von idealistischen Arztbildern etwa bei Christoph Wilhelm Hufeland (der Arzt führe "ein Leben für andere, nicht für sich") über Petrarcas kulturhistorisch bedeutsame These, Medizin und Ethik stellten natürliche Gegensätze dar, bis hin zur Pervertierung ärztlicher Ethik durch grausame Menschenversuche und die sogenannte Euthanasie im Nationalsozialismus.

Bergdolts kenntnisreiche Darstellung verdeutlicht, daß ärztliche und allgemeine Ethik sich weder früher noch heute voneinander trennen lassen. Entsprechend erörtert er auch immer wieder die Patientenethik. "Die Kranken mögen bedenken, daß man ihnen dient, um Gott zu ehren", meinte etwa der heilige Benedikt und mahnte die Kranken, pflegende Brüder "nicht durch übertriebene Ansprüche traurig zu machen."

Während sich noch im 18. Jahrhundert das "aufgeklärte" Verhalten des Patienten im Gehorsam gegenüber dem Arzt erwies, widersetzte sich der "autonome" westliche Patient gegen Ende des 20. Jahrhunderts zunehmend dem traditionellen ärztlichen Paternalismus.

An der Entwicklung der Patientenmoral zeigt sich exemplarisch, wie pluralistisch, teils widersprüchlich sich die medizinische Ethik bis heute entwickelt. Folgerichtig warnt Bergdolt in seinem Werk vor einfachen und einseitigen Problemlösungen. Sein Buch demonstriert: Auch historisches Wissen liefert keine unmittelbaren Lösungen für die heutigen medizinethischen Probleme - aber es sensibilisiert für die Genese gegenwärtiger Überzeugungen und nährt eine heilsame Skepsis.

Klaus Bergdolt. Das Gewissen der Medizin. Ärztliche Moral von der Antike bis heute. C. H. Beck, München September 2004, 377 Seiten, 4 Abbildungen 29,90 Euro.

Schlagworte:
Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Patienten vor allem von hellem Hautkrebs betroffen

Hautkrebs-Fälle haben sich binnen 20 Jahren verdoppelt

Statistik zur Nikotinsucht

Fast ein Fünftel der Deutschen ab 15 Jahren raucht

Das könnte Sie auch interessieren
Glasglobus und Stethoskop, eingebettet in grünes Laub, als Symbol für Umweltgesundheit und ökologisch-medizinisches Bewusstsein

© AspctStyle / Generiert mit KI / stock.adobe.com

Klimawandel und Gesundheitswesen

Klimaschutz und Gesundheit: Herausforderungen und Lösungen

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein MRT verbraucht viel Energie, auch die Datenspeicherung ist energieintensiv.

© Marijan Murat / dpa / picture alliance

Klimawandel und Gesundheitswesen

Forderungen nach Verhaltensänderungen und Verhältnisprävention

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

© Frankfurter Forum für gesellschafts- und gesundheitspolitische Grundsatzfragen e. V.

Das Frankfurter Forum stellt sich vor

Ein Dialogforum von Fachleuten aus Gesellschaft, Gesundheitspolitik und Wissenschaft

Kooperation | In Kooperation mit: Frankfurter Forum
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Protest vor dem Bundestag: Die Aktionsgruppe „NichtGenesen“ positionierte im Juli auf dem Gelände vor dem Reichstagsgebäude Rollstühle und machte darauf aufmerksam, dass es in Deutschland über drei Millionen Menschen gebe, dievon einem Post-COVID-Syndrom oder Post-Vac betroffen sind.

© picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt

Symposium in Berlin

Post-COVID: Das Rätsel für Ärzte und Forscher

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: vfa und Paul-Martini-Stiftung
Krisenkommunikation war Schwachpunkt in der Pandemie

© HL

Herbstsymposium der Paul-Martini-Stiftung

Krisenkommunikation war Schwachpunkt in der Pandemie

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: vfa und Paul-Martini-Stiftung

Corona-Pandemie

Lockdowns: Ein hoher Preis für den Nachwuchs

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: vfa und Paul-Martini-Stiftung
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Sie fragen – Experten antworten

Noch impfen nach einer RSV-Erkrankung?

Herzinsuffizienz

Erste klinische Studie belegt Wirksamkeit des Herzpflasters

Änderungen aus dem GOLD-Update

Neues Vorgehen bei COPD: Proaktiv statt reaktiv!

Lesetipps
Ein Arzt hält ein Model des männlichen Geschlechtstraktes und zeigt mit einem Stift auf die Prostata.

© Peakstock / stock.adobe.com

Cochrane-Review

Prostatakrebs: Wie ist denn nun die Evidenz des PSA-Screenings?

Modell des Darms

© SewcreamStudio / Stock.adobe.com

FODMAP, Hypnose, Stuhltransfer

Diese Interventionen helfen beim Reizdarmsyndrom

Die Ärzte Zeitung ist jetzt auch auf Instagram aktiv.

© prima91 / stock.adobe.com

Social Media

Folgen Sie der Ärzte Zeitung auf Instagram