Barmer prangert an

Arzneimitteltherapie oft „im Blindflug“

Ärzte und Kliniken tauschen sich nur unzureichend über die Medikation ihrer Patienten aus, beklagt die Barmer. Krankenhausärzten fehlen oft Infos zur Medikation, der Hausarzt erfährt nichts über Therapieänderungen, heißt es im Arzneimittel-Report.

Von Thomas Hommel Veröffentlicht: 13.08.2020, 16:09 Uhr
Wie viele Pillen sind geboten? Der Arzneireport der Barmer weist auf das ungelöste Problem der Polypharmazie hin.

Wie viele Pillen sind geboten? Der Arzneireport der Barmer weist auf das ungelöste Problem der Polypharmazie hin.

© Özgür Donmaz / iStock / Thinkstock

Berlin. Krankenkassen schlagen Alarm – der Grund: Ärzte und Kliniken tauschen sich nur unzureichend über die Medikation ihrer Patienten aus.

Der oftmals stockende Informationsfluss gefährde vor allem diejenigen, die mehr als fünf Medikamente gleichzeitig einnähmen, heißt es im neuen Arzneimittel-Report der Barmer. Die Kasse stellte ihre Studie am Donnerstag in Berlin vor.

Nicht mal jeder Dritte hat Medikationsplan

Gerade bei Patienten mit Mehrfachmedikation kommt es demnach bei Aufnahme ins und Entlassung aus dem Krankenhaus zu Informationslücken. So hatten nur 29 Prozent der Patienten bei Klinikaufnahme einen Medikationsplan.

17 Prozent verfügten über gar keine Aufstellung ihrer Arzneien. Bei jedem Dritten war der Plan unvollständig, wie eine für den Report durchgeführte Umfrage unter rund 2900 bei der Barmer versicherten Polypharmazie-Patienten ergab.

Millionenfacher Prozess, dennoch Fehler

„Es ist unverständlich, dass die Aufnahme in ein Krankenhaus als millionenfacher Prozess so fehleranfällig ist“, sagte Barmer-Vorstandschef Professor Christoph Straub. Allein 2017 seien bundesweit 2,8 Millionen Personen am Tag ihrer Krankenhausaufnahme Polypharmazie-Patienten gewesen.

Jeder gesetzlich Versicherte, der drei oder mehr Arzneimittel benötige, habe seit 2016 Anspruch auf einen Medikationsplan, „um Informationslücken und damit Risiken zu vermeiden“, erinnerte Straub.

Der Medikationsplan sei auch bei Entlassung aus der Klinik wichtig. Nur so könne der Hausarzt erkennen, ob es Änderungen bei der Medikation gab.

Stockender Informationsfluss Richtung Hausarzt

Dieser Informationsfluss stockt aber ebenfalls. Belege dafür liefert eine Umfrage für den Report unter 150 Hausärzten. 40 Prozent der befragten Allgemeinmediziner sind demnach mit Informationen aus dem Krankenhaus „unzufrieden“ oder sogar „sehr unzufrieden“. Nur bei jedem dritten betroffenen Patienten seien die im Krankenhaus erfolgten Therapieänderungen begründet worden.

Dass solche Änderungen in der medikamentösen Therapie nicht selten sind, geht aus Routinedaten der Kasse hervor: So hatten 41 Prozent der Barmer- Versicherten, knapp 484.000 Patienten, nach Entlassung aus der Klinik mindestens ein neues Arzneimittel bekommen.

„Umfassende Informationen von der Klinik hin zum weiterbehandelnden Arzt sind unerlässlich“, sagte der Autor des Arzneimittel-Reports und Chefarzt am Klinikum Saarbrücken, Professor Daniel Grandt.

Ein funktionierender Informationsfluss sei umso wichtiger, „da stationär behandelte Patienten zunehmend älter sowie mehrfach erkrankt sind und polypharmazeutisch behandelt werden“.

Überleitung als Dauerbaustelle

Das Gesundheitswesen in Deutschland sei von einer modernen sektorenübergreifenden Versorgung noch „meilenweit entfernt“, kritisierte Grandt. Das sei unverständlich, weil nicht nur Sachverständige, sondern auch Ärzte das Problem seit gut einem Jahrzehnt anprangerten. Dennoch finde Arzneimitteltherapie bei Klinikaufnahme mitunter „im Blindflug“ statt.

„In Jahrzehnten ist es nicht gelungen, die Versorgung über die Sektorengrenzen hinweg besser zu organisieren“, monierte auch Barmer-Chef Straub. „Es ist nicht das Versagen der Ärzte, es ist eine Frage der Organisation.“

Nach wie vor fehle ein „durchgängiges, digitales System“, das Verordnungen erfasse und alle an der Therapie beteiligten Ärzte informiere. Die Grundlage dafür werde mit der Telematik-Infrastruktur geschaffen. „Insofern glaube ich, dass das Problem angegangen wird“, sagte Straub.

Widrige Rahmenbedingungen

Klinikarzt Grandt betonte, natürlich gebe es auch ärztliches Versagen. „Aber der einzelne Arzt ist nicht das Problem.“ Ursächlich seien oft widrige Rahmenbedingungen.

Grandt gab folgendes Beispiel: „Für eine vernünftige Medikations-Anamnese braucht der Arzt 20 bis 30 Minuten – das ist aber die Zeit, die er überhaupt für die Aufnahme des Patienten hat. Und in dieser Zeit wird er noch im Schnitt acht Mal unterbrochen, weil er andere Patienten versorgen muss. Das kann nicht funktionieren.“

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Wolfgang Lohmueller

Nicht repräsentatives Ärzte-Bashing mit phantastisch aufgeblähten Prozentzahlen:
ein Fünftel der Bevölkerung jährlich im Krankenhaus?
Schnittstellenprobleme?
Die Barmer sollte in puncto Kommunikation erst einmal ihre eigene Telefon-Schnittstelle verbessern:
Kein lokales Büro der Barmer ist für Ärzte mehr erreichbar.
Alles läuft über zentrale Callcenter mit Wartezeiten im Viertelstundenbereich, unerträglicher Pausenmusik und -Propaganda und unwilligen, weil unkompetenten Hotline-Mitarbeitern.
Offenbar muss die Barmer von ihrem eigenen Missmanagement ablenken und es auf die Ärzte projizieren.

Dr. Thomas Georg Schätzler

Der neue BARMER-Arzneimittel-Report, am Donnerstag in Berlin vorgestellt: Eines ist sicher: Wer nur Patientinnen/Patienten befragt, kann sicher sein, die statistisch unsichersten Daten zu bekommen.
"Schreiben Sie mir doch wieder die kleinen runden weißen Tabletten auf, Herr Doktor, die mit dem Schlitz in der Mitte. Und nicht diese großen gelblichen Kapseln, die neulich mir der Apotheker rausgegeben hatte, die musste ich wegwerfen, die haben wie die roten von
früher so komisch geschmeckt...".
Wer in einem pseudowissenschaftlichen Report behauptet: "So hatten nur 29 Prozent der Patienten bei Klinikaufnahme einen Medikationsplan.
17 Prozent verfügten über gar keine Aufstellung ihrer Arzneien. Bei jedem Dritten war der Plan unvollständig" (Umfrage unter rund 2900 bei der Barmer versicherten Polypharmazie-Patienten), muss die Hintergründe äußerst einseitiger Befragungen erörtern.
Eine zunehmende Zahl von Notfall-, Selbst- und Bagatell-Einweisungen bzw. immer beliebter werdende stationäre Aufnahmen nach Erstkontakt in den Klinik-Ambulanzen oder Portalpraxen des vertragsärztlich organisierten zentralen Notfalldienstes führen zu fehlendem Medikationsplan, der dann zu Hause liegen geblieben ist.
Immerhin 83% der Patienten verfügten über eine Aufstellung ihrer Arzneien. Häufig unvollständig, weil z.B. die Selbstmedikation nicht angegeben oder im Wechsel begriffen war.
In Dortmund geben 90% der Kliniken einen detaillierten neuen Medikationsplan mit - auf dem, man höre und staune, doch tatsächlich mindestens ein neues Medikament vermerkt wird, auch wenn es nur eine andere Generikum-Bezeichnung oder Einzel- statt Kombipräparate waren. Außerdem unterstreicht die Neumedikation durchaus den differenzialdiagnostischen und -therapeutisch notwendigen Aspekt des Klinikaufenhaltes.
Meine Praxisstrategie bei stationärer Einweisung:
1. Medikationsplan
2. Medizinische Dokumentation
3. Letzter Klinikbericht
4. Detaillierte stat. Einweisung
MfG Dr.Schätzler

Dr. A. Constantin Rocke

Die Aussagen der Krankenkassenbosse sind kaum zu ertragen. Die Lösung liegt m.E. nicht vordergründig im „heiligen Gral“ einer unsicheren und fehleranfälligen IT, sondern Wertschätzung und adäquater Finanzierung der primär ärztlichen Tätigkeit: Schaffung einer verzrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung, Zeit für eine gründliche Anamnese und Untersuchung und gut durch erfahrene Ober/Chefärzte supervidierte Therapieplanung und Verlaufskontrolle sowie gutem Entlassmanagement. Statt chronisch Bürokratie/DRG-geknechteter Ärzte sollten wir den erholten, motivierten und gut weitergebildeten Arzt wieder in dem Focus der Medizin setzen. Alles andere ist Augenwischerei!


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