Weltweiter Wohlstand

Eine Frage der medizinischen Versorgung

Im Vorfeld des am Dienstag beginnenden Weltwirtschaftsforums in Davos mahnen Experten die Staaten, mehr gegen Steuerschlupflöcher zu tun und stärker in die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung zu investieren. Gesundheit gilt als zentraler Indikator.

Matthias WallenfelsVon Matthias Wallenfels Veröffentlicht:

Internationale Steueroasen und aggressive Steuervermeidungstechniken multinationaler Konzerne tragen maßgeblich dazu bei, dass vielen Regierungen weltweit das Geld für eine gute medizinische Versorgung fehlt. Das ist zumindest die Lesart der internationalen Nothilfeorganisation Oxfam, die am Montag anlässlich des am Dienstag in Davos beginnenden 47. Weltwirtschaftsforums (WEF) ihre aktuelle Studie "An Economy for the 99%" vorgestellt hat. Darin rechnet Oxfam vor, dass die acht reichsten Menschen der Welt mit insgesamt 426,2 Milliarden US-Dollar über mehr Vermögen verfügten als die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, die auf 409,1 Milliarden Dollar komme.

Laut Oxfam-Bericht haben die Privatisierungen von öffentlichen Dienstleistungen wie zum Beispiel der Gesundheit, der Erziehung oder der Wasserversorgung weltweit gezeigt, dass im Zuge dessen arme Menschen – und hier besonders Frauen – davon exkludiert würden. Als vorbildlich tituliert Oxfam das britische Modell der medizinischen Versorgung mit der kostenfreien Nutzung des National Health Service.

Unterdessen hat das WEF, an dem von deutscher Seite auch Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe teilnehmen wird, selbst im Vorfeld des Wirtschaftsgipfels in den Schweizer Alpen den Global Gender Gap Report 2016 sowie den Inclusive Growth and Development Report 2017 veröffentlicht, die beide auch einen Fokus auf das Thema Gesundheit legen. Der Bericht zur Geschlechterdisparität bewertet jedes Jahr den Fortschritt hinsichtlich der Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen in den vier Bereichen Bildungsniveau, Gesundheit und Lebenserwartung, wirtschaftliche Beteiligung sowie politische Mitwirkung.

144 Länder untersucht

Der Subindex für den Bereich Gesundheit und Lebenserwartung zieht zwei Indikatoren heran, um die Unterschiede der Gesundheit von Männern und Frauen zu messen. Der erste beziehe sich auf die Geschlechterrate bei den Geburten und tangiert somit das in vielen Ländern vorherrschende Phänomen der Bevorzugung der Söhne, die oft mit der Abtreibung weiblicher Föten einhergeht. Die zweite Messgröße bezieht sich auf die Lebenserwartung bei guter Gesundheit, wofür die Jahre herausgerechnet würden, die durch Gewalt, Krankheit, Mangelernährung oder andere relevante Umstände verloren gingen. Im Bereich Gesundheit und Lebenserwartung sei die Lücke in den 144 untersuchten Ländern zu 96 Prozent überwunden. Zwei Drittel der Länder wiesen jetzt ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis bei Neugeborenen auf, und mehr als ein Drittel von ihnen hätten ihr Gefälle bei der gesunden Lebenserwartung vollständig geschlossen, wie es heißt.

Die Qualität der Gesundheitsversorgung sowie des Bildungssystems spielt bei der Betrachtung im WEF-Bericht keine Rolle. So kommt es, dass auf Rang fünf der Länder, in denen Frauen verglichen mit Männern inzwischen durchschnittlich zwei Drittel des Zugangs zu Gesundheit, Bildung, wirtschaftlicher Beteiligung und politischer Mitwirkung erreicht haben, Ruanda steht. Die ersten vier Plätze belegen Island, Finnland, Norwegen und Schweden. Auf Rang sechs kommt Irland vor den Philippinen, Slowenien, Neuseeland und Nicaragua. Deutschland belegt den 13. Platz.

In seinem Inklusionsbericht, der Länder auf der Grundlage von zwölf Leistungsindikatoren der inklusiven Entwicklung bewertet, plädiert das WEF für eine wirtschaftspolitische Prioritätenverschiebung, damit Länder effektiver auf die Unsicherheit und Ungleichheit reagieren können, die mit technologischem Wandel und Globalisierung einhergehen.

Sinkendes Jahreseinkommen in Industrieländern

Der Bericht, für dessen Inclusive Development Index unter anderem die Lebenserwartung bei guter Gesundheit als Messgröße herangezogen wurde, kommt zu dem Schluss, dass die meisten Länder große Chancen verpassen, ihr Wirtschaftswachstum anzukurbeln und gleichzeitig Ungleichheit zu reduzieren – denn das Wachstumsmodell sowie die Messinstrumente, die Entscheidungsträger über Jahrzehnte geleitet haben, müssten grundlegend überholt werden.

Besonders an die Adresse von Entwicklungsländern richtet sich der WEF-Appell, die Investitionen in die Familienplanung und andere Mutter-Kind-Programme zu erhöhen sowie Gesetze zu schaffen und zu forcieren, die Kinderehen verhinderten. Zudem sollten sie die neonatologische und pädiatrische Basisversorgung ausbauen.

Laut Bericht ist das durchschnittliche Jahreseinkommen in 26 Industrienationen zwischen 2008 und 2013 um 2,4 Prozent oder 284 US-Dollar pro Kopf zurückgegangen. In Entwicklungsländern hingegen sei das Durchschnittseinkommen im Schnitt um 10,7 Prozent oder 165 US-Dollar gestiegen.

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