Allgemeinmedizin

Nachwuchs-Mangel im Schlaraffenland

Selektivverträge bieten für Hausärzte im Südwesten auskömmliche Perspektiven. Doch der potenzielle Nachwuchs für die Allgemeinmedizin bleibt rar. Das Problem: Er geht an der Uni schon früh verloren.

Florian StaeckVon Florian Staeck Veröffentlicht:
Glücklich der Hausarzt, der hoffen kann, für seine Praxis Nachfolger zu finden. Selbst in Baden-Württemberg ist es in vielen Praxen schwierig, Nachwuchs zu finden.

Glücklich der Hausarzt, der hoffen kann, für seine Praxis Nachfolger zu finden. Selbst in Baden-Württemberg ist es in vielen Praxen schwierig, Nachwuchs zu finden.

© [M] arsdigital/fotolia.com | Tatiana Belova/fotolia.com

STUTTGART. Ein Weckruf ging durch den Saal: "Sie sind im Schlaraffenland der Hausärzte", rief Professor Klaus-Dieter Kossow, früherer Hausärzteverbandschef, den Teilnehmern des baden-württembergischen Hausärztetages am Samstag in Stuttgart zu.

Die Spitze des Landesverbands wollte eigentlich über die Perspektiven für Hausärzte unter der rot-schwarzen Regierung debattieren. Doch die eingeladenen Politiker (Hermann Gröhe, CDU; Karl Lauterbach, SPD; Harald Terpe, Grüne) wollten oder konnten nicht kommen.

So blieben potenziell kritische Kommentatoren der Hausarztverträge, die in der hausärztlichen Versorgung im Südwesten prägend sind, außen vor. Die Veranstalter benannten das Tagungsthema kurzerhand in "Perspektive Hausarzt" um.

Und die ist, was die Nachwuchssituation angeht, nicht rosig. Zuletzt gaben in Baden-Württemberg im Jahr 355 Hausärzte ihre Praxis ab, 220 Praxisübernehmer fanden sich. In den kommenden Jahren wird die Zahl der Hausärzte, die sich jährlich in den Ruhestand verabschieden wollen, auf 500 wachsen. Aber nur ganze 112 junge Ärzte im Jahr legten im Musterländle die Facharztprüfung Allgemeinmedizin ab.

Die in anderen Regionen einschlägigen Haupthindernisse für die Niederlassung gebe es so im Südwesten nicht, sagte KV-Chef Dr. Norbert Metke. Die Regressgefahr sei aufgrund des intelligenten Prüfsystems gegen null gesunken, die Belastung im Notdienst für Vertragsärzte werde durch die jüngste Reform der KV drastisch verringert, die Honorare seien dank der Hausarztverträge überdurchschnittlich.

Und: Die KV plane ein Modell, das neu niedergelassenen Ärzten unter bestimmten Bedingungen einen Garantieumsatz gewährt, kündigte er an.

Wissenschaftliche Infrastruktur fehlt

Kommt die frohe Botschaft beim potenziellen Nachwuchs an? Nicht unbedingt, machte die Medizinstudentin Bernadett Hilbert deutlich, die in München im kommenden Monat ihr zweites Staatsexamen ablegen und Allgemeinärztin werden will. Ein Grund: es fehlt die wissenschaftliche Infrastruktur.

Sie sei baff gewesen, als ihr klar wurde, dass es keineswegs an jeder Medizinischen Fakultät ein Institut für Allgemeinmedizin gibt. Viele Kommilitonen kämen erst spät - oft zu spät - mit der Allgemeinmedizin im Studium in Kontakt.

Oft geschehe dies erst dann, wenn sich Vorurteile oder Spezialisierungswünsche bereits verfestigt hätten, berichtete Hilbert. Hinzu kämen in Vorlesungen Dozentenkommentare von der Sorte: "Das muss selbst der Hausarzt im Hunsrück wissen."

Im Ergebnis sehe die eine Hälfte ihrer Kommilitonen die Allgemeinmedizin kritisch oder mit Vorurteilen, die andere Hälfte sei "ängstlich" mit Blick auf die Herausforderungen einer Niederlassung.

Und gerade acht von 300 Mitstudierenden hätten im Rahmen ihres Praktischen Jahres das Wahlfach Allgemeinmedizin absolviert. Hilbert plädierte für ein allgemeinmedizinisches Pflichtquartal: "Das Fach braucht eine faire Chance, sich den Studierenden überhaupt erst vorzustellen", sagte sie.

Hermann geißelt KV-System als "verkorkste Zwangswelt"

Wer die Hürden von PJ und fachärztlicher Weiterbildung überwunden hat und als Hausarzt im Südwesten arbeitet, findet dank der Selektivverträge attraktive finanzielle Rahmenbedingungen vor, sagte Medi-Chef Dr. Werner Baumgärtner. Durch die Hausarztverträge generiere er einen Mehrumsatz von 100.000 Euro im Jahr.

Der Fallwert im KV-System betrage rund 50, in der HzV dagegen rund 80 Euro. Angesichts dieser Zahlen, bekannte Baumgärtner, sei er "traumatisiert" aus der jüngsten KBV-Vertreterversammlung am vergangenen Donnerstag und Freitag in Berlin zurückgekehrt.

Die KBV-Vertreter hätten dort ein Jahr lang diskutiert, ob Selektivverträge eine eigenständige Versorgungsform sind. Nun habe die Mehrheit der KBV-Delegierten dem - von Baden-Württemberg heftig bekämpften - Positionspapier zugestimmt, wonach Selektivverträge nur als Ergänzung zum Kollektivvertrag angesehen werden. Das sei falsch, war einhellige Auffassung des Podiums.

"Die HzV steht als Ganzes im Wettbewerb mit dem Kollektivvertrag", sagte Landeshausärzte-Chef Dr. Berthold Dietsche. Baden-Württembergs AOK-Chef Dr. Christopher Hermann wurde deutlicher: Das, was die Selektivvertragswelt im Südwesten ausmacht, "lässt sich nicht in die verkorkste Zwangswelt des KV-Systems transformieren". Aber das, so Dietsche, könne oder wolle die Mehrheit der KBV-Delegierten nicht verstehen.

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