Ökonomischer Druck auf Ärzte

"Für Leute, denen ich was beibringen will, habe ich gar keine Zeit"

Auf den Klinik Codex folgt der Ärzte Codex: Die Internisten beim DGIM-Kongress treiben die Debatte um betriebswirtschaftliche Vorgaben in der Medizin voran. Die Antworten der Politik überzeugen die Ärzte dabei noch nicht.

Rebekka HöhlVon Rebekka Höhl Veröffentlicht:
Heiße Diskussion zu den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: Den ökonomischen Druck nehmen nicht nur Assistenzärzte, sondern selbst schon Medizinstudenten wahr.

Heiße Diskussion zu den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: Den ökonomischen Druck nehmen nicht nur Assistenzärzte, sondern selbst schon Medizinstudenten wahr.

© Sven Bratulic, FFM

WIESBADEN. Ökonomische Zwänge, die vor das Patientenwohl gestellt werden, das ist kein reines Klinikphänomen. "Die ganze Diskussion um die Facharzttermine ist ein gutes Beispiel dafür, welche Auswirkungen ökonomische Vorgaben auf die Versorgung im niedergelassenen Bereich haben", sagte Dr. Hans-Friedrich Spies, Vorstandsmitglied des Berufsverbands Deutscher Internisten (BDI), auf dem diesjährigen Internistenkongress.

Die Budgetierung setze Anreize zur Leistungsbegrenzung, erklärte er beim Symposium "Ökonomie vor Medizin" von DGIM und BDI. Genauso wie extrabudgetäre Leistungen das Risiko einer Leistungsausweitung bergen würden.

Der selbstständig tätige Vertragsarzt befinde sich aber nicht nur deshalb in einem Konflikt zwischen Ökonomie und Medizin, weil er die wirtschaftliche Verantwortung für seine Praxis und seine Mitarbeiter trage. Er werde immer öfter zum Repräsentanten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und zum Verkäufer des Systems, weil er medizinische Begründungen für ökonomische Zwänge liefere, anstatt einzelne Defizite klar als Leistung außerhalb des GKV-Systems anzubieten.

"Die Gretchenfrage ist immer: Bietet das GKV-System ambulant alle Möglichkeiten, die der Arzt im Einzelfall für die Behandlung benötigt?", so Spies. Und dabei sei ersterer Lösungsweg eben der bequemere, räumte er ein.

DGIM und BDI hatten sich wegen des zunehmenden ökonomischen Drucks im ambulanten Bereich bereits im vergangenen Jahr darauf geeinigt, den Klinik Codex zum Ärzte Codex zu erweitern. Auf dem Internistenkongress warben nun beide für den neuen Codex. "Patienten sind heute gut informiert", erklärte Spies.

"Ich will hier keine IGeL-Debatte führen"

Man gefährde das Arzt-Patienten-Verhältnis, wenn man die Patienten nicht über das medizinisch Notwendige aufkläre. "Ich will hier keine IGeL-Debatte führen", stellte er klar. "Es gibt Leistungen innerhalb und außerhalb der GKV, mehr nicht." Das Konstrukt IGeL braucht es aus Sicht von Spies nicht.

"Wir wollen in dieser Entwicklung dem Einzelnen eine professionelle Rückendeckung für seine medizinische Entscheidung geben", sagte Professor Dirk Müller-Wieland, einer der Mitbegründer des Klinik Codex. Auch als Fachgesellschaft müsse man sich in die gesundheitspolitische Gestaltung der Versorgung einmischen. Müller-Wieland: "Wir müssen dafür sorgen, dass wissenschaftliche Standards auch in der Versorgung ankommen."

Bei der Politik stößt die Debatte durchaus auf offene Ohren. Mit den Ideen, die Hessens Gesundheitsminister Kai Klose als Lösung vorschlug, waren die anwesenden Ärzte indes nicht so recht einverstanden.

Für Klose ist der größte Hemmschuh für einen effizienten Einsatz der nun einmal knappen Ressourcen im Gesundheitswesen die mangelnde Zusammenarbeit der Sektoren. Ein Problem seien hier sicherlich auch die unterschiedlichen Verantwortungsbereiche von Bund und Ländern, räumte er ein.

Ein Patientenbeauftragter für jede Klinik?

Gegenwind gab es für seinen Plan, in Hessen noch in diesem Jahr eine Patientensicherheitsverordnung erlassen zu wollen. "Jedes Klinikum soll künftig einen Patientensicherheitsbeauftragten vorhalten", so Klose. Die Erstqualifikation werde durch das Land finanziert. Es wäre wichtiger, mehr Studienplätze zu schaffen und dass die Länder ihrer Investitionsverpflichtung nachkommen, konterten die Ärzte aus dem Auditorium.

Wie oft die Weiterbildung der nächsten Ärztegeneration Opfer der ökonomischen Zwänge wird, machte Cornelius Weiß, stellvertretender Sprecher des Jungen Forums im BDI deutlich. "Es gibt einen dezidierten Plan darüber, wann wir welche Leistungen abzuliefern haben, aber keinen, wie die Weiterbildung läuft", kritisierte er.

Das Erlernen von Fähigkeiten werde zum Luxusgut, um das im Stationsalltag gefeilscht werde. Ein System, in dem an letzter Stelle stehe, "aus uns gute Ärzte zu machen".

Leider eine Erfahrung, die ein Chefarzt aus dem Auditorium teilen musste: Er müsse sich rechtfertigen, wie viele DRG-Punkte ein Assistenzarzt versus einem Oberarzt mache. "Für Leute wie Sie, denen ich noch was beibringen will, habe ich gar keine Zeit", sagte er.

Assistenzärzte seien fürs DRG-System schädlich. Und auch der Druck, der auf die Chefärzte in den Kliniken ausgeübt werde, laufe nicht mehr wie früher offensichtlich über Bonusvereinbarungen, sondern viel subtiler ab. "Die Ressourcenallokation erfolgt nach den abgerechneten DRG. Und in jeder Konferenz werde ich mit der dritten Stelle hinterm Komma konfrontiert und gefragt, warum ich keine Fälle habe", so sein Lagebericht.

Es brauche mehr medizinischen Sachverstand in den Leitungen der Kliniken, forderte Dr. Michael Weber, Präsident des Verbands der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands (VLK).

Die Gretchenfrage ist immer: Bietet das GKV-System ambulant alle Möglichkeiten, die der Arzt im Einzelfall für die Behandlung benötigt?

Dr. Hans-Friedrich Spies, Vorstandsmitglied im BDI

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