Exodus

Die Mehrheit deutscher Ärzte hat den Brexit schon vollzogen

Der Austritt Großbritanniens aus der EU gerät zur Hängepartie. Die meisten Ärzte aus Deutschland aber haben ihre Jobs im Königreich längst aufgegeben.

Von Anno Fricke und Thomas Hommel Veröffentlicht: 07.11.2019, 18:14 Uhr
Die Mehrheit deutscher Ärzte hat den Brexit schon vollzogen

Der Big Ben in London: Deutlich weniger als 1000 Mediziner mit deutschem Pass dürften derzeit noch in Diensten des britischen NHS stehen.

© nerthuz / stock.adobe.com

Es hätte die erste Woche ohne Großbritannien in der Europäischen Union (EU) sein sollen. Doch das Brexit-Drama bekommt eine weitere Zugabe: Am 12. Dezember sollen die Briten ein neues Parlament wählen. Die Scheidung der Insel vom Kontinent soll bis spätestens 31. Januar 2020 vollzogen sein.

Deutsche Ärzte haben den Brexit mehrheitlich bereits vollzogen. Deutlich weniger als 1000 Mediziner mit deutschem Pass dürften derzeit noch in Diensten des britischen National Health Service (NHS) stehen – Tendenz sinkend. Das hat der Geschäftsführer der Anglo-German Medical Society, Wolfgang Wannoff, der „Ärzte Zeitung“ auf Anfrage mitgeteilt.

Wannoff beruft sich auf Zahlen von September 2017, die die britische Regierung auf eine parlamentarische Anfrage hin nannte. Beim General Medical Council (GMC), dem Pendant zur Bundesärztekammer (BÄK), waren vor zwei Jahren noch 1500 Ärzte aus Deutschland registriert.

Es werde nicht davon ausgegangen, dass alle tatsächlich im staatlichen Gesundheitssystem aktiv sind, sagt Wannoff. 2009 hatte die Zahl der dort angemeldeten Mediziner aus Deutschland noch bei mehr als 5500 gelegen.

Deutsche Approbation bleibt anerkannt

Viele Ärzte aus Deutschland waren in den Zehner-Jahren – oft nur über die Wochenenden – nach Großbritannien gereist, um im dortigen staatlichen Gesundheitssystem gegen gutes Geld Dienste zu schieben. Die Tätigkeiten als „locum doctors“ (Honorarärzte) seien heute jedoch fast gänzlich weggefallen, berichtet Wannoff. „Diese Tätigkeit, die immer noch stark nachgefragt wird, ist so gut wie nur noch dann möglich, wenn der Lebensmittelpunkt auf der Insel liegt.“

Nach dem Brexit, wann immer er auch scharf geschaltet ist, ändert sich für Ärzte, die beim GMC registriert sind, an dieser Stelle wohl nichts. Vom GMC anerkannt ist die deutsche Approbation, die unabhängig von der EU verliehen ist.

Anders verhält es sich mit der Arbeitserlaubnis, heißt es bei der deutsch-englischen Ärztevereinigung. Selbst bei einem harten Brexit geht man dort davon aus, dass die Briten eine Lösung anbieten, um die Ärzte aus der EU im System zu halten. Wie sich die Situation für Ärzte aus Deutschland und anderen EU-Staaten darstelle, die sich erst nach dem Brexit für eine Tätigkeit im NHS interessierten, hänge davon ab, ob und wie der Ausstieg Großbritanniens aus der EU letztendlich verhandelt werde.

Unklar ist wohl nach wie vor, was mit den Ausbildungszeiten geschieht, die Medizinstudenten, Famulanten und Studenten im Praktischen Jahr auf der Insel verbracht haben. Bei der deutsch-englischen Ärztevereinigung vermutet man, dass es auf deutscher Seite eine Lösung geben werde, wie die Zeiten im NHS anerkannt werden könnten.

Wie diese Gruppe nach dem Brexit allerdings aufenthaltsrechtlich behandelt werden wird, ist ungewiss. „Ungeachtet der unübersichtlichen Gemengelage geben wir unseren jungen Mitgliedern im Kern folgende Auskunft: Sollte es zu keiner Einigung auf das Austrittsabkommen und damit einem ungeregelten Brexit kommen, behält eine vor dem Austrittsdatum erfolgte Anerkennung der von EU-Bürgern oder britischen Staatsangehörigen erworbenen Berufsqualifikationen durch den Aufnahmestaat oder den Arbeitsstaat in dem betreffenden Staat ihre Wirkungen“, teilt der „Hartmannbund“ auf Anfrage mit.

Das Gleiche sollte auch für das Praktische Jahr oder für gegebenenfalls anerkennungsfähige Abschnitte der Weiterbildung gelten.

Was passiert mit den britischen Diplomen?

Für die Berufsanerkennung von nach dem Brexit erworbenen britischen Diplomen in Deutschland würden bei einem ungeregelten Austritt jedoch die allgemeinen Anerkennungsregelungen für Drittstaatsangehörige gelten. Hieße wohl auch: Junge deutsche Ärzte müssten sich in die gleiche Schlange stellen wie jene aus Uganda, Nepal oder Brasilien.

„Natürlich beschäftigt uns das Schicksal deutscher Medizinstudenten, die im Vereinigten Königreich derzeit mit großem, auch finanziellem Aufwand ihr Studium betreiben. Und die dann feststellen, dass in Deutschland für die Berufsanerkennung bei einem ungeregelten Brexit die allgemeinen Anerkennungsregelungen für Drittstaatsangehörige zur Anwendung kämen“, sagte Dr. Alexander Jäkel vom Dezernat Internationale Angelegenheiten bei der Bundesärztekammer der „Ärzte Zeitung“.

Mit Sorge blickt die Kammer auch auf mögliche Auswirkungen auf die Zulassung und Vorhaltung von Medizinprodukten und In-vitro-Diagnostika. Bei einem No-Deal-Brexit würden die für die Zertifizierung zuständigen Benannten Stellen im Vereinigten Königreich wegbrechen. „Unsere Befürchtung ist, dass ohne die Benannten Stellen im Vereinigten Königreich die Anforderungen aus der Medizinprodukte-Verordnung nicht zu meistern sind“, warnt BÄK-Experte Jäkel.

Das sieht man beim Bundesverband der Medizintechnologie (BVMed) ähnlich. Zudem stellt man sich dort auf Einbußen deutscher MedTech-Hersteller ein, sollte es zum ungeregelten Austritt Großbritanniens aus der EU kommen. Die Branche sei insgesamt stark vom Export abhängig, sagt BVMed-Chef Dr. Meinrad Lugan. Allein fünf Prozent aller in Deutschland gefertigten Medizinprodukte gingen auf die „Insel“.

Auch Arzneimittelhersteller haben sich in Hab-Acht-Stellung gebracht. Laut dem Verband forschender Pharmaunternehmen (vfa) werden pro Jahr rund eine Milliarde Arzneimittelpackungen zwischen Großbritannien und der übrigen EU gehandelt.

Käme dieser Warenstrom auch „nur teilweise“ zum Erliegen, entstünden nicht nur wirtschaftliche Probleme. Es drohten auch medizinische Engpässe für die Briten. Sie könnten einen Stresstest in der Versorgung wesentlich schwerer wegstecken als die „große“ EU, heißt es beim vfa. So gebe es in Großbritannien keinen einzigen Insulin-Hersteller.

Die britische Regierung hat darauf reagiert – und Hersteller gebeten, Vorräte auf der Insel anzulegen. Damit soll die Zeit überbrückt werden, bis sich das erwartete Chaos beim Warenverkehr durch die Zollkontrollen normalisiert hat. Ob das reicht, bleibt abzuwarten. „Im Falle eines ungeordneten Brexits ist der Vorrat von Arzneimitteln im Vereinigten Königreich schnell aufgebraucht“, sagt vfaGeschäftsführer Forschung, Entwicklung und Innovation Dr. Siegfried Throm.

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