„COVID-Ghettos“

Madrids Corona-Chaos trifft vor allem Ärmere

Spaniens Hauptstadt ruft in sozial schwachen Stadtvierteln wieder den Lockdown aus. Gegen die „COVID-Ghettos“ gibt es Proteste und Vorbehalte von Ärzten.

Von Manuel Meyer Veröffentlicht:
Ein Arzt demonstriert in Madrid am Montag mit einem Schild mit der Aufschrift „SOS –Die Grundversorgung blutet aus“.

Ein Arzt demonstriert in Madrid am Montag mit einem Schild mit der Aufschrift „SOS – Die Grundversorgung blutet aus“.

© Oscar Gonzalez/picture alliance/NurPhoto

Madrid. Die Corona-Pandemie trifft nicht alle Menschen gleich. Das bekommen derzeit vor allem Madrids sozial schwache Arbeiter- und Migrationsviertel zu spüren. Seit Montag wurden 37 Stadtteile und Vororte im Süden der spanischen Hauptstadt erneut mit strikten Lockdown-Maßnahmen regelrecht abgeriegelt. Die Polizei überwacht Straßen und Zufahrten.

Rund 850.000 Menschen sind von neuen Ausgangssperren und Bewegungseinschränkungen betroffen. Die Einwohner dürfen ihre Bezirke nicht mehr verlassen. Ausnahmen gelten nur für den Weg zur Arbeit, zum Arzt und um Kinder zur Schule zu bringen.

Die Menschen sollen ihre Häuser möglichst nicht zu verlassen. Parks wurden geschlossen. Geschäfte, Bars und Restaurants dürfen zwar geöffnet bleiben, müssen die Zahl der Gäste aber halbieren. Die Maßnahmen sollen zunächst für zwei Wochen gelten.

Hohe Infektionsquoten

Grund für die erneute Verhängung von Ausgangssperren in diesen Bezirken waren enorm hohe Infektionsquoten von zuletzt mehr als 1000 Corona-Fälle je 100.000 Einwohner. Das ist etwa das Fünffache des landesweiten Durchschnitts. „Es handelt sich um sehr dicht besiedelte Stadtviertel, in denen die Menschen teils mit sehr vielen Personen auf kleinstem Wohnraum leben“, erklärt der Allgemeinmediziner und Gesundheitsexperte Javier Padilla der „Ärzte Zeitung“ die Gründe, warum gerade in diesen Stadtvierteln die Infektionszahlen derart steigen.

Die Lockdown-Maßnahmen wurden im Juni aus wirtschaftlichen Gründen viel zu schnell gelockert. Andererseits stellte man nicht wie versprochen mehr Ärzte, Krankenschwestern und Kontaktnachverfolger ein.

Lorenzo Armenteros, Spanische Allgemeinmediziner- Vereinigung

Dabei arbeiten die meisten Menschen aus diesen Bezirken zudem in Berufen, die Home Office nicht zulassen und die sie zwingen, täglich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in andere Stadtteile zu fahren. „Deshalb halte ich die Maßnahmen für gut, aber keineswegs für ausreichend, denn auch in anderen, einkommensstärkeren Bezirken steigen die Zahlen viel zu schnell. Die Ausgangssperren und Schutzmaßnahmen müssen auch dort dringend verstärkt werden“, so Padilla.

Weitere Lockdowns drohen

Deshalb plant Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso in den kommenden Tagen auch weitere Stadtteile oder sogar die gesamte Hauptstadt in den Lockdown zu schicken. Das spanische Militär steht bereits bereit, auf dem Ifema-Messegelände erneut das Feldlazarett mit 5000 Betten zu errichten, das schon im April und Mai Tausende von COVID-Erkrankten betreute.

Unterdessen wächst der Unmut der betroffenen Menschen aus den sich bereits im Lockdown befindlichen Stadtvierteln. Am Sonntag protestierten mehrere Tausend Menschen. Sie weisen die Maßnahmen als „ungerecht und diskriminierend“ zurück. „Unsere Stadtteile sind keine Ghettos“, „Mehr Ärzte, mehr Kontaktnachverfolger – keine Ausgrenzung“ war auf Protestplakaten zu lesen.

Schuld an dem erneuten COVID-Chaos in Madrid sei die Regierung, meinen auch viele Ärzteverbände. „Die Lockdown-Maßnahmen wurden im Juni aus wirtschaftlichen Gründen viel zu schnell gelockert. Andererseits stellte man nicht wie versprochen mehr Ärzte, Krankenschwestern und Kontaktnachverfolger ein“, so Lorenzo Armenteros von der Spanischen Allgemeinmediziner-Vereinigung. Bis zu 6000 Ärzte würden in Spanien mit Blick auf die zweite COVID-Welle fehlen – in Madrid allein sind es mindestens 600 Ärzte.

Zusätzliche Krankenschwestern sind kaum zu finden

Besonders schwer tut sich die Regionalregierung derzeit aber bei der Suche nach Krankenschwestern. Regionalpräsidentin Ayuso gestand ein, dass es kaum Arbeit suchendes Fachpersonal gäbe, das eingestellt werden könnte.

Ärzteverbände beschwerten sich sogar bei Ministerpräsident Pedro Sánchez, dass erst am 1. Oktober eine unabhängige Expertenkommission zusammenkommen soll, um zu untersuchen, was bisher bei der Eindämmung der COVID-19-Pandemie in Spanien schiefgelaufen sei. „Diese Expertenkommission hätte schon viel früher zur Beratung der Regierung einberufen werden müssen“, meint Gesundheitsexperte Padilla.

Spanien ist mit mehr als 600.000 Infektionsfällen und 30.000 COVID-19-Toten eines der am stärksten von der Pandemie betroffenen Länder Europas. Allein am Wochenende infizierten sich 31.000 Menschen. Gesundheitsminister Salvador Illa rief am Dienstag alle Hauptstadtbewohner zu erhöhter Vorsicht auf. Jeder müsse seine Kontakte und seinen Bewegungsradius auf ein Minimum beschränken, forderte Illa im Radiosender Cadena Ser. Die Lage sei im ganzen Land besorgniserregend, „in Madrid aber am meisten“.

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