Koalitionspläne

Mit DMP zur bedarfsgerechten Adipositas-Therapie

Union und SPD wollen den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) damit beauftragen, Anforderungen für ein DMP Adipositas zu entwickeln. Das Ziel: Unter- und Fehlversorgung beenden.

Von Thomas HommelThomas Hommel Veröffentlicht:
Wenn der Zeiger der Waage deutlich ausschlägt: Nach Schätzungen der Deutschen Adipositas Gesellschaft ist jeder vierte Bundesbürger stark übergewichtig.

Wenn der Zeiger der Waage deutlich ausschlägt: Nach Schätzungen der Deutschen Adipositas Gesellschaft ist jeder vierte Bundesbürger stark übergewichtig.

© Olivier Le Moal / stock.adobe.com

Berlin. Darauf hat Matthias Blüher lange gewartet. „Endlich tragen unsere jahrelangen Bemühungen um ein Disease Management Programm Adipositas Früchte“, sagt Blüher, der an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig zur Versorgung stark übergewichtiger Menschen forscht.

Jetzt könnte es so weit sein. Union und SPD wollen den Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) damit beauftragen, Anforderungen für ein DMP Adipositas zu beschließen. Grundlage ist das Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung (GVWG).

Das Bundeskabinett hat dem Gesetzesvorhaben von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bereits zugestimmt. In Kürze sind Bundestag und Bundesrat am Zug.

25 Prozent der Erwachsenen adipös

Um eine kleine Patientengruppe geht es bei der Adipositas nicht. Laut Deutscher Adipositas Gesellschaft (DAG) sind etwa ein Viertel der rund 66 Millionen erwachsenen Bundesbürger stark übergewichtig. Betroffen seien 23 Prozent der Männer und 24 Prozent der Frauen.

Um deren Versorgung steht es jedoch nicht zum Besten. Wenig kompatible Behandlungsstrukturen und ein schlechter Zugang der Patienten zu Versorgungsangeboten stünden einer strukturierten und vor allem dauerhaften Therapie oft im Weg, monieren Ärzte wie der Adipositas-Forscher Blüher aus Leipzig.

Die „Versorgungsrealität“, heißt es auch in Spahns Gesetzentwurf, werde den Bedürfnissen von Versicherten mit Adipositas häufig nicht gerecht. Eine schlechte Vernetzung von Haus- und Fachärzten sowie Kliniken sowie eine unzureichende Anleitung und Motivation zur Eigeninitiative führten bisweilen zu Unter- und Fehlversorgung mit schwerwiegenden Folgen.

Von einer individuellen Behandlung unter Berücksichtigung verhaltensmodifizierender, medikamentöser und nötigenfalls auch chirurgischer Interventionen profitiere nur eine kleine Minderheit. Eine bedarfsgerechte Therapie könne hingegen Schäden durch Folge- und Begleiterkrankungen wie Diabetes reduzieren und Folgekosten senken. Ähnliches hatte bereits die im Juli 2020 vom Bundestag verabschiedete nationale Diabetesstrategie formuliert.

Dauerhaft und strukturiert

Im Entwurf zum GVWG wird die Koalition konkreter: Adipöse Menschen sollen demnach mittels eines DMP „dauerhaft, strukturiert, qualitätsgesichert, multimodal und transsektoral versorgt werden“, heißt es. Eine „leitliniengerechte und bedarfsorientierte“ Versorgung solle insbesondere qualifizierte multimodale und multiprofessionelle konservative sowie chirurgische Therapien sowie modulare Schulungsprogramme umfassen.

Fachgesellschaften wie die DAG und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) nennen die Pläne einen „Quantensprung“. Ein DMP Adipositas habe das Potenzial, „Krankheitslast und vorzeitige Todesfälle zu verhindern“, sagt DAG-Präsidentin Professor Martina de Zwaan. Erstmals werde Adipositas als eine „chronische Krankheit mit zu regelndem Therapiebedarf anerkannt“.

Breites Therapiespektrum nutzen!

In Deutschland gebe es bereits ein breites Spektrum an therapeutischen Möglichkeiten, um jedem Adipositas-Patienten eine individuelle Behandlung zukommen zu lassen, sagt de Zwaan. Dazu zählten auch Ernährungs- Bewegungs- und Verhaltenstherapie. Zugleich bestehe die „berechtigte Hoffnung“, dass „indizierte chirurgische Optionen nicht mehr willkürlich verweigert werden“.

Aus dem Entwurf

Laut Gesetzentwurf des BMG soll ein DMP Adipositas eine „strukturierte, multimodale und transsektorale Versorgung“ befördern.

Die Behandlung der Patienten soll überdies leitliniengerecht und bedarfsgerecht erfolgen.

Zum Einsatz kommen sollen multiprofessionelle konservative sowie chirurgische Therapien sowie modulare Schulungsprogramme.

Ein Behandlungsprogramms Adipositas sei „ein wichtiger Baustein der Diabetesstrategie“, sagt DDG-Präsidentin Professor Monika Kellerer. Bei den Inhalten des geplanten DMP müsse der GBA auch nicht bei null anfangen. Im DMP für Typ 2-Diabetiker seien bereits seit Jahren „gute transsektorale Strukturen“ sowie Vorgaben für multiprofessionelle Behandlungs- und Schulungsteams enthalten. Diese ließen sich nutzen.

Generell sei die Vermeidung von Fettleibigkeit auch mit Blick auf steigende Diabetes-Inzidenzen von Bedeutung. Ärzten zufolge wächst das Risiko für einen Typ-2-Diabetes um etwa 20 Prozent je 1 kg/m² höherem BMI.

RSA-Systematik als Hemmschuh?

Koalitionspolitiker wie Alexander Krauß (CDU) setzen ebenfalls große Hoffnungen in das geplante DMP Adipositas. „Das ist ein sehr wichtiger Schritt in die richtige Richtung.“ Ziel der Behandlung könne aber nicht sein, dass die Patienten gertenschlank werden. „Es ist bereits ein Erfolg, wenn sie ihr Gewicht zum Beispiel um 20 Kilogramm reduzieren.“

Das DMP funktioniere auch nur, wenn Hausärzte Patienten dort einschrieben, so Krauß. Entscheidend sei zudem die Definition, ab wann ein Patient als adipös gelte. Hier sollte die Selbstverwaltung die „Latte nicht zu hoch legen“. Auch Betroffene ohne manifeste Begleiterkrankungen sollten in das DMP eingeschlossen sein.

Als Hemmschuh könne sich erweisen, dass die Einschreibung in das geplante DMP den Kassen „wohl wenig oder nichts aus dem RSA“ bringe, da die Patienten meist schon als chronische Patienten gelistet seien, sagt Krauß. Langfristig werde das Programm den Kassen aber „viel Geld“ sparen. Sie sollten daher „mitziehen“.

Mehr Prävention nötig

Vertreter der Opposition warnen dennoch vor zu hohen Erwartungen. Ein DMP Adipositas sei zwar ein „sinnvoller, aber kein hinreichender Schritt“, merkt etwa die Grünen-Gesundheitspolitikerin Dr. Kirsten Kappert-Gonther an. Entscheidend sei auch, „Alltagswelten der Menschen gesundheitsfördernd zu gestalten“.

„Insbesondere in der Prävention gibt es noch viel zu tun“, betont auch FDP-Gesundheitspolitiker Professor Andrew Ullmann. „Wir müssen die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung auf breitester Basis stärken.“ Vor allem die Schulen seien hier gefordert, sagt Ullmann.

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Kommentare
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Lilia Renner

Sie können entwickeln , was sie wollen- kein Personal und dazu noch fähiges dafür da, die vorhandene besind sehr bemüht.
Evtl. soll man einem Teil von DSGVO-, Gender- , QM-Entwickler kündigten- dann müssen sie sich umorientieren, dann wird auch mit MFAs besser- obwohl da muß wirklich arbeiten, und nicht träumen.


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