Psychiatrie-Barometer

Auch psychiatrische Kliniken wurden von der Pandemie stark gebeutelt

Psychiatrische Krankenhäuser waren nicht originär in die Versorgung von COVID-Patienten eingebunden. Wie sie die Auswirkungen der Pandemie trotzdem deutlich gespürt haben und wie sich der Therapiealltag nachhaltig verändert.

Von Christiane BadenbergChristiane Badenberg Veröffentlicht:
Stationsschild mit korrigierter Benennung für eine Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

Auch psychiatrische Kliniken mussten ihre Arbeit in der Pandemie erheblich umstellen.

© Maurizio Gambarini / dpa

Berlin. Die Corona-Pandemie hat sich auch stark auf die Arbeit der psychiatrischen Fachkliniken ausgewirkt, obwohl diese nicht originär in die Versorgung von COVID-Patienten eingebunden waren. Das geht aus dem aktuellen Psychiatrie-Barometer des Deutschen Krankenhausinstituts hervor, das am Freitag veröffentlicht wurde.

So gaben 70 Prozent der 312 an der Umfrage teilnehmenden Einrichtungen an, dass Mitarbeiter an COVID-19 erkrankt waren. In 61 Prozent der Kliniken waren Patienten betroffen. Die Höchstzahl der erkrankten Mitarbeiter in einer Einrichtung lag bei 50, bei Patienten 44. Dabei waren psychiatrische und psychosomatische Fachkliniken etwa doppelt so stark betroffen wie die jeweiligen Fachabteilungen in Allgemeinkrankenhäusern.

Zudem hatten die Kliniken mit Personalausfall durch Quarantäne zu kämpfen. So mussten in 95 Prozent der Häuser Mitarbeiter in Quarantäne. Hier lag das Maximum bei 202 Mitarbeitern in einer Einrichtung. Im Durchschnitt aller 312 Umfrageteilnehmer waren es 23 Personen.

Patienten mussten in 81 Prozent der Häuser in Quarantäne, der Höchstwert lag hier bei 280, der Durchschnitt bei 25. Auch hier waren die Fachkliniken doppelt so stark betroffen wie Fachabteilungen in Allgemeinkrankenhäusern.

Probleme mit AHA-Regeln

In zwei Drittel der Häuser hatten Patienten Probleme, sich an Abstands- und Hygieneregeln zu halten. In 29 Prozent der Einrichtungen zeigten sich Patienten durch Schutzmaßnahmen wie Masken oder Abstandsregeln verunsichert oder verängstigt.

Aufwändig fanden viele Einrichtungen den Umgang mit SARS-CoV-2-Tests. So machte 71 Prozent der große zeitliche Personalaufwand im Zusammenhang mit Tests bei Mitarbeitern und Patienten zu schaffen, für 68 Prozent war der Dokumentationsaufwand der Tests problematisch, 64 Prozent beklagten fehlende Testkapazitäten. Immerhin in 17 Prozent der Häuser fehlte Mitarbeitern die Akzeptanz für Testungen.

Starker Einbruch bei Auslastung

Wie generell in anderen Krankenhäusern sind auch in den psychiatrischen und psychosomatischen Einrichtungen die Auslastungszahlen in der Hochphase der Pandemie stark eingebrochen. Mit einem Rückgang der Auslastung von 90 auf 30,5 Prozent war der Bereich der teilstationären Psychosomatik unter den Einrichtungen am stärksten betroffen, heißt es im Psychiatrie-Barometer.

In der vollstationären Erwachsenenpsychiatrie ging sie im Zeitraum von März bis Juni 2020 von 97,3 Prozent auf 74,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück, in der vollstationären Kinder- und Jugendpsychiatrie von 93,3 Prozent auf 68,5 Prozent, teilstationär von 95,8 auf 51,9 Prozent. Allerdings berichteten die meisten Kliniken, dass sich die Auslastung bis zum Befragungszeitraum zwischen Oktober 2020 und Januar 2021 wieder erholt hatte.

Gerontopsychiatrie besonders betroffen

Die Belegungszahl pro Mehrbettzimmer hat sich während der Pandemie am stärksten in der Gerontopsychiatrie reduziert. So gaben 65 Prozent der befragten Einrichtungen an, die Belegungszahl häufig oder sehr häufig reduziert zu haben. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie war es genau umgekehrt. 63 Prozent hatten die Bettenzahl pro Zimmer gar nicht oder nur selten reduziert.

Verändert hat sich in der Hochphase der Pandemie die Art der Aufnahme in die Psychiatrie. So gaben 41 Prozent der Häuser an, zwischen März und Juni vergangenen Jahres mehr Notfälle als zuvor aufgenommen zu haben. Mehr als drei Viertel gehen davon aus, dass die Zahl der Patienten mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen in diesem Jahr steigen wird.

Therapieangebot umdenken

Viele Einrichtungen haben im Laufe der Pandemie ihr Therapieangebot angepasst. So wurden Gruppenaktivitäten mit Körperkontakt vermieden und die Zahl der Teilnehmer an Gruppentherapien reduziert. 13 Prozent der Häuser haben ihr Betreuungsangebot im häuslichen Umfeld ausgeweitet.

Die meisten Kliniken haben in der Pandemie telefonische Kriseninterventionsangebote und telemedizinische Einzeltherapieangebote aufgenommen und ausgebaut. 24 Prozent wollen die telemedizinischen Angebote dauerhaft umsetzen.

Die Ergebnisse des Psychiatrie-Barometers beruhen auf einer Befragung in den psychiatrischen und psychosomatischen Fachkrankenhäusern sowie den Allgemeinkrankenhäusern mit entsprechenden Fachabteilungen.

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