Digitalisierung

„Alexa wird nie empathiefähig sein“

Ärzte und Digitalisierung – ein Thema mit vielen Facetten, wie ein Parlamentarischer Abend der KV Schleswig-Holstein zeigt.

Von Dirk Schnack Veröffentlicht: 19.12.2018, 19:05 Uhr

KIEL. Die Digitalisierung verändert die Rolle und den Alltag von Ärzten – in dieser Einschätzung waren sich KV, Gesundheitspolitik und Wissenschaft auf dem Parlamentarischen Abend der KV Schleswig-Holstein einig. In welche Richtung geht es für die Ärzte?

Die KV-Vorstandsvorsitzende Dr. Monika Schliffke sieht Ärzte im Zuge der Digitalisierung zwischen zwei Anforderungen: Einerseits ist weiterhin die emotionale Zuwendung gefragt und erforderlich, andererseits gilt es immer mehr, das exponentiell steigende Wissen zu sortieren. Zwischen diesen beiden Anforderungen wird sich die Ärzteschaft nach ihrer Ansicht positionieren müssen. Fest steht für sie, dass die Digitalisierung nicht das Ende der persönlichen Arzt-Patienten-Beziehung bedeuten wird, denn: „Alexa wird weder über Intuition, noch über Empathie verfügen. Das ist es, was Medizin von künstlicher Intelligenz unterscheidet.“ Schliffke stellte aber auch klar, dass die Medizin nicht auf die Fortschritte und die Potenziale von künstlicher Intelligenz verzichten kann. Schon das vorhandene Wissen übersteige deutlich die Fähigkeiten einzelner Ärzte, seien sie auch noch so spezialisiert.

Ein verändertes Rollenverständnis erwartet auch Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Dr. Heiner Garg (FDP). Gesundheitsberufe müssten akzeptieren, dass zunehmend mehr Abläufe im Gesundheitswesen ohne menschliches Eingreifen möglich sind und auch erfolgen. Als Beispiel führte Garg die Anmeldung in Krankenhäusern bei einem Avatar und die Begleitung ins Patientenzimmer durch einen Roboter an. Befürchtungen, dies werde menschliche Arbeitskraft überflüssig machen, teilte Garg nicht – für ihn steht die Entlastung des Personals im Vordergrund: „Die personellen Kapazitäten sind das Hauptproblem.“

Der Minister sieht neben den Chancen aber auch die mit der Digitalisierung verbundenen Risiken. Was bedeuten zunehmend digitalisierte Prozesse im Gesundheitswesen beispielsweise für die Freiberuflichkeit des weisungsungebundenen Berufs Arzt? Garg erneuerte deshalb seine Forderung, dass Politik die Freiberuflichkeit der Ärzte stärken müsse.

In der täglichen Praxis sind dies allerdings nicht die Fragen, mit denen sich Ärzte beschäftigen. Professor Jost Steinhäuser vom Lehrstuhl für Allgemeinmedizin in Lübeck zeigte, dass es im Alltag von Hausärzten in aller Regel schlicht um Fragen der Zuverlässigkeit, Praktikabilität und Wirtschaftlichkeit von telemedizinischen Geräten geht – und an dieser Stelle gibt es viele Probleme. „Viele Start-ups haben tolle Ideen“, sagte Steinhäuser – aber problemlos in der Hausarztpraxis einsetzbar seien deren Produkte meist noch nicht. Steinhäuser gab zu bedenken, dass Hausärzte keine Valenzen hätten, um nicht ausgereifte Produkte zu testen und keinen finanziellen Spielraum, um diese auch noch mit unbefriedigender Vergütung einzusetzen.

Für ihn steht zwar fest, dass Telemedizin den Zugang zur Versorgung verbessern kann – dafür müssten sich die Produktentwickler aber stärker an den Alltags-Erfordernissen orientieren und die Vergütung müsste angemessen erfolgen. Keine Barriere ist dagegen aus seiner Sicht die Frage, ob Patienten bei telemedizinischen Anwendungen Befürchtungen wegen preisgegebener Daten hätten. Nach seinen Erfahrungen nehmen Patienten die Anwendungen gerne an und haben keine Datenschutzsorgen.Die vielfältigen Möglichkeiten, die Steinhäuser in der Telemedizin aufzeigte und die Schliffke und Garg in der Digitalisierung skizzierten, sorgten bei den anwesenden Ärzten nicht für Euphorie. Dr. Uwe Bannert aus Bad Segeberg fragte provokant: „Plant die Politik die Einführung eines freien Nachmittags pro Woche für Ärzte, damit all das in der Praxis umgesetzt werden kann?“

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