Versorgungsdichte

Fehlen in Deutschland Ärzte oder smarte Versorgungsstrukturen?

Ärztemangel oder zu hohe Arztdichte? Beim 5. Landeskongress Gesundheit in Stuttgart waren sich Experten nur in einem Punkt einig: Die 500 Kliniken, die derzeit am Netz sind, sind zu viel.

Von Dr. Florian Staeck Veröffentlicht: 09.02.2020, 13:56 Uhr
Fehlen in Deutschland Ärzte oder smarte Versorgungsstrukturen?

Obwohl bundesweit die Zahl der Mediziner steigt, werden in einigen Regionen händeringend Ärzte gesucht.

© kamasigns / stock.adobe.com

Stuttgart. Sind mehr Ärzte nötig, um in Deutschland eine gute Versorgung zu sichern? Professor Ferdinand Gerlach, Vorsitzender der Gesundheitsweisen, sagt Nein, SPD-Gesundheitspolitiker Professor Karl Lauterbach sagt Ja. Beim 5. Landeskongress Gesundheit am Freitag in Stuttgart kreuzten beide argumentativ die Klinge.

Deutschland weist mit 4,1 Ärzten je 1000 Einwohner eine im Vergleich der Industriestaaten hohe Arztdichte auf, erläuterte Gerlach, Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Rechnet man diesen Wert in die Versorgung mit Ärzten pro 1000 Belegungstage im Krankenhaus um, dann sieht die Welt ganz anders aus: In Deutschland sind es statistisch 0,9 Ärzte, in Dänemark dagegen stehen statistisch 3,3 Ärzte pro 1000 Belegungstage am Krankenbett.

„Wir knacken die Marke von 400.000“

Der Grund: Es gibt hierzulande überdurchschnittlich viele Krankenhausbetten je 1000 Einwohner: 5,1 sind es im OECD-Durchschnitt, 8,1 in Deutschland. Die Probleme der Versorgung ob bei Ärzten oder Pflegekräften, folgert Gerlach, sind insbesondere struktureller Art.

Nach der Wiedervereinigung versorgten im Jahr 1990 rund 237.000 Ärzte die Bevölkerung – im Jahr 2018 waren es bereits 385.000. „Und in diesem Jahr werden wir in Deutschland vermutlich die Marke von 400.000 knacken“, sagte Gerlach. Deutschland sei auf dem Weg zum Spitzenreiter unter den Industrieländern bei der Arzt-Einwohner-Relation, so der Gesundheitsweise.

Minuten-Medizin wird Krankheitsbildern nicht gerecht

Dagegen hält der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach einen deutlichen Schub bei den Medizinstudienplätzen für nötig. Die immer höhere Komplexität der Medizin erhöhe die Nachfrage nach qualifizierten Ärzten. Diese immer anspruchsvoller werdende Versorgung lasse sich mit der bisherigen „Minuten-Medizin“ je Arzt-Patienten-Kontakt nicht mehr abbilden.

In den Konsequenzen, die auf Seiten der Leistungsanbieter gezogen werden müssten, waren sich Gerlach und Lauterbach dann wieder in vielen Punkten einig: Bundesweit rund 500 Kliniken, so der SPD-Politiker, die gegenwärtig am Netz seien, würden seiner Ansicht nach nicht mehr benötigt. Ähnlich sieht dies Gerlach: Die Angebotsstrukturen seien nicht bedarfsgerecht, hinzu kämen unverbundene Parallelstrukturen durch die sektorale Trennung.

Ein Hausarzt sieht 250 Patienten pro Woche

Im Ergebnis arbeiteten Ärzte in Klinik und Praxis im Hamsterrad, so dass in Deutschland auch der Schutz vor zu viel Medizin unzureichend sei, warnte Gerlach. In Deutschland sehe ein Hausarzt pro Woche im Schnitt 250 Patienten, in Schweden seien es 50. Abwarten sei mit Blick auf nötige Strukturreformen keine Option, denn „der Druck wird wachsen“, prognostizierte der Gesundheitsweise.

Professor Boris Augurzky vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung sieht das deutsche Gesundheitswesen sogar im „kalten Krieg“. Der Grad, in dem die Regulierungsschraube durch neue Reformen immer weiter angezogen wird, erinnert den Ökonomen an ein „Wettrüsten“.

„Endzeitstimmung in Kliniken“

Die hohe Regulierungsdichte binde viele Ressourcen und erzeuge eine Misstrauenskultur, während die Handlungsspielräume der einzelnen Akteure dagegen immer weiter abnähmen. Die Folgen dieser Entwicklung zeigten sich beispielhaft in Krankenhäusern. „Dort herrscht vereinzelt Endzeitstimmung.“

Augurzky mahnte als Alternative mehr Gestaltungsfreiheit zusammen mit mehr Verantwortung der Akteure vor Ort an. Als einen möglichen Ausweg schlug er regionale Versorgungsbudgets vor. Es gebe einige Landkreise in Baden-Württemberg, in denen er sich ein solches Modell vorstellen könnte, so der Wissenschaftler.

Aus Sicht von Landesgesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) liegt bei der hochtourigen Gesetzesmaschine von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vieles im Argen. Er vermisst eine angemessene Berücksichtigung der föderalen Aufgabenteilung zwischen Bund und Ländern. „Der Zentralismus dieser Gesetze macht mich frösteln“, so Lucha.

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