Petition

Junge Psychotherapeuten wollen Sitzvergabe umkrempeln

Hohe Übernahmepreise und Mehrfachzulassungen erschweren dem psychotherapeutischen Nachwuchs den Einstieg in die Selbstständigkeit: Vier junge Psychotherepeuten wollen das ändern – und haben bereits über 50.000 Unterstützer gefunden.

Von Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht: 02.11.2020, 14:50 Uhr
Die Übernahme eines Kassensitzes für Psychotherapie  kostet viel Geld, obwohl weder Gerätschaften noch ein großer Patientenstamm daran hängen. Junge Psychotherapeuten würden das gerne ändern.

Die Übernahme eines Kassensitzes für Psychotherapie kostet viel Geld, obwohl weder Gerätschaften noch ein großer Patientenstamm daran hängen. Junge Psychotherapeuten würden das gerne ändern.

© New Africa - stock.adobe.com

Köln. Vier junge Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten aus Nordrhein-Westfalen mahnen fairere Bedingungen bei der Vergabe von Kassensitzen an. In einer Online-Petition an das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium machen sie sich für eine Deckelung der Preise für einen Vertragstherapeutensitz stark und fordern, dass Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten jeweils nur eine Zulassung haben dürfen. Knapp 52.000 Menschen haben die Petition bislang unterzeichnet (Stand: 02.11.2020, 14.45).

„Die Preise, die zurzeit für Kassensitze verlangt werden, sind definitiv zu hoch“, sagt Felix Klein der „Ärzte Zeitung“. Klein arbeitet als angestellter Psychotherapeut in Köln und hat die Petition gemeinsam mit Niklas Lottes, Elena Rudolph und Michelle Walsh auf den Weg gebracht. Sie arbeiten als angestellte Therapeuten oder stehen kurz vor dem Ende ihrer Ausbildung. Sechsstellige Summen für die Sitze seien keine Seltenheit, berichtet er.

Gegenwert für hohe Preise fehlt

In Köln würden 85.000 Euro für einen halben Sitz inzwischen als gutes Angebot gelten, heißt es in der Petition. Für diese Summen gibt es neben der Zulassung keinen Gegenwert, findet Klein. Anders als bei vielen Arztpraxen würden in der Regel weder Geräte noch Praxisräume übernommen. Auch der Patientenstamm spiele in der Psychotherapie keine Rolle. Zum einen dauere die Therapie maximal zwei Jahre, zum anderen sei der Bedarf an Therapieplätzen so groß, dass die Patientenakquise praktisch von selbst laufe. „Jeder einzelne Therapeut hat in der Regel ganze Ordner mit Wartelisten“, sagt er.

Wegen der veralteten Datengrundlage für die Bedarfsplanung gebe es immer noch einen eklatanten Mangel an Sitzen. Das hat sich nach Angaben Kleins auch durch die Novelle der Bedarfsplanung nicht grundlegend verbessert. Wenn sich hier die Bedingungen verbessern, komme das nicht nur dem psychotherapeutischen Nachwuchs zugute, sondern auch den Patienten, betont er.

Plädoyer für Abschaffung des Kassensitzsystems

Langfristig halten Klein und seine Mitstreiter die Abschaffung des Kassensitzsystems für die beste Lösung. Kurz- und mittelfristig muss man ihrer Ansicht nach aber zumindest an die Preise heran. Auf die Höhe der gewünschten Deckelung wollen sie sich dabei aber nicht festlegen.

Die jungen Psychotherapeuten verweisen in der Petition auf einen Faktor, der aus ihrer Sicht zu den überzogenen Geldforderungen beiträgt: der Trend, dass immer mehr Psychotherapeutinnen und -therapeuten bis zu vier Sitze kaufen, auf denen sie – bis auf den eigenen – approbierte Kollegen anstellen. Hinzu kämen psychotherapeutische MVZ.

„In der Realität entstehen so immer mehr einzelne ‚Big Player‘, die eine hohe Zahl von Therapeut*innen beschäftigten“, beklagen sie in ihrer Petition. Bei ihnen stünden häufig finanzielle Interessen im Vordergrund, nicht die Versorgung der Patienten. Nach Meinung der Petenten sollte jeder Psychotherapeut deshalb nur einen Sitz haben dürfen. Klein, Lottes, Rudolf und Walsh suchen jetzt die Unterstützung der psychotherapeutischen Verbände. „Wir kommen langsam mit ihnen ins Gespräch“, berichtet Klein.

Update vom 5. 11. 2020: Die Initiatoren der Petition haben inzwischen darauf hingewiesen, dass sie – anders als es ursprünglich in der Petition geheißen hat – nicht für die Abschaffung des Kassensitzsystems sind. Sie haben die entsprechende Passage geändert.

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Kommentare
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Julian Pietron

Man könnte auch sagen: Die Nachfrage bestimmt den Preis. Es steht jedem Interessenten frei zu entscheiden, ob er bereit ist, die Preise in einer bestimmten Region zu bezahlen oder vielleicht in eine Region zu wechseln, in der das Preisniveau geringer ist oder möglicherweise sogar vakante Sitze für "umsonst" zu haben sind.
Sobald sich niemand mehr findet, der eine Praxis zum aufgerufenen Preis kaufen möchte, wird der Preis von allein nach unten gehen.
Ganz davon abgesehen, dass Sitze als solches gar nicht verkauft werden dürfen. Es steht jedem frei, sich auf ausgeschriebene Sitze bei der zuständigen KV zu bewerben. Der Zulassungsausschuss wird dann darüber entscheiden, wer den Sitz besetzen darf.

Gerhard Leinz

Unterstützenswert ist die Kampagne gegen die Einkehr des Profitdenkens in die Psychotherapie.
Ein riesiges Manko der Psychotherapie bleibt aber das planlose Nebeneinanderher existieren und die Grabenkämpfe der Psychotherapiemethoden. in der Psychotherapie fehlt die Koordinierung. Für die jungen Psychotherapeuten und die Patienten fehlt aber auch das Umsetzen (und anschließendem Ausschreiben) von Teilzusatzulassungsentzügen bei Psychotherapeuten, die nicht die Mindestverversorgungsverpflichtung in der Patientenversorgung erbringen duch die Zulassungsgremien. Das eigentliche Problem bei den exorbitanten Verkauspreisen von den Psychotherapeutensitzte sind nicht die Abgeber. Wer will es denen verdenken. Die Zulassungsausschüsses definieren die Entscheidungskritrien. Dort sitzen die Funktionäre der Verbände der Psychotherapeuten.Generelles Verbieten vom Besitz von mehreren Zulassungen würde allerdings Koordinierungsprojekte in der Psychotherapie erschweren. Ich darf als Arzt (Tiefenpsychologische Therapie) keine Berufsausübungsgemeinschaft mit Psychologischen Psychotherapeuten (Verhaltenstherapie) bilden. So ist die Auskunft der Ärztekammen Schleswig-Holstein.Es leben die GrbenkämpfeIch muss diese als Angestellte einstellen.. kann dabei auch "würdevolles" Gehalt zahlen.


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