44. Hausärztinnen- und Hausärztetag

Hausärztinnen und Hausärzte wollen hin zu einem Primärarztsystem

Mehr Steuerung von Patienten, ressourcenschonende Prozesse angesichts des Ärzte- und Fachkräftemangels, mehr HZV und Entbudgetierung. Das forderten Markus Beier und Nicola Buhlinger-Göpfarth auf dem 44. Hausärztinnen- und Hausärztetags. Die Lösung könnte ein Primärarztsystem sein.

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Die Vorstandsspitze des Deutschen Hausärztinnen und Hausärzteverbands beim Bericht zur Lage während des Hausärztinnen- und Hausärztetages

Die Vorstandsspitze des Deutschen Hausärztinnen und Hausärzteverbands beim Bericht zur Lage während des Hausärztinnen- und Hausärztetages: Dr. Markus Beier (l.) und Professor Nicola Buhlinger-Göpfarth. Kurz nach der „gemeinsamen Bewerbungsrede“ wurden beide mit großer Mehrheit zur neuen, echten Doppelspitze des Verbands gewählt.

© Hausärztinnen- und Hausärzteverband

Berlin. Die hausärztliche Praxis muss der zentrale Ort der Versorgung bleiben, der Deutsche Hausärztinnen- und Hausärzteverband will dafür als starke Lobby agieren. Vor allem die Kampfbereitschaft des Verbands „in den immer heftiger werdenden Kämpfen im Gesundheitswesen“ haben Dr. Markus Beier und Professorin Nicola Buhlinger-Göpfarth im gemeinsam vorgetragenen Bericht zur Lage beim 44. Hausärztinnen- und Hausärztetag in Berlin mehrfach betont.

Der Bericht vor den Delegierten sei zugleich auch eine gemeinsame Bewerbungsrede des Bundesvorsitzenden und seiner Stellvertreterin, um in Zukunft gemeinsam als Team den Verband führen zu können, sagte Beier angesichts der turnusmäßig anstehenden Wahlen zum Bundesvorstand. Im vergangenen Jahr war Markus Beier nach dem Rückzug des heutigen Ehrenvorsitzenden Ulrich Weigeldt nur für ein Jahr zum Bundesvorsitzenden gewählt worden.

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Im Rückblick betonte Beier, dass es viel zu häufig vorgekommen sei, dass „wir in die Entscheidungen der Gesundheitspolitik am Ende nicht eingebunden waren“. Es gelte, dass „keine Entscheidungen ohne Hausärztinnen und Hausärzte getroffen werden – nicht ohne uns“, rief auch Nicola Buhlinger-Göpfarth.

Beier: Fehlende Steuerung erhöht den Handlungsdruck enorm

Beier sah „die Gesundheitspolitik vor einer Zeitenwende, er nutze dieses Wort bewusst. Das entscheidende Wort dabei sei Ressourcenschonung. Begrenzte Mittel müssten effizient eingesetzt werden, finanziell, personell und zeitlich, betonte der Vorsitzende. „Ineffiziente Prozesse und fehlende Steuerung erhöhen den Handlungsdruck enorm.“ Seine Schlussfolgerung: „Wer jetzt nicht erkennt, dass ein hausärztliches Primärarztsystem die einzig schlüssige Antwort auf die Realitäten im Gesundheitswesen ist, dem ist nicht mehr zu helfen. Und der Ausbau der HZV ist der beste Weg, Ressourcenschonung zu erreichen.“

Die positive Entwicklung der HZV – „der Rettungsanker der hausärztlichen Versorgung“ – hob Buhlinger-Göpfarth im Rückblick hervor, habe sich bundesweit fortgesetzt: Neun Millionen Patienten seien eingeschrieben, davon über 6,3 Millionen in Vollversorgung. Ziel sei es jetzt, möglichst schnell zehn Millionen Patienten zu erreichen. Die Marke von zwei Milliarden Euro Honorarsumme nehme der Verband ebenfalls in den Blick.

Buhlinger-Göpfarth: Innovationsmotor und Präventionsbooster HZV

Auch unter Versorgungsaspekten sei die HZV wichtig: Sie sei ein „Präventionsbooster“. Zum Beispiel seien die Impfquoten in der HZV um 10,2 Prozent höher als in der Regelversorgung. „Man stelle sich vor, wie viel entspannter wir in die nächste Grippesaison gehen könnten, wenn 10 Prozent mehr Menschen geimpft wären“, sagte Buhlinger-Göpfarth. Zugleich sei die HZV auch Innovationsmotor im Gesundheitswesen, meinte sie und führte den Zuschlag für klimaresiliente Versorgung, den die AOK Baden-Württemberg Praxisteams gewähre, die ihre Patienten entsprechend versorgen, als Beispiel an.

Buhlinger-Göpfarth und Beier forderten zugleich „endlich“ eine „echte Reform“ des Hausarzt-EBM. Eine Vorhaltepauschale „für unsere hochwertige Versorgung ist längst überfällig“, so Buhlinger-Göpfarth. Und: „Warum soll es wichtiger sein, dass Menschen sich darauf verlassen können, dass ein Krankenhaus in der Nähe ist, als dass eine Hausarztpraxis in der Nähe ist?“

„Quartalswahnsinn muss ein Ende haben“

Außerdem müsse der „Quartalswahnsinn in der Versorgung ein Ende haben. Jedes Quartal müssen chronisch kranke Patienten ohne Notwendigkeit in die Praxen kommen, nur weil der EBM das so will“. Beier forderte zudem, dass „endlich die Leistungen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den EBM aufgenommen werden“. Das sei eine „unglaubliche Missachtung der Arbeit unserer Praxisteams“.

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Nötig sei ein echter Teampraxis-Zuschlag wie in Baden-Württemberg, je nach Zusatzqualifikation der VERAH.

Zu einem ressourcenschonenden Vorgehen gehöre zudem, die Steuerung von Patienten durch Vernetzung, nicht durch Zersplitterung der Versorgung, führte Beier mit Blick auf die Gesundheitskioske weiter aus. Diese würden binnen fünf Jahren zwei Milliarden Euro verschlingen, aber: „Glaubt irgendwer, dass Hausarztpraxen auch nur einen Patientenkontakt weniger haben werden durch Gesundheitskioske?“

Entbudgetierung wie bei den Kinderärzten

Die Entbudgetierung würde bei weitem nicht so viel kosten, so Beier weiter in Anspielung auf das bereits länger verzögerte Vorhaben der Ampel-Koalition, hausärztliche Honorare aus dem Budget zu nehmen. In Regionen wie Hamburg, wo 25 Prozent des Honorars budgetiert würden, führe die Budgetierung dazu, dass es in einigen Regionen nicht mehr möglich sein werde, eine Praxis wirtschaftlich zu betreiben, so Beier. Entscheidend sei, dass die Entbudgetierung so vorgenommen wird, wie dies bei den Pädiatern Anfang des Jahres geschehen sei, betonte Beier, die sogenannte MGVplus-Entbudgetierung. „Nur so ist sichergestellt, dass das Geld, das den Hausärztinnen und Hausärzten zusteht, nicht klammheimlich von den Krankenkassen wieder abgezogen wird.“ Beier mahnte in diesem Zusammenhang auch endlich die rückhaltlose Unterstützung der KBV für diese Forderung der Hausärzte an. (ger)

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