Kommentar zum Corona-Impfpass

Digitaler Freifahrtschein durch die Corona-Pandemie?

Die EU gibt Signale in Richtung Sommerurlaub trotz COVID-19. Ein Impfausweis könnte die Lösung sein. Doch Ziele und Möglichkeiten der Mitgliedsstaaten sind höchst heterogen.

Von Christoph BarkewitzChristoph Barkewitz Veröffentlicht:

Ein EU-weit einsetzbarer und gültiger Impfausweis soll nach dem Willen der Mitgliedsstaaten der Union dem Gedanken der Freizügigkeit auch in Corona-Zeiten neues Leben einhauchen. So löblich es ist, sich im Voraus darüber Gedanken zu machen, so zweifelhaft mutet hingegen der Zieltermin und die Wirkung an.

In drei Monaten sollen technische Voraussetzungen dafür geschaffen sein, nationale digitale Impfausweise miteinander zu verbinden. Also bis zum Beginn der Sommersaison. Interessant ist dabei, auf die wesentlichen Rufer zu schauen: Österreich, Griechenland, Zypern, Bulgarien.

Interessant, auf die Rufer zu schauen

Mitgliedsstaaten also, die dann Touristenströme auf ihre Berge und an ihre Mittel- und Schwarzmeerstrände lotsen wollen. Nicht zufällig gehört in Deutschland Küsten-Ministerpräsident Daniel Günther in Schleswig-Holstein zu den ersten, die den EU-Impfpass als „sinnvolles Instrument“ bezeichnen.

Von einer Einigkeit ist die Gemeinschaft allerdings weit entfernt, schaut man sich die Ausgestaltung des Ausweises an: Welche Rechte an den gemeinsamen Pass geknüpft sind, würde dann jedes Land für sich entscheiden, verkündet EU-Ratschef Charles Michel. Nun, es braucht nicht viel Pessimismus, um vorauszusagen, dass da vielerlei, häufig gegensätzliche Interessen ein wenig einheitliches Dokument schaffen werden.

Wer soll denn bitte schön reisen?

Es stellt sich zudem die Frage, wer aus der EU so legitimiert denn überhaupt dorthin reisen soll. Angesichts des schleppenden Impftempos in vielen Mitgliedsstaaten, darunter auch Deutschland , wird die Durchimpfungsrate in drei Monaten keineswegs so hoch sein, dass sich Heerscharen gen Süden aufmachen können. Sollen wir dann also unsere prioritär geimpften Hochbetagten und Maladen in die sonnigen Gefilde schaffen? Gegönnt sei es ihnen, aber auch die Corona-Spritze macht aus keinem von ihnen einen Springinsfeld mehr.

Die große Mehrheit der Jüngeren hingegen, die Reisefreudigen und -fähigen, werden bis zum Beginn der Sommersaison noch gar nicht geimpft sein. Wir erinnern uns: Gesundheitsminister Jens Spahn redete einst von einem Impfangebot für jedermann ganz unpräzise „bis zum Sommer“ – bis ihn die Kanzlerin mal wieder einnordete: Die vorsichtige Angela Merkel relativierte dessen Aussage zu „Ende des Sommers“. Das kann auch der 21. September sein. Nicht mehr ganz Hauptsaison, schon gar keine Ferienzeit mehr.

Und schon bröckelt die Einheit der 27

Auch nach den Beratungen der EU-Regierungschefs vom Donnerstagabend war es die Bundeskanzlerin, die die Mahnerin und Bremserin in Sachen Reisen gab: „Darüber sind überhaupt noch keine politischen Entscheidungen getroffen.“

Und schon bröckelt die gewünschte Einheit in der Union, bevor sie überhaupt erzielt ist. Sollte es in der EU keine Lösung geben, wollen Griechenland und Zypern mit anderen Ländern bilaterale Abkommen über die Einreise von Geimpften treffen. Mit Israel ist das schon geschehen, mit Großbritannien, Russland und den Balkanstaaten wird derzeit verhandelt.

Klar, Israel und Großbritannien haben schon Top-Impfquoten, Russland hat gerade seinen dritten heimischen Impfstoff freigegeben. Da ist es den Levantinern in der EU egal, woher der Schekel beziehungsweise der Rubel rollt.

Schreiben Sie dem Autor: christoph.barkewitz@springer.com

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