Appell an ausgewanderte Mediziner

Alle tschechischen Ärzte sollen zu Hause helfen

Tschechien ist am stärksten von der Infektionswelle betroffen. Ausgewanderte Ärzte werden zurückgerufen, das Militär plant ein Feldlazarett in Prag.

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Ein Container mit medizinischem Gerät wird in Hradec Králové auf den Anhänger eines Lkw geladen.

Ein Container mit medizinischem Gerät wird in Hradec Králové auf den Anhänger eines Lkw geladen. Die tschechische Armee bereitet den Aufbau eines Feldkrankenhauses vor.

© dpa

Dresden/Prag. Wegen der Corona-Pandemie sollen nach dem Willen der Regierung in Prag alle im Ausland arbeitenden tschechischen Ärzte in ihr Land zurückkehren. Davon sei auch Sachsen betroffen, da dort vor allem in ländlichen Regionen rund 400 Mediziner aus Tschechien tätig sind, berichtete die Sächsische Landesärztekammer in Dresden.

„Seit langem“ wanderten jährlich mehrere hundert Medizinabsolventen und Ärzte „auf der Suche nach besseren Gehältern und Arbeitsbedingungen“ aus Tschechien in andere EU-Länder wie Deutschland aus.

Die Kammer verwies darauf, dass der tschechische Gesundheitsminister Roman Prymula einen Aufruf der Ärztekammer des Landes unterstütze. „Wir sind dankbar für jede helfende Hand“, habe der Minister gesagt. Ärztekammer-Präsident Milan Kubek habe in dem Schreiben an seine Landsleute im Ausland appelliert, „ihren ehemaligen Kollegen in unseren Krankenhäusern zu helfen“. Am dringendsten sei der Bedarf an Anästhesisten und Intensivmedizinern. Auch qualifiziertes Pflegepersonal werde gebraucht.

Militär bereitet Feldlazarett in Prag vor

Unterdessen bereitet die tschechische Armee den Einsatz eines Feldlazaretts in den Messehallen im Prager Stadtteil Letnany vor. „Der Kampf gegen die Pandemie ist jetzt nicht nur für die Armee die Aufgabe Nummer eins“, sagt Verteidigungsminister Lubomir Metnar.

Die Sorge wächst, dass die Krankenhäuser bald mit COVID-19-Patienten überlastet sind. Das Feldlazarett – eine kleine Container-Stadt mit Operationssaal, Intensivstation, eigenem Labor und Röntgengeräten – soll als Reserve dienen. Am Montag traf der erste Militärkonvoi aus dem Sanitätsstützpunkt in Hradec Králové (Königgrätz) in der Hauptstadt ein. Insgesamt werden 339 Tonnen an Ausrüstung und medizinischem Material antransportiert. Bereits am Sonntag soll das Lazarett einsatzbereit sein.

Erst am vergangenen Freitag wurde mit 11.105 Fällen erstmals die Schwelle von 10.000 Corona-Neuinfektionen binnen 24 Stunden überschritten. Auf die Bevölkerung umgerechnet nimmt Tschechien EU-weit einen Spitzenplatz bei der Infektionsrate ein. Nach den jüngsten Zahlen der EU-Agentur ECDC steckten sich in Tschechien binnen 14 Tagen 858,6 Menschen je 100.000 Einwohner mit dem Virus an – der höchste Wert in der EU.

Fast jeder dritte Test ist positiv

Am meisten beunruhigt Experten, dass inzwischen fast jeder dritte Test in dem Land mit nur knapp 10,7 Millionen Einwohnern positiv ausfällt. Dabei hatte Ministerpräsident Andrej Babis noch im August auf einer internationalen Konferenz sagen können, Tschechien sei „best in COVID“.

Aus dem Musterland, das im März als erstes in Europa eine Maskenpflicht eingeführt hatte, ist nun ein Sorgenkind geworden. „Die Zahlen sind katastrophal“, räumt Babis ein. Der Unmut über das Krisenmanagement der Regierung wächst.

Was ist schiefgelaufen, fragen sich nun viele. „Der Fehler ist wahrscheinlich im Sommer geschehen, als die Maßnahmen schnell gelockert wurden“, sagt der Epidemiologe Petr Smejkal vom Prager Forschungskrankenhaus IKEM. Die Menschen hätten vergessen, dass das Virus immer noch unter uns ist. Auch die Regierung und verschiedene Experten hätten widersprüchliche Botschaften ausgesendet.

Zweiter Lockdown nicht ausgeschlossen

Mittlerweile wird selbst ein zweiter harter Lockdown mit Ausgangsbeschränkungen nicht mehr gänzlich ausgeschlossen. Die Entscheidung könnte Anfang November fallen. „Wenn man sich darunter vorstellt, dass alle zu Hause sitzen und nirgendwo hingehen, dann muss das einen wirksamen Effekt haben“, sagte Gesundheitsminister Prymula der Zeitung „Pravo“. (sve, mit dpa-Material)

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