Studie zu Arztbesuchen

Patienten haben die freie Wahl

Welche Faktoren führen zu regional unterschiedlicher Nachfrage nach ärztlichen Leistungen? Zwei Forscher sind sich sicher: Patienten machen den Unterschied.

Veröffentlicht:
Zwischen den Bundesländern zeigen sich starke Unterschiede in der Nutzung der ambulanten ärztlichen Versorgung.

Zwischen den Bundesländern zeigen sich starke Unterschiede in der Nutzung der ambulanten ärztlichen Versorgung.

© imageBROKER / dpa

Essen. Unterschiede in der Nachfrage ambulanter Versorgung in Deutschland haben mehr mit unterschiedlichem Gesundheitsverhalten und Einstellungen der Patienten zu tun, weniger mit dem ärztlichen Angebot vor Ort. Das meinen der Gesundheitsökonom Ansgar Wübker vom RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und Martin Salm von der Universität Tilburg.

Die Wissenschaftler haben für ihre Studie (Journal of Health Economics 2020, 69: 102271) ambulante Abrechnungsdaten von 6,3 Millionen BKK-Versicherten im Zeitraum von 2006 bis 2012 untersucht. Teil des Datensatzes waren auch 203.000 Versicherte, die im Untersuchungszeitraum umgezogen sind.

Zwischen den Bundesländern zeigen sich starke Unterschiede in der Nutzung der ambulanten ärztlichen Versorgung. Stark überdurchschnittlich fragten Versicherte Leistungen im Saarland, in Berlin und Hamburg nach. Stark unterschiedlich taten dies Versicherte in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

Die Differenz in der Inanspruchnahme beispielsweise zwischen Brandenburg und Hamburg addiere sich auf mehr als 30 Prozent, schreiben die Autoren. Unterschiede in der Nutzung des Versorgungsangebots seien auch aus Studien in anderen Ländern bekannt.

Mehr Ärzte, mehr Arztbesuche gilt nicht

Maßgeblicher Faktor sei dort das vor Ort verfügbare ärztliche Versorgungsangebot gewesen. Anders in Deutschland: Mehr als 90 Prozent der Unterschiede gingen hierzulande auf die Patienten selbst zurück, schreiben die Autoren.

„Unsere Studie macht deutlich, dass ein höheres Angebot an Ärzten nicht automatisch dazu führt, dass Patienten öfter zum Arzt gehen“, erläutert Wübker. „Kulturelle Unterschiede und Einstellungen“ seien demgegenüber wichtiger.

Insbesondere untersucht haben die Autoren das Gesundheitsverhalten von Versicherten, die umgezogen sind. Davon wurde ausgegangen, wenn sich die ersten beiden Ziffern der Postleitzahl des Wohnorts im Zeitraum von 2006 bis 2012 geändert haben.

Doch auch nach dem Umzug nahmen die Versicherten im Schnitt ebenso viele ärztliche Leistungen in Anspruch wie zuvor – auch wenn sich das Versorgungsangebot zwischen den beiden Wohnorten unterschied.

Fachärzte stärker betroffen

Das deutsche Gesundheitssystem weise mit der strikten Regulierung der Niederlassung von Ärzten einerseits und der freien Arztwahl der Patienten auch über Versorgungsebenen hinweg ein Alleinstellungsmerkmal auf, betonen die Autoren.

Allerdings variiert die Bedeutung der Versorgung vor Ort, wenn zwischen Haus- und Fachärzten unterschieden wird. Bei Hausärzten gehen nur sieben Prozent der Unterschiede in der Nachfrage nach ärztlichen Leistungen auf regionale Unterschiede in der Versorgung zurück. Bei Fachärzten sind es 32 Prozent.

Angesichts der demografischen Entwicklung und der Strukturprobleme auf dem Land dürfte die Frage, „ob man zum Arzt geht oder nicht künftig stärker von der Versorgung vor Ort abhängen als bisher“, sagt der Autor Martin Salm. (fst)

Mehr zum Thema

Vision Zero-Kongress

Erfolgreicher Start für die Dekade gegen den Krebs

Kommentare
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden »Kostenlos registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Plenardiskussion beim Hauptstadtkongress 2022: „Frauen machen Gesundheit, Männer führen: Wo bleibt Female Empowerment?“ Es diskutierten (von links:) Dr. Christiane Stehle, Tanja Heiß, Emily Troche, Moderatorin Katharina Lutermann, Dr. Susan Niemeyer, Frederike Gramm, Oberin Doreen Fuhr.)

© Rolf Schulten

Wenige weibliche Führungskräfte

Wie kommt das Gesundheitswesen zu mehr Chefinnen?