Big Data

Algorithmen: Gefahr für die Solidarität?

Wer seine Daten teilt, kann dem medizinischen Fortschritt helfen. Stimmt das? Ethikräte aus drei Nationen haben sich an einer Antwort versucht.

Veröffentlicht: 18.12.2017, 16:23 Uhr

BERLIN. Das Gutachten des Deutschen Ethikrats "Big Data – Datensouveränität als informationelle Freiheitsgestaltung" findet auch im Ausland Widerhall – und bleibt trotz jeder Menge Lob nicht unwidersprochen.

Genetische und medizinische Daten von gesunden und kranken Menschen können zur Prävention von Krankheiten und per Mustererkennung auch zu schnellen, personalisierten Therapien führen. Darin waren sich die Ethikexperten aus der Schweiz, Österreich und Deutschland bei einem Treffen am Freitag in Berlin einig.

Markus Zimmermann von der Schweizer Nationalen Ethikkommission betonte jedoch die Gefahren, die in den seit Jahren auflaufenden, riesigen Datenmengen und den Verfahren schlummern, sie auszuwerten. "Es wird sichtbar, wer mehr und wer weniger Ressourcen für seine Gesundheit benötigt", sagte Zimmermann.

Solidarität in Gefahr

In der Schweiz sehe er eine Tendenz zur Entsolidarisierung der Gesellschaft. Schweizer Lebensversicherer hätten bereits Einblicke in Gentests gefordert, so Zimmermann.

In seiner Einführung hatte der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Professor Peter Dabrock, die Hoffnung geäußert, dass der Einsatz von Big Data in der Medizin ärztliche Arbeitszeit freischaufeln könne, die sie in die Zuwendung zum Patienten investieren könnten. Das sei naiv, erwiderte Zimmermann. Wirtschaftliche Interessen dürften vorherrschen.

Mensch gegen Maschine

Große Datensammelstellen wie Google und Apple seien nicht mehr Marktteilnehmer, sondern würden zu Regulierern, warnte Barbara Prainsack vor wachsenden Asymmetrien im Machtgefüge. Verantwortlichkeiten müssten zurechenbar bleiben. Das werde bei der sich abzeichnenden völligen Automatisierung mancher Diagnostik und Therapie sowie der selbstständigen Lernfähigkeit von Algorithmen zunehmend schwerer. Wenn man die Entscheidungsgrundlagen für Therapieentscheidungen nicht mehr einsehen könne, verliere die menschliche Spezies die Kompetenz, selbst Entscheidungen zu treffen, sagte das Mitglied der Bioethikkommission beim österreichischen Bundeskanzler. (af)

Mehr zum Thema
Schlagworte
Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Die KBV soll bundesweit einheitliche Vorgaben und Qualitätsanforderungen zur Durchführung einer qualifizierten und standardisierten Ersteinschätzung in den Notfallambulanzen der Krankenhäuser aufstellen, heißt es in einem Gesetzentwurf.

Gesetzentwurf

Neue Paragrafen zur Notfallreform befeuern Kompetenz-Gerangel

Bestimmte Nahrungsmittel, zum Beispiel Lachs, Leinöl, Rosenkohl, Walnüsse und Avocado sind reich an Omega-3-Fettsäuren.

Studie

Viel Omega-3 könnte Herzinfarkt-Patienten helfen

Zu Beginn der Sitzung des Bundestags steht Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einer Mund-Nasenbedeckung vor Abgeordneten der Fraktionen. In ihrer Regierungserklärung bezeichnet sie die Corona-Lage in Deutschland als „dramatisch“.

November-Maßnahmen

Merkel: Zweiter Corona-Lockdown ist verhältnismäßig