Prostata-Ca

Innovation und Spitzenmedizin für die Peripherie

Zugang zu einer Studie und Spitzenmedizin auch auf dem platten Land? Das Hauptstadturologie-Netzwerk schafft es für Patienten mit Prostata-Ca, Distanzen und Sektorengrenzen zu überwinden.

Von Helmut Laschet Veröffentlicht: 01.03.2020, 14:09 Uhr
Innovation und Spitzenmedizin für die Peripherie

Professor Thorsten Schlomm (v.l.), Chef-Urologe an der Charité, BDU-Präsident Dr. Axel Schroeder, Dr. Gottfried Ludewig, Abteilungsleiter Digitalisierung im Bundesgesundheitsministerium, Barmer-Vorstandschef Professor Christoph Straub und Wolfgang van den Bergh von der Ärzte Zeitung diskutierten in Berlin über das Pilotprojekt „Hauptstadturologie-Netzwerk“.

© Helmut Laschet

Berlin. Das von der Charité initiierte und vom Berufsverband Deutscher Urologen (BDU) unterstützte Hauptstadturologie-Netzwerk erschließt für Patienten mit metastasiertem Prostatakarzinom nahezu barrierefrei den Zugang zur Spitzenmedizin. Es überwindet mit vergleichsweise einfachen Instrumenten Sektorengrenzen und räumliche Entfernungen zwischen Zentren der Hochleistungsmedizin sowie der wenig dicht versorgten Periphere und spart Arztressourcen.

„Das Pilotprojekt ermöglicht Versorgungsforschung durch Einbeziehung möglichst vieler Patienten mit metastasiertem Prostata-Ca und bringt medizinische Innovationen wie individualisierte Entscheidungsfindungen in die Peripherie“, sagte BvDU-Präsident Dr. Axel Schroeder am Freitagabend bei der Vorstellung des Netzwerks in der Berliner Charité.

Ein Blick in die Versorgungsrealität

Einblick in die heterogene Versorgungsstruktur im Raum Berlin Brandenburg gaben die jeweiligen Landesvorsitzenden. In Berlin arbeiten 185 als Vertragsarzt niedergelassene Urologen, die relativ gleichmäßig über die Stadt verteilt sind. Im Durchschnitt behandeln die Ärzte 1000 bis 1200 Kassenpatienten. Laut Bedarfsplanung liegt der Versorgungsgrad bei 160 Prozent, aber dennoch arbeiteten die Kollegen durchschnittlich über 50 Wochenstunden, so Dr. Sulafah El-Khadra.

Brandenburg kommt nur auf 85 Urologen, von denen 61 an der Onkologievereinbarung teilnehmen. Noch relativ gut versorgt sei der Speckgürtel um die Hauptstadt – ganz anders sehe es in der Peripherie aus, so Dr. Catrin Steiniger. Im Schnitt versorgt in Brandenburg jeder Urologe 60 Prozent mehr Patienten, sie selbst, niedergelassen in Lübbenau, kommt auf 2500 Patienten.

„Ich hätte mir damals eine Zweitmeinung gewünscht“

Defizite bei Prävention und Versorgung benannte Rüdiger Bolze vom Regionalverband Neue Bundesländer der Prostata-Selbsthilfe. Seine Krankengeschichte: Das 2004 diagnostizierte Prostata-Ca wurde mit Hormonen behandelt. Wegen der Belastung sei es gelungen, nach sieben Jahren auf eine Strahlentherapie zu wechseln – seitdem liege der PSA-Wert bei Null. „Ich hätte mir damals eine Zweitmeinung gewünscht“, sagt der Patient. Schwachpunkte seien aber auch Prävention und Früherkennung, die viel zu spät in Anspruch genommen würden, unter anderem weil Ärzte nicht genügend Zeit für eine Beratung haben, die den Patienten mündig mache. Vom Netzwerk erhofft er sich einen beschleunigten Zugang zu Innovationen und eine verbesserte Zusammenarbeit zwischen Selbsthilfe und Psychoonkologie.

Ziel des Netzwerkes sei es, möglichst jeden Patienten mit einem metastasierten Prostata-Ca in eine Studie einzubeziehen, so Professor Thorsten Schlomm, Direktor der Klinik für Urologie an der Charité. Über das Netzwerk sollen zukünftig Probanden aus der Peripherie akquiriert werden, auch weil es gegenwärtig zu wenig Patienten für die sehr heterogenen Fragestellungen in der personalisierten Medizin gebe. Durch Einschluss solcher Patienten aus dem ambulanten flächendeckenden Setting sei es wiederum möglich, diesen Patienten spezialisierte Spitzenmedizin raumüberwindend zugänglich zu machen.

Krankheitsverlauf wird in elektronischem Tagebuch erfasst

Das Instrumentarium für den Zugang zum Netzwerk ist für niedergelassene Ärzte und ihre Patienten denkbar einfach: In den Praxen erhalten die an metastasiertem Prostata-Ca Erkrankten einen Flyer mit Informationen und einem Anmeldecode, mit dem sie in eine Studie eingeschrieben werden und der zugleich zur Anonymisierung dient. Der Code ist allerdings mit der Praxis verswitcht, in der der Patient den Flyer erhalten hat. In einem elektronischen Tagebuch kann der Krankheitsverlauf aufgezeichnet werden; problematische Entwicklungen können so detektiert werden.

Erkenntnisse aus diesen gewonnenen Real World Data können als Feedback an die ambulanten Praxen und an die Patienten zurückgespiegelt werden. Es entstehe ein „virtuelles Krankenhaus“, so Schlomm, „das die Expertise der Charité den Patienten in Cottbus zugänglich macht, ohne nach Berlin zu fahren“. Möglich sei eine Eskalierung dieses Modell auf andere Fachgebiete oder auf andere Regionen.

Durch Datenspenden die Forschung stärken

Für Dr. Gottfried Ludewig, den Leiter der Abteilung Digitalisierung im Bundesgesundheitsministerium, ist das Netzwerk ein Beispiel dafür, wie durch moderne Kommunikationsmethoden ein niedrigschwelliger Zugang von Patienten unabhängig vom Wohnort zu Innovationen und zur Spitzenmedizin geschaffen werden kann. Zugleich werde es möglich, aus der Versorgung heraus durch Datenspenden die Forschung zu stärken. Die Strategie des BMG sei, sich beim Digitalisierungsprozess auf das Machbare und Durchsetzbare zu konzentrieren, um vorwärts zu kommen.

Aus der Sicht des Barmer-Vorstandsvorsitzenden Professor Christoph Straub versagt bei den sehr klein gewordenen Populationen in der stratifizierten Medizin das Konzept der randomisierten Klinischen Studien mit großen Probandenzahlen. Darauf reagiere das Netzwerk mit der Einbindung von Patienten aus der Peripherie. Zugleich profitierten Ärzte in der ambulanten Medizin von den Kompetenzen in Zentren.

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