Chronisch kranke Kinder

„Familien fühlen sich in Corona-Pandemie allein gelassen“

Pädiater und Patientenorganisationen warnen vor den Folgen der Corona-Pandemie für eine altersadäquate Entwicklung chronisch kranker Kinder. Die Arbeit der 160 Sozialpädiatrischen Zentren wird wichtiger denn je.

Von Raimund SchmidRaimund Schmid Veröffentlicht:
Inhalationstherapie: Viele Kinder mit chronischen Erkrankungen haben in der Corona-Pandemie kaum Möglichkeiten für eine normale soziale Entwicklung, mahnen Mediziner.

Abgeschottet: Viele Kinder mit chronischen Erkrankungen haben in der Corona-Pandemie kaum Möglichkeiten für eine normale soziale Entwicklung, mahnen Mediziner. (Motiv mit Fotomodell).

© lagom / stock.adobe.com

Neu-Isenburg. Bei Familien mit chronisch kranken Kindern ist die Furcht vor einer Corona-Infektion und dem Risiko durch schwere Komplikationen besonders groß. Dennoch steht diese Gruppe bisher kaum im Fokus.

Diese Versäumnisse wollen nun Pädiater- und Patientenorganisationen in die politische Debatte einbringen. Denn nach einem Jahr Corona-Pandemie blieben viele Fragen zum Schutz dieser Kinder und ihrer Familien offen und damit verbundene psychosoziale und sozialrechtliche Aspekte seitens der Politik ungeklärt.

Kai Rüenbrink, Sprecher des Aktionsbündnisses Angeborene Herzfehler – ein Zusammenschluss von sechs bundesweiten Patientenorganisationen – stellt fest: „Diese Menschen fühlen sich in ihrer Situation allein gelassen.“ In Deutschland kommen jährlich etwa 8700 Neugeborene mit angeborenem Herzfehler zur Welt.

Forderung: Jugendliche ab 16 sofort impfen

Besonders betroffen von der Pandemie seien Kinder und Jugendliche mit neurologischen und onkologischen Krankheiten oder auch solche mit Herzfehlern. Pädiater- und Patientenorganisationen beobachten zunehmend, dass die Pandemie zu Lasten einer altersadäquaten Entwicklung dieser und anderer Kinder mit chronischen Erkrankungen geht.

„Wenn diese Kinder und Jugendlichen nicht geimpft werden, ist ihre Teilhabe auf allen gesellschaftlichen Ebenen massiv beeinträchtigt“, befürchtet Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Impfstoffe, die bereits ab dem Alter von 16 Jahren zugelassen sind, sollten seiner Ansicht nach sofort an alle Jugendlichen ab 16 mit schweren chronischen Erkrankungen verabreicht werden.

Bis alle Kinder jedoch durch eine flächendeckende Impfoption ausreichend geschützt sind, bedarf es nach Ansicht der Initiatoren dieses Appells unterstützender Maßnahmen für die betroffenen Familien: Dazu zählen vor allem:

  • Ausweitung raumluftverbessender Maßnahmen wie Stoßlüften oder Luftfilteranlagen,
  • Versorgung mit für Kinder geeigneten Schutzmasken,
  • Neuregelung von Schutzpaketen für berufstätige Eltern chronisch kranker Kinder, die eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen.

Familien brauchen zusätzliche Hilfen

Die Förderung von Homeoffice und die Erweiterung der Kinderkrankengeldtage zur Sicherung der Kinderbetreuung reichten nicht aus. Den betroffenen Familien müsse mit weitergehenden unterstützenden Maßnahmen ihre Angst um den Verlust ihres Arbeitsplatzes genommen werden, wenn sie ihre chronisch kranken Kinder zu Hause betreuen.

Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) befürchtet, dass sich bei vielen jungen Patienten unter den aktuellen Bedingungen dysfunktionale adaptive Verhaltensweisen und Krisen entwickelt haben, die auch bei einer Rückkehr zur Normalität nicht einfach verschwinden werden.

Für die 160 Sozialpädiatrischen Zentren (SPZ) in Deutschland bedeutet dies künftig einen zusätzlichen Behandlungsaufwand, glaubt Dr. Antje Hoffmann, Oberärztin und Sozialpädiaterin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Helios Klinikum Berlin-Buch. Um diesen besonderen Bedürfnissen der jungen Generation gerecht werden zu können, müssten die SPZ personell und finanziell entsprechend ausgestattet werden.

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