Viele Betroffene traumatisiert

Flutkatastrophe hinterlässt „Narben, die man nie vergisst“

Geliebte Menschen, die von Fluten davon getragen wurden, und Leichen auf Bäumen: Viele Bewohner aus dem Hochwasser-Katastrophengebiet in Rheinland-Pfalz sind traumatisiert. Sie brauchen Hilfe von Seelsorgern, Ärzten und Psychotherapeuten.

Von Christian BenekerChristian Beneker Veröffentlicht:
Rheinland-Pfalz, Mayschoß: Ein Notfallseelsorger macht sich ein Bild von den Zerstörungen im Ortskern von Mayschoß. Zahlreiche Häuser in dem Ort wurden von der Flutwelle stark in Mitleidenschaft gezogen oder ganz fortgerissen.

Rheinland-Pfalz, Mayschoß: Ein Notfallseelsorger macht sich ein Bild von den Zerstörungen im Ortskern von Mayschoß. Zahlreiche Häuser in dem Ort wurden von der Flutwelle stark in Mitleidenschaft gezogen oder ganz fortgerissen.

© Boris Roessler/ dpa

Ahrweiler/Schuld. Reden hilft, weil Zuhören hilft, sagen Notfallseelsorger. Wer hilflos mit ansehen musste, wie die Flut in Schuld oder Ahrweiler unterschiedslos Autos, Häuser, Brücken, Mensch und Tier davon schwemmte, den bringen die Bilder der Katastrophe oft noch nach Monaten um den Schlaf.

Die Katastrophe hinterlasse „Narben, die man nie vergisst und die nie zu bewältigen sind“, sagte der Bürgermeister des vom Hochwasser verwüsteten Ortes Schuld, Helmut Lussi, vor laufenden Kameras – sichtbar um Fassung ringend. Die Landesregierung in Rheinland-Pfalz geht inzwischen von rund 170 Menschen aus, die in der Flut ums Leben gekommen sind.

Manche Bewohner fanden Ertrunkene in Kellern oder Leichname, die die Flut in den Zweigen der Bäume zurückgelassen hat, berichtet der Hausarzt und Sozialmediziner Professor Gerhard Trabert. Andere haben ihm berichtet, wie sich eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Rücken eine ganze Nacht lang im strömenden Wasser an einen Baumstumpf klammerte, bis sie entkräftet mitgerissen wurde.

Trabert hat die Patientenversorgung im Krisengebiet mit seiner mobilen Hausarztpraxis unterstützt: mit Asthmaspray und Pflaster, Kopfschmerztablette und Insulin. Alles gut und schön. „Aber vor allem haben wir geredet“, sagt Trabert der „Ärzte Zeitung“.

Drei Phasen der Seelsorge

Ralf Radix, Landespfarrer für Notfallseelsorge in der Evangelischen Kirche von Westfalen, erklärt, warum das Zuhören so wichtig ist. „Zunächst geht es um Stabilisierung“, sagt er. „Was ist eigentlich passiert? Da hören die Seelsorger vor allem zu und unterstützen die Betroffenen durch Nachfragen.“ Sie brauchen im großen Durcheinander festen Boden unter den Füßen.

Wie Puzzleteile ordnen sich nach und nach die wirren und verwirrenden Bilder des Erlebten zu einem nachvollziehbaren Eindruck. Dann geht es darum, zu realisieren: Es gibt mich noch, ich habe überlebt. Mir geht es halbwegs gut. Ich lebe nicht in der Vergangenheit der Katastrophe, sondern jetzt.

In der dritten Phase, der „Aktivierung der Ressourcen“, unterstützt die Seelsorge die Menschen dabei, eigene Widerstandskräfte wiederzuentdecken, wieder Entscheidungen treffen zu können und soziale Netzwerke zu aktivieren, sagt Radix.

Den Hausarzt aufsuchen

Rund fünf Prozent der von einer Katastrophe betroffenen Menschen werden das Erlebte so schnell nicht wieder los. „Wir verfügen über ein Netz an Psychologen, Geistlichen und Psychotherapeuten, an die wir die Betroffenen bei Bedarf weiterleiten können“, berichtet Radix.

Denn oft können sie Wochen lang nicht schlafen, haben Flashbacks oder leiden unter Entkräftung. „Wir versuchen darum stets, auch mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zusammenzuarbeiten und unsere Anlaufstellen zur Verfügung zu stellen.“ Außerdem weist Radix auf das nahe liegende Mittel hin: den Gang zum Hausarzt.

„Wir sind nicht gut aufgestellt. Seit langem fehlen Therapeuten, das wissen wir auch aus der Arbeit mit Geflüchteten.“ Professor Gerhard Trabert, Allgemein- und Sozialmediziner

Trabert rechnet mit mehr als 20 Prozent traumatisierter Menschen unter den von Katastrophen Betroffenen. Er unterscheidet die primäre Traumatisierung der direkten Opfer von der sekundären Traumatisierung der hilflosen Zeugen. „Und eine tertiäre Traumatisierung tritt ein, wenn die primäre und sekundäre nicht bearbeitet wurde. Da muss nicht immer eine Psychotherapie her. Eine Gesprächsgruppe hilft auch.“

Auch Helfer brauchen Hilfe

Auch die Helfer haben mit Spätfolgen zu kämpfen, wenngleich sie wesentlich seltener unter ihren Einsätzen leiden, sagt Radix. Studien zufolge seien rund fünf Prozent der Einsatzkräfte zum Beispiel nach Leichenbergungen von posttraumatischen Belastungsstörung betroffen.

Oliver Gengenbach, Vorsitzender der Bundesvereinigung Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen (SbE), macht darauf aufmerksam, dass Einsätze wie in den Überschwemmungsgebieten vielschichtig seien. Natürlich würden manche Helfer wie Feuerwehrleute, Ärzte, THW-Mitarbeiter oder Ehrenamtliche auch traumatisiert.

„Aber viele Einsatzkräfte sind auch stolz auf ihre Leistungen, ihnen wird Dank und Anerkennung entgegengebracht, sie haben in den Einsätzen etwas erreicht und konnten helfen. Genau deshalb sind sie ja zur Feuerwehr gegangen oder sind Notarzt geworden.“

Stressabbau in der Gruppe

Als nach eigenen Angaben größter deutscher Anbieter bietet die SbE Kurse zur Stressbewältigung von Einsatzkräften an. „Wir arbeiten in Peergroups, in denen den Einsatzkräften ein abgestuftes Maßnahmenpaket angeboten wird“, erläutert Gengenbach. „Das heißt, in den Gruppen treten neben psychosozialen Fachkräften auch Feuerwehrleute oder Notärzte als Gesprächspartner auf. Sie wissen, was die Kolleginnen und Kollegen erlebt haben aus eigener Erfahrung, sie kennen den Sprachcode.“

Gruppengespräche sind da sehr wertvoll, wenn man stets die Gefahr der Retraumatisierung im Auge behält, betont Gengenbach. Keine Einsatzkraft werde allein gelassen.

Inzwischen sei es weitgehend akzeptiert, dass Feuerwehrleute, Notärzte oder DRK-Mitarbeiter Angebote zur Traumabearbeitung wahrnehmen. „Spätestens seit Eschede ist das klar“, sagt Gengenbach. 1998 forderte ein Zugunglück im niedersächsischen Eschede 101 Menschleben. Hunderte von Einsatzkräften arbeiteten an der Unfallstelle.

Angebote für Klinikpersonal

Inzwischen existieren laut Gengenbach flächendeckend Teams in Deutschland, die traumatisierten Einsatzkräften unter die Arme greifen. Aber es gibt auch weiße Flecken auf der Landkarte der Unterstützung. Dabei hätten Ärzte und Pflegende in Krankenhäusern oft mit schweren Ereignissen zu kämpfen, mit Suizidversuchen von Patienten, Kindern, die im OP gestorben sind oder einfach mit aggressiven Patienten.

„Seit Corona ist noch deutlicher, dass es auch in vielen Krankenhäusern dienlich wäre, solche Unterstützungsteams zu haben“, sagt er. Von unseren 150 Teams sind bisher nur sieben Krankenhausteams.“

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