Versorgungsengpass

Chirurgen warnen vor neuem Klinik-Lockdown wegen Corona

Die weiter steigenden Corona-Infektionszahlen sehen die Chirurgen kritisch. Sie prognostizieren einen erneuten Teil-Lockdown der Kliniken für planbare Eingriffe. Der Grund: der Personalmangel. Denn zunehmend stecken sich auch Ärzte und Pflegekräfte an.

Von Rebekka HöhlRebekka Höhl Veröffentlicht:
Laparoskopie eines Blinddarms: Die Akutversorgung der Patienten in der ersten Corona-Welle hat funktioniert, so das Fazit der Chirurgen. Doch wird das in der zweiten Welle genauso sein?

Laparoskopie eines Blinddarms: Die Akutversorgung der Patienten in der ersten Corona-Welle hat funktioniert, so das Fazit der Chirurgen. Doch wird das in der zweiten Welle genauso sein?

© Jochen Tack / imageBROKER / picture alliance

Berlin. Die Akutversorgung der Patienten in den Kliniken hat in der ersten Pandemiewelle gut funktioniert. Trotzdem sorgt sich die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH), dass es in der jetzigen zweiten Welle nicht mehr so rund laufen könnte.

„Wir haben einen deutlich exponentielleren Anstieg bei den Infektionszahlen und eine längere Plateauphase als in der ersten Welle“, sagte DGCH-Vizepräsident Professor Thomas Schmitz-Rixen bei einer Online-Pressekonferenz am Donnerstag. Da circa ein Prozent der Infizierten intensivpflichtig werde, liefen zurzeit die Intensivstationen voll. Die Folge sei absehbar: Ein erneuter Teil-Lockdown der Kliniken drohe.

Deutlich mehr Amputationen

Das geht laut Schmitz-Rixen zulasten der nicht coronabedingten Akut- und Notfälle. Bereits nach der ersten Welle hätten etwa Neurologen und Kardiologen berichtet, dass signifikant weniger Patienten zur Behandlung kamen und wenn, dann im fortgeschrittenen Erkrankungsstadium.

„Es gab im ersten Halbjahr eine deutlich höhere Anzahl von Amputationen“, so der DGCH-Präsident. Auch dies werde auf einen verzögerten Behandlungsbeginn zurückgeführt. Harte Zahlen konnte er allerdings nicht liefern. Die Fachgesellschaft will aber eine Studie zu den kurz- und mittelfristigen Folgen einer verzögerten Behandlung auf den Weg bringen.

Das Personal wird knapp

Dabei mangelt es gar nicht an Intensivbetten: Hier sei eine großzügige Vorsorge getroffen worden und auch die Verteilung über das DIVI-Register funktioniere, berichtete Schmitz-Rixen. Engpassfaktor sei das Personal – nicht nur das pflegerische: „Auch das ärztliche Personal wird mittlerweile knapp.“ Das liegt zum einen an der ohnehin dünnen Personaldecke. Zum anderen erkranken zunehmend auch Ärzte und Pflegekräfte an COVID-19.

„Während wir in der ersten Welle nur eine geringe Zahl von Erkrankten beim Personal beobachtet haben, unterscheidet sich der Prozentsatz der Erkrankten bei unserem Personal nicht mehr von dem in der Bevölkerung.“ Die Intensivpflege der COVID-Patienten erfordere zudem einen höheren Personaleinsatz, erklärte er.

„Das lernen Sie nicht an einem Wochenende“

Die Kliniken schafften den Ausgleich irgendwann nur noch, indem sie temporär allgemeine Pflegestationen und Funktionsbereiche schlössen. Dabei warnte der DGCH-Vizepräsident, dass Personal nur bedingt verschiebbar sei. „Für die Arbeit auf der Intensivstation braucht es eine besondere Ausbildung und Qualifikation, das lernen Sie nicht eben so an einem Wochenende.“

Zusätzlich würden auch Nicht-Corona-Patienten nach bestimmten Op eine intensivmedizinische Nachversorgung benötigen. „Die Herausforderung in den nächsten Wochen besteht darin, die Notfallversorgung und alle operativen Eingriffe, bei denen eine wesentliche Verschiebung des Eingriffs eine höhere Morbidität und langfristige Nachteile für den Patienten bedeuten könnte, aufrechtzuerhalten“, sagte er. Daher sein Appell an die Bundesbürger: „Bitte halten Sie die AHA-Regeln ein!“

Studie zu Blinddarm-Op während der Pandemie

Positiv stimmen indes die Daten, die die DGCH gemeinsam mit dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) zur Versorgung von Patienten mit Blinddarmentzündungen während der ersten Pandemiewelle erhoben hat. Demnach blieb die Häufigkeit von Op aufgrund einer komplizierten Appendizitis trotz des Lockdowns konstant. Das heißt, die Patienten wurden rechtzeitig versorgt.

„Die Rate der Eingriffe bei akuter, unkomplizierter Appendizitis sank dagegen im Frühjahr um 18 Prozent im Vergleich zu 2019“, erläuterte Professor Udo Rolle, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH). Dies spreche für ein sehr differenziertes Vorgehen der Mediziner. „Denn in solchen Fällen muss nicht unbedingt sofort operiert werden“, so Rolle.

Für die Studie wurden die Angaben zu Blinddarm-Op aus 1000 chirurgischen Kliniken, darunter 90 mit kinderchirurgischer Abteilung, bei AOK-Versicherten ausgewertet.

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